Eiszeit in Europa Mittendrin im Klimawandel

Eine Kältewelle hat Europa im Griff, während in der Arktis ungewöhnlich hohe Temperaturen herrschen. Einen unmittelbaren Zusammenhang zum Klimawandel bestreiten Forscher zwar. Aber sie verweisen auf eine Zunahme der Wetterextreme, zu denen auch die derzeitige Kälte gehört.

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Der Mensch ist ein Meister im Interpretieren. Wenn eine Beobachtung gut zu einer These passt, dann wird sie als Bestätigung der These gewertet. So kommen schnell falsche Urteile zustande, etwa derart, dass eine Ampel praktisch immer auf Rot steht, wenn man gerade über die Straße will.

Bei Wetterphänomenen konnte man in den vergangenen Jahren Ähnliches beobachten: Der Wirbelsturm "Katrina", das Elbe-Hochwasser von 2002 und sintflutartige Regenfälle in Asien - all das wird gern als Beweis für den stattfindenden Klimawandel angeführt.

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Extremkälte: Eiswinter erreicht Deutschland

Ganz so einfach ist die Lage freilich nicht. Auch die gegenwärtige Kältewelle, die Russland, Polen, Deutschland und weitere Länder fest im Griff hat, taugt kaum als schlüssiger Beweis für den Klimawandel. "Nur weil es zwei, drei Tage mal richtig kalt ist, denken die Leute gleich, die nächste Eiszeit ist da", sagt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, Meteorologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Die Kältewelle als Vorbote des Klimawandels, davon will Gerstengarbe nichts wissen. "Es geht nicht um Vorboten, wir sind mittendrin im Klimawandel", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dies lasse sich anhand von Klimadaten aus den vergangenen hundert Jahren klar belegen.

"Die Klimatologen sind sich sicher, dass Witterungsextreme zunehmen", so Gerstengarbe. Man müsse die Sache nur global analysieren, wie es bei großen Versicherungsunternehmen schon lange üblich sei.

Gerstengarbe warnt jedoch davor, ein einzelnes Ereignis wie den derzeitigen Frost herauszugreifen. "Das besagt gar nichts; Kältewellen sind nichts Besonderes."

Kälterekord minus 37,8 Grad im Jahr 1929

In den vergangenen Jahrzehnten habe Deutschland zudem schon deutlich tiefere Temperaturen erlebt. "Heute haben wir in Potsdam minus 18 Grad Celsius, 1929 waren es minus 26 Grad." Die derzeitige Großwetterlage Hoch Nordmeer-Fennoskandien sei nicht ungewöhnlich. "Diese tritt jedes Jahr mehrfach in Mitteleuropa auf - allerdings mit unterschiedlichen Auswirkungen", betont der Meteorologe. Die extreme Kälte in Russland habe die tiefen Temperaturen hierzulande verursacht.

Der absolute Minusrekord für Deutschland liegt allerdings schon 77 Jahre zurück und wurde am 12. Februar 1929 gemessen: Minus 37,8 Grad zeigte das Thermometer damals in Hüll, einem Ort im Kreis Pfaffenhofen an. Extreme Kälte ließ die Deutschen auch in den Jahren 1947, 1956 und 1963 zittern. "Was wir gerade erleben, löst bei mir nur ein Schulterzucken aus", sagt Gerstengarbe, der als Professor an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt."Anders wäre es, wenn die Kältewelle drei bis vier Wochen andauern würde."

Dass die Wetterextreme zunehmen, ist für den Potsdamer Forscher jedoch Tatsache. Zu den Extremen gehören auch Kältewellen, denn der Klimawandel führt nicht nur zu einer Erhöhung der Durchschnittstemperaturen, sondern zu einer Häufung extremer Temperaturen und Regenfälle - und zwar in beide Richtungen. Trockene Regionen leiden noch mehr unter Dürre, in Gegenden mit feuchtem Klima regnet es noch mehr.

Ein solches Extrem dürfte auch die relative Wärme in der Arktis darstellen, die Wissenschaftler derzeit auf der Forschungsstation Koldewey an der Westküste Spitzbergens beobachten. Sie registrierten die höchsten je im Januar gemessenen Temperaturen. Der Monat ist bisher fast 10 Grad wärmer als im Durchschnitt.

"Schon seit vielen Jahren sagen die Klimamodelle eine Erwärmung besonders in der Arktis voraus", erklärt der Bremerhavener Klimaexperte Peter Lemke. Ein Aufwärtstrend der Temperaturen sei dort tatsächlich seit mehr als 20 Jahren zu beobachten.

"Im Gesamtkontext ist das wieder ein Extrem mehr", meint Gerstengarbe. Ob die derzeitige Kälte tatsächlich als Extrem zu werten ist, wird sich wohl erst in den nächsten Tagen zeigen.



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