Eisschmelze an den Polen: Gletscherstürze beschleunigen Anstieg der Meere

Von

Klimaforscher sind alarmiert: Von den Eispanzern Grönlands und der Antarktis bricht vermehrt Eis ab - das Schmelzwasser erhöht den Meeresspiegel viel stärker als bislang vermutet. Milliarden Küstenbewohner sind betroffen.

Anschwellende Fluten: Fallende Eisberge, stürzende Schmelzfluten Fotos
JPL/ Eric Rignot

Viele Polarfahrer vergessen das Geräusch ihr Leben lang nicht: Auf einmal zerfetzt eine Art Kanonendonner die Stille der scheinbar so friedlichen Arktis. Dann krachen hausgroße Eisklötze vom Gletscher ins Meer; sie treten eine gewaltige Brandung los. Neuen Daten zufolge sind solche Eisstürze in den vergangenen Jahren häufiger geworden - die Schmelze an den Polen hat sich deutlich beschleunigt.

Schmelzfluten aus Grönland und der Antarktis heben den Meeresspiegel derzeit um 1,3 Millimeter pro Jahr, berichten Forscher um Eric Rignot nun im Fachblatt "Geophysical Research Letters". Das übertrifft die bisher geltende Schätzung des Uno-Klimareports, der alle paar Jahre den Stand der Forschung zusammenfasst, um das Dreifache. Eine am Mittwoch im Fachmagazin "The Cryosphere" erschienene Studie von Forschern um Louise Sorensen von der Universität Kopenhagen bestätigt in etwa die Zahlen für die beschleunigte Grönlandschmelze.

Bislang hoben sich die Ozeane vor allem, weil sich das Wasser aufgrund der Erderwärmung ausdehnte - seit 1993 um 1,6 Millimeter pro Jahr. Etwa die Hälfte des Meeresspiegelanstiegs führte die Uno bislang auf das vergrößerte Volumen von wärmerem Wasser zurück. Ein Viertel des bisherigen Anstiegs stammt laut Uno-Klimabericht von schmelzenden Gebirgsgletschern außerhalb von Grönland und der Antarktis. Doch diese dürften bis Mitte des Jahrhunderts so weit geschrumpft sein, dass ihr Schmelzwasser die Meerespegel nicht mehr nennenswert beeinflusst.

Niemand kann etwas damit anfangen

Viel eher als gedacht könnte die Polschmelze den größten Beitrag zum Anschwellen der Meere leisten, resümieren nun Rignot und seine Kollegen. Überraschenderweise schwemmen demnach die Eisreservoire in Grönland und der Antarktis bereits jetzt mehr Wasser in die Ozeane als die Gebirgsgletscher.

Wie schnell steigen die Meere? Auf welche Höhe müssen sich Milliarden Küstenbewohner einstellen? Wie stark müssen die Deiche aufgestockt werden? Diese Fragen gehören zu den wichtigsten der Klimaforschung. Doch die Antworten waren bislang verwirrend: Die Prognosen der Experten reichen von wenigen Zentimetern bis zu zwei Metern bis zum Jahr 2100 - damit kann niemand etwas anfangen.

Die Angaben schwanken zum einen, weil ihnen unterschiedliche Erwärmungsszenarien zugrunde liegen, je nachdem wie viele Treibhausgase in die Luft gelangen. Zum anderen gehen die Annahmen darüber auseinander, wie stark das Eis in Grönland, der Antarktis und in den Gebirgen tauen wird, deren Schmelzwasser die Meere hebt.

Stürme zerstören Messgeräte

Das Verhalten der Gletscher ist kaum verstanden: Mal werden Gletscher schneller, dann bremsen sie, mal tauen sie rapide, dann wachsen sie - ohne ersichtlichem Grund. Anfang des Monats erst berichteten Forscher im Wissenschaftsmagazin "Science", dass der Eispanzer der Ostantarktis wächst, weil er von unten her dicker wird. Und in Südostgrönland habe sich der Massenverlust seit 2005 deutlich verlangsamt, haben nun Rignot und seine Kollegen festgestellt.

Nicht bloß wärmere Luft bestimmt das Abfließen des Eises, sondern auch der Druck, den der Schild aus dem Hinterland ausübt. Zudem bildet der Untergrund Grönlands eine Senke, die das Abfließen erschwert. Auch das derzeit schmelzende Eis der Westantarktis taut offenbar nicht ungebremst: Die letzte Warmzeit vor 120.000 Jahren, als es etwa zwei Grad wärmer war als heute, hat der Eispanzer überlebt, berichten Glaziologen in einer Studie, die in Kürze im Fachblatt "Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology" erscheint.

Computermodelle können die künftige Entwicklung der Eisschilde nicht simulieren. Was tatsächlich geschieht, ist rätselhaft. Auf Grönland liefern lediglich einige Dutzend Messstation Daten; Stürme zerstören die Geräte regelmäßig. Die riesige Antarktis ist noch schlechter bestückt. Einzig Satelliten liefern einen groben Überblick. Letztes Jahr erspähten sie eine riesige Tauwasserlache auf den Rändern des Grönlandeises.

Beschleunigung festgestellt

Die Wissenschaftler um Eric Rignot haben nun Daten mehrerer Satelliten ausgewertet: "Grace" liefert seit 2002 Messungen der Erdanziehungskraft - Eisschwund bedeutet eine Verringerung der Anziehung. Außerdem werteten die Froscher Radarmessungen anderer Satelliten der letzten 20 Jahre aus, deren Echo die Oberfläche der Eispanzer nachzeichnet.

All diese Messungen sind schwer zu deuten, sie liefern nur einen groben Überblick. Doch die gute Übereinstimmung der Satellitendaten weise auf ein robustes Ergebnis hin, meint Isabella Velicogna, Klimaforscherin an der University of Colorado in den USA, eine Mitautorin der Studie.

Bislang sagten Glaziologen für die riesigen Gletscher der Antarktis eigentlich insgesamt ein Wachstum des Eispanzers voraus, obwohl die Westantarktis seit Jahren Eis verliert. In einer wärmeren Umwelt verdunste mehr Wasser, das über der Antarktis als Schnee niedergehen und den Eispanzer vergrößern würde, so die Theorie. Doch im Westen des Kontinents scheint sich das Tauwetter nun offenbar zu intensivieren. Die Eisbilanz der Antarktis sei inzwischen negativ, berichten die Forscher.

Die Schmelze an den Polen scheint sich sogar zu beschleunigen, berichten Rignot und seine Kollegen in ihrer neuen Studie: Von Jahr zu Jahr käme etwa 0,1 Millimeter Schmelzwasser aus Grönland und der Antarktis hinzu. "Hält der Trend an, dann würden die Meere wohl deutlich stärker ansteigen als angenommen", sagt Rignot.

Fallende Pegel

Doch Messungen der Meerespegel geben bislang keinen Anlass zur Panik: Sie zeigten einen moderaten Anstieg der Ozeane von lediglich 1,5 Millimeter pro Jahr, schrieben Forscher letztes Jahr im "Journal of Geophysical Reserach" . Setzt sich der Trend der Pegelmessungen fort, stünden die Meere Ende des Jahrhunderts um lediglich knapp 15 Zentimeter höher.

Die Meere steigen in unterschiedlichem Maße: Im Nordostatlantik oder Westpazifik etwa schwillt das Wasser seit Jahrzehnten an, während beispielsweise die Pegel in Mittelmeer, Südwestatlantik in den vergangenen Jahrzehnten im Durchschnitt konstant geblieben sind. Das berichteten Forscher vor zwei Jahren im Fachmagazin "Nature Geoscience". An manchen Küsten des Indischen Ozeans sind die Pegel demnach sogar gefallen. Hebungen der Erdkruste spielen dabei vermutlich eine Rolle.

Der Uno-Klimabericht kalkuliert Schmelzwasser der Gletscher in ihre Meeresspiegel-Rechnungen ein: Der letzte Report von 2007 konstatierte, dass sich der Meeresspiegel seit 1993 im globalen Durchschnitt 3,1 Millimeter pro Jahr angehoben hat, zuvor war er um 1,8 Millimeter pro Jahr angestiegen. Behielten die Ozeane dieses Tempo bei, lägen die Ozeane im Jahr 2100 etwa 30 Zentimeter höher.

Die neuen Daten aber zeigen: Diese Pegel könnten bereits bis Mitte des Jahrhunderts erreicht sein. Die Eisschmelze an den Polen würde mehr als die Hälfte zu dem beschleunigten Anstieg beitragen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 111 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ein richtiger Satz im Artikel!!!
Olaf aus der Hauptstadt 11.03.2011
"Messungen der Meerespegel geben bislang keinen Anlass zur Panik" - wow! ansonsten: "http://www.dailytech.com/Sea+Ice+Ends+Year+at+Same+Level+as+1979/article13834.htm"
2. Da bleibt nur eines...
nadja_romanowa 11.03.2011
...Meerwasser verbrauchen.
3. Methan ?
donbernd, 11.03.2011
Warum ist das im Eis gebundene Methan keine Erwähnung wert ? Die Katastrophe welche dieses auslösen wird stellt denn ANsteig der Meeresspiegel bei weitem in den Schatten , und um das zu erkennen muss man nichtmal Wissenschaftler sein, sondern es reichen Grundkenntnisse in Chemie.
4. Abhub und Kehrricht !
caro_1234 11.03.2011
Meine Güte, es gibt wunderschöne Fischer-Taschenbücher aus den 70igern die der Club of Rome herausgegeben hat - da steht das alles drin. Aber heute ist es überraschend und unerwartet - es ist so ein Hohn und Aberwitz. Es muss was geschehen, und das weiß man seit 40 Jahren. In Europa haben wir vielleicht Umweltschutz Maßnahmen ergriffen - aber nur um die Probleme wo anders hin zu verlagern. China erstickt dafür z B im Dreck. Alles was ein Mensch irgendwo auf diesem Planeten für umme bekommt, bezahlt jemand anderes, meist mit seiner Gesundheit. Der Planet zahlt immer und überall.
5. Die Leistungsgesellschaft als Selbstmordsekte
founder 11.03.2011
Und natürlich werden hier sofort wieder einige hoch konditionierte Anhänger der Leistungsgesellschaft posten, es gibt gar keinen Klimawandel und jeder Ausweg sei zu teuer, unbrauchbar, schlecht, ein Mist. Wir haben die Technik die Erde in ein Paradies zu verwandeln, aber die Menschen im Westen stehen unter den verhängnisvollen Einfluß einese destruktiven Kults, der Leistungsgesellschaft. Plakativ ausgedrückt: "Wenn der typische Bürger 2050 sein 2030 gekauftes Elektroauto mit den Strom von seiner 2020 gekauften Photovoltaik aufladet, dann haben wir eine stabile Gesellschaft erreicht" (http://politik.pege.org/2011-leistungsgesellschaft/ideal.htm) Doch das ist das schlimmste Feindbild der "Leistungsgesellschaft". Diese versucht daher alles um diesen Ausweg schlecht zu reden. Für die Gläubigen sind es alles logische Argumente die vorgebracht werden, aber in Wirklichkeit sind es nur die reliiösen Doktrin einer Selbstmordsekte. Denken wir zurück an die hunderten in der Schrottpresse zerstörten GM EV1 Elektroautos, das war Ausdruck der religiösen Doktrin dieser Selbstmordsekte keinen Ausweg zu lassen aus dem Problem der nur endlich vorhandenen fossilen Energie und der Folgeerscheinungen wenn man diese in kurzer Zeit verbrennt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Klimawandel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 111 Kommentare

Multimedia-Special