Eismeer Bizarre Geschöpfe bevölkern die Tiefsee

Es ist eine Art Volkszählung der Unterwasser-Fauna in den südlichsten Gewässern des Planeten: Australische Forscher haben in der eisigen Tiefsee Wesen wie aus einer anderen Welt entdeckt - Riesenspinnen, Monsterquallen und gewaltige Würmer.


Es sind Kreaturen, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte, die Martin Riddle und seine Kollegen in antarktischen Gewässern beobachtet haben. Aber genau dort leben sie - in der Dunkelheit der antarktischen Tiefsee. Seespinnen mit dem Durchmesser von Platztellern, Quallen mit sechs Meter langen Tentakeln, Riesenwürmer, die am Meeresboden entlangkriechen - das Meer rund um den südlichsten Kontinent der Erde ist bevölkert von Wesen wie aus einer anderen Welt.

Riddle und sein Team sind gerade von einem dreimonatigen Ausflug ins südliche Meer zurückgekehrt. Eine Art Volkszählung in 1000 Metern Tiefe haben die Forscher dort durchgeführt - auch, um die Folgen des Klimawandels besser abschätzen zu können. Denn der setzt der Fauna im empfindlichen Ökosystem des Eismeeres besonders zu - und das gleich in doppelter Hinsicht.

"Sie leben in der Dunkelheit und haben ziemlich große Augen"

Was die Forscher dort fanden, unterscheidet sich von marinem Leben anderswo allein durch die schiere Größe vieler Organismen: "Gigantismus ist in antarktischen Gewässern sehr häufig", sagt Riddle, "wir haben riesige Würmer, gigantische Schalentiere und tellergroße Spinnen gesammelt". Riddle war der Chef des Forscherteams, das auf drei Schiffe verteilt durch die eisigen Gewässer des Südens streifte. In einem Radiointerview sagte der Forscher, die Wesen sähen zum Teil höchst eigentümlich aus: "Viele Leben in der Dunkelheit und haben ziemlich große Augen. Das sind merkwürdig aussehende Fische." Mancherorts sei der gesamte Meeresboden mit Leben bedeckt. "An anderen Stellen können wir tiefe Narben und Kerben sehen, wo Eisberge den Meeresgrund aufreißen, wenn sie vorbeitreiben", so Riddle.

Die drei Schiffe Aurora Australis, die französische L'Astrolabe und die japanische Umitaka Maru kamen in Tasmanien mit gut gefüllten Decks an: Einige der Kreaturen, die aus 200 bis 1400 Meter Tiefe geborgen wurden, wiegen bis zu 30 Kilogramm. "Sie hatten Flossen an den unterschiedlichsten Stellen, sie hatten komische baumelnde Sachen rund um ihre Mäuler", beschreibt Riddle einige der Funde. Etwa ein Viertel der nun erfassten Lebewesen war bislang unbekannt, schätzen die Forscher - genaueres werden nun DNA-Untersuchungen in Laboren rund um die Welt zeigen.

Das vielfältige Leben ist allerdings in Gefahr - und zwar durch den Klimawandel. Ein Ziel der aufwendigen Unterwasser-Volkszählung ist, die Folgen der globalen Erwärmung für die Fauna in der Region nachzuverfolgen. Die Auswirkungen sind vielfältig: Beispielsweise sorgt die erhöhte Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre dafür, dass das Meer weniger basisch, also gewissermaßen saurer wird. Das halten Schalentiere nur bis zu einem bestimmten Niveau aus - irgendwann löst sich der Kalk ihrer Schalen und die Tiere zerbröseln schlicht. Man erwarte, dass sich in den kalten, tiefen Gewässern um die Antarktis solche Effekte als erstes zeigten, so Riddle: "Was wir dort unten gesehen haben, waren gewaltige Korallengärten, die auf kalkhaltigen Organismen basieren, und das sind jene, die in einem zunehmend sauren Ozean als erste untergehen könnten."

Eine weiter Gefahr für die Unterwasserfauna entsteht durch die Wassertemperatur selbst: Weil die antarktischen Meere wärmer werden, trauen sich nun auch wieder Arten dorthin, die die Gegend wegen der für sie tödlichen Kälte bislang mieden. Eine allesfressende Krabbenart ist schon auf dem Vormarsch - bald können auch Haie wieder durch die Meere rund um den kalten Kontinent schwimmen.

Das Projekt "Census of Antarctic Marine Life" soll in den kommenden Jahren weitergehen - bis 2009 sollen 16 Reisen in die antarktischen Gewässer durchgeführt werden, um die Liste aller von Klimawandel bedrohten Arten dort zu vervollständigen. In 10 bis 15 Jahren sollen erneute Expeditionen dann zeigen, was die Erwärmung mit den Lebensgemeinschaften in der Tiefe angestellt hat.

cis/AP/Reuters



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