Polarforschung Was ist los in der "Region des letzten Eises"?

Laut Klimamodellen gilt der Ozean nördlich von Grönland als Rückzugsort des letzten Arktiseises. Doch derzeit klafft dort ein großes Loch. Forscher sind irritiert.

Fehlendes Eis auf der Route der "Polarstern" vor Grönland
L. Kaleschke, Max-Planck-Institut für Meteorologie

Fehlendes Eis auf der Route der "Polarstern" vor Grönland

Von


Mehrmals sah es so aus, als würde es die "Oden" gar nicht schaffen. Unerwartet dick waren die Schollen des Packeises zusammengepresst, zwischen ihnen gab es im Gegensatz zu sonst auch keine offenen Wasserflächen. Seit 15 Jahren habe er keine so schwierigen Eisverhältnisse in der hohen Arktis vorgefunden, beklagte der Kapitän des schwedischen Eisbrechers.

Zum Glück war einige Zeit zuvor auch ein russischer Polarfahrer unterwegs gewesen - und die "Oden" konnte einige Zeit seine Spur nutzen. Vier Kilometer vom Nordpol entfernt war dann Schluss mit der Quälerei, das Forschungsschiff machte vor gut einer Woche an einer großen Eisscholle fest. Von dort aus untersuchen Forscher nun einen Monat lang vor allem die Atmosphäre in den hohen Breiten. Unter anderem geht es darum, wie sich Nebel in der Arktis bildet.

Kein Eis in Sicht

Im Durchschnitt gesehen erwärmt sich die Nordpolarregion weit schneller als der Rest der Welt. Der Anteil des mehrjährigen, dicken Eises, das auch einen heißen Sommer übersteht, wird beständig kleiner. Die Mehrzahl der Schollen bildet sich also aktuell jeden Winter neu - und verschwindet im Sommer. Woher kommt dann aber das dicke Eis am Nordpol gerade? Nun, was die "Oden" auf ihrer Reise erlebt hat, zeigt womöglich, wie grundlegend sich die Bedingungen in der Arktis gerade ändern.

Arktisches Eis (hier vor Ellesmere Island, Kanada) auf einem Archivbild
AFP

Arktisches Eis (hier vor Ellesmere Island, Kanada) auf einem Archivbild

Eine Vorstellung davon, was das heißt, bekommt man, wenn man sich die aktuelle Expedition eines weiteren Eisbrechers ansieht, der südlich der "Oden" seine Bahn zieht. Die deutsche "Polarstern" fährt gerade vor der Nordküste Grönlands, auf einer Expedition, bei der es vor allem um Geophysik geht. Und obwohl das Gebiet eigentlich die dickste Eisbedeckung in der gesamten Arktis haben sollte, ist das Forschungsschiff zuletzt unerwartet leicht vorangekommen - vor dem Norden Grönlands klafft nämlich ein Loch im Eis. Das höchst ungewöhnliche Phänomen ist auch auf Satellitenbildern zu erkennen.

"So viel offenes Wasser wie in diesem Jahr war da noch nicht zu sehen", sagt Lars Kaleschke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie dem SPIEGEL. Zwar habe es in den Jahren 2008 und 2014 eine vergleichbare Situation gegeben, doch sei die Fläche damals deutlich kleiner gewesen. "Offenes Wasser vor der grönländischen Nordküste ist unüblich" zitiert der "Guardian" die dänische Meteorologin Ruth Mottram. Auch sie schaut irritiert auf das fehlende Eis.

Auf der "Polarstern" profitiert man von den guten Eisverhältnissen. Diese machen es zum Beispiel möglich, die Gerätschaften für die seismischen Untersuchungen des Meeresgrundes an einem drei Kilometer langen Kabel hinter dem Schiff herzuziehen, das sorgt für gut aufgelöste Daten.

Müsste Kapitän Thomas Wunderlich Angst haben, dass das Schiff kurzfristig auf Eisschollen trifft, würden die Forscher einen deutlich kürzeren Abstand wählen. Es gebe "eine Art Entdeckergefühl, dass die 'Polarstern' nun in einem Seegebiet ist, wo Schiffe nur sehr selten hinkommen und welches bisher kaum vermessen ist", berichtet Wunderlich im "Polarstern"-Blog der Helmholtz-Forschungsgemeinschaft.

Refugium für Eisbären

Warum ist vor Grönland aber gerade so wenig Eis? Die Sache hat womöglich mit - zumindest kurzfristig - geänderten Wind- und Strömungsverhältnissen zu tun. Normalerweise schiebt die sogenannte Transpolardrift Eisschollen wie eine Art großes Förderband über den Arktischen Ozean: von Sibirien über die Region um den Pol bis vor Grönland. Weil das Eis dort nicht wegkann, türmt es sich dort immer höher, meterdick.

Die Region wird deswegen auch als "last ice area", die "Region des letzten Eises", bezeichnet. Hier, wenn überhaupt, sollen Eisbären und Walrosse zum Beispiel auch in den kommenden Jahrzehnten noch eine Zuflucht finden - weil in dem Gebiet laut Klimamodellen selbst in den kommenden Jahrzehnten noch dicke Schollen zu finden sein sollten, wenn der Ozean am Nordpol im Sommer längst eisfrei geworden ist.

ANZEIGE
Christoph Seidler:
Kalte Saat

Roman

Edition EP; Kindle Edition; 4,99 Euro. Taschenbuch; 8,55 Euro.

Doch genau das ist zumindest jetzt nicht der Fall. Statt meterdicken Eishügeln gibt es vor Grönland nun Wellen. Im Februar und März war es schon einmal so. Auch damals waren Forscher verwundert. Das alles muss kein Trend sein. Womöglich sind die geänderten Strömungsverhältnisse, die Umkehr der Transpolardrift, die wiederum für die dicken Schollen am Nordpol gesorgt hat, die der "Oden" das Leben so schwergemacht hat, nur ein kurzfristiges Phänomen. Womöglich beginnt die "last ice area" einfach etwas weiter westlich als bisher vermutet.

Womöglich passiert in der Arktis aber auch gerade etwas, das Forscher so nicht vorhergesehen haben. Auffällig ist, dass die Episoden mit einem eisfreien Ozean vor Grönlands Nordküste teils mit stark erhöhten Temperaturen einhergehen. Im Februar registrierte die Messstation am Kap Morris Jesup in Grönlands Norden tagelang Werte über dem Gefrierpunkt, in der vergangenen Woche wurden teils 10 Grad plus erreicht.

Noch läuft die Schmelzsaison

Die Gesamtausdehnung des Arktiseises ist aktuell übrigens so niedrig wie selten zu dieser Jahreszeit. Sie liegt bei rund 4,9 Millionen Quadratkilometern. Jeden Tag schmelzen etwa 110.000 Quadratkilometer ab, ein Gebiet von der Fläche Bulgariens. Satellitenmessungen zeigen, dass die Situation nicht so dramatisch ist wie im Jahr 2012, als der bisherige Negativrekord seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen vor knapp vier Jahrzehnten erreicht wurde.

Die Eisausdehnung liegt derzeit in der Größenordnung von 2007, dem zweitschlechtesten Jahr. Wie genau die Bilanz ausfällt, wird sich Ende September zeigen, so lange etwa dauert die Schmelzsaison noch.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.