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17. Februar 2013, 19:54 Uhr

Wilderer in Afrika

Blutiger Dschungelkampf um Elefanten

Von Thomas Wagner-Nagy

Grausames Gemetzel in Afrika: Wilderer haben in den vergangenen Jahren in Gabun offenbar mehr als 11.000 Waldelefanten getötet. Wächter wollen die Ausrottung der Tiere verhindern - tief im Dschungel geraten sie in Schießereien mit den Elfenbeinjägern.

Hamburg - Höchste Wachsamkeit ist geboten, wenn sich Joseph Okouyi und sein zehnköpfiges Team durch den dichten Regenwald kämpfen. Die Parkhüter patrouillieren durch den Minkébé-Nationalpark im äußersten Nordosten von Gabun und folgen den Spuren von Wilderern. Die illegalen Elfenbein-Jäger haben die seltenen Waldelefanten in den Nachbarländern bereits an den Rand der Ausrottung gebracht.

Ein gemeinsamer Lagebericht mehrerer Naturschutzorganisationen über die Elefantenpopulation im Süden des Nationalparks offenbarte vor wenigen Tagen eine Katastrophe: Seit 2004 sind in Gabun mehr als 11.000 Waldelefanten getötet worden - im Schnitt also mehr als 1000 Dickhäuter im Jahr. Gabun gilt als letztes größeres Rückzugsgebiet der Waldelefanten, dort lebt mehr als die Hälfte der Art in Afrikas. Die Massaker hätten den Bestand aber nun dort um knapp die Hälfte, möglicherweise gar um drei Viertel schrumpfen lassen, berichtet der WWF. Im untersuchten Abschnitt des Parks leben demnach noch etwa 6900 Waldelefanten.

Okouyi und seine Helfer wollen die letzten verbliebenen Waldelefanten vor weiteren Massakern bewahren. Der Waldelefant (Loxodonta cyclotis) ist deutlich kleiner ist als der Savannenelefant und gilt erst seit wenigen Jahren als eigenständige Art neben dem Afrikanischen und dem Asiatischen Elefanten. Bei ihrer Suche versuchen die Wildhüter, den schwer bewaffneten Wilderern immer voraus zu sein. "Da sie oft ohne GPS unterwegs sind, orientieren sie sich an ihren eigenen Spuren", erklärt Chef-Ranger Okouyi. "An Fußspuren und abgehackten Ästen können wir ungefähr ablesen, wann sich dort jemand aufgehalten hat."

Gefesselt im Wald

Die Ranger müssen allerdings aufpassen, nicht selbst in einen Hinterhalt zu geraten. "Wir haben immer große Angst, dass sie uns zuerst entdecken", sagt Okouyi. Da sich auch die Wilderer oft tagelang in ihrem Jagdrevier aufhalten, finden die Parkhüter nicht selten provisorische Zeltlager mitten im Wald. "Manchmal tratschen sie sogar seelenruhig am Camp. Je unvermittelter wir zuschlagen, desto besser sind unsere Chancen, sie zu erwischen." Wenn es glatt läuft, geht alles ganz schnell: Die Ranger stürzen sich auf die illegalen Jäger und fesseln sie - wann immer möglich ohne Waffengewalt, meint Okouyi.

"Wenn die Wilderer selbst auf der Jagd sind, macht sie dies viel gefährlicher. Denn dann tragen sie sicher Waffen und zögern auch nicht, diese gegen uns einzusetzen." Kürzlich, so erinnert sich der Chef-Ranger, habe er mit seinem Team zwei große Bosse verhaftet und sie zwei Tage im Wald festgehalten. Die geflohenen Kameraden seien zurückgekommen und hätten sofort das Feuer eröffnet, um ihre Anführer zu befreien. Fünf Schüsse seien gefallen, verletzt haben sie niemanden. Die Gefangenen konnten allerdings entkommen. "Oft sind unter den Wilderern Pygmäen, die sich hervorragend im Regenwald auskennen", erzählt Okouyi.

Milde Strafen

Zehn verweste und drei frische Elefantenkadaver finden die Wildhüter im Schnitt pro Monat. Allein seit Anfang des Jahres haben sie 16 Wilderer verhaftet, berichtet Okouyi. "Darunter ist allerdings nur ein wichtiger Anführer, der Rest sind unbedeutende Handlanger." Die Wilderer würden angeklagt und vor Gericht gestellt.

Der Prozess verlaufe meist geordnet, meint Okouyi. Das Hauptproblem seien die laschen Gesetze: "Die Täter wissen genau, dass sie spätestens nach ein bis zwei Monaten wieder aus dem Gefängnis entlassen werden. Die Angst vor den Konsequenzen ihrer Aktionen hält sich daher in Grenzen", beklagt er und ist überzeugt, dass eine Verschärfung der Strafen viele Wilderer abschrecken würde. Ersttäter in Gabun erhalten laut dem aktuellen Wilderei-Bericht eine Gefängnisstrafe von maximal sechs Monaten.

Zusätzlich zur ohnehin schon geringen Hemmschwelle ist der Elfenbeinhandel in den vergangenen Jahren immer lukrativer geworden. Waren die Preise für das "weiße Gold" in der Region bis 2005 noch stabil, haben sie sich bis heute verzehnfacht, beklagt der WWF. Demnach könne heute das Elfenbein eines einzigen großen Elefanten für ein durchschnittliches Jahresgehalt eines Gabuners und für vier Jahresgehälter eines Kameruners verkauft werden. Das lockt Wilderer aus vielen ärmeren Teilen West- und Zentralafrikas nach Gabun.

Wohin geht der Schmuggel?

Zahlungskräftige Abnehmer finden sich in Asien, hauptsächlich in China, wo die große Nachfrage die Preise in die Höhe schnellen lässt. Auch Thailand bietet laut WWF einen der weltweit größten Schwarzmärkte für afrikanisches Elfenbein. Die Naturschutzorganisation hat daher eine Petition gestartet, um den Elfenbeinhandel in Thailand zu verbieten.

21 Tage im Monat, 15 Stunden täglich sind die Parkhüter im Minkébé-Nationalpark auf Streife. Pro Monat suchen sie im dichten Wald Strecken zwischen 50 und 100 Kilometern ab. "Seit sieben Monaten patrouillieren wir nun regelmäßig durch den Park und sind bisher noch immer hauptsächlich damit beschäftigt, die bisherigen Schäden festzustellen", sagt Chef-Ranger Okouyi.

Da noch nicht einmal der ganze Nationalpark erschlossen ist, sei es zu früh, um von sichtbaren Erfolgen der Überwachung zu sprechen. Sechs Zehnergruppen stehen dem Einsatzleiter zur Verfügung - er bräuchte mindestens doppelt so viele, um effektiv arbeiten und seinen Leuten angemessene Ruhepausen ermöglichen zu können. Trotz der regelmäßigen Rückschläge, der Strapazen und der allgegenwärtigen Lebensgefahr ist sich Okouyi sicher, dass der Kampf gegen die Wilderei und für das Überleben der Waldelefanten gewonnen werden kann.

Der WWF sieht die Ursache des Problems fernab von Afrika: "Initiativen in Kamerun, Tschad und Gabun wie der Einsatz von Militär und Neueinstellung von Rangern sind ein Tropfen auf den heißen Stein", meint Ilka Herbinger, Afrika-Referentin der Organisation. "Um die blutige Elfenbein-Wilderei zu stoppen, sind die Regierungen der Abnehmerstaaten in der Verantwortung. Länder wie China oder Thailand müssten dringend im eigenen Land Aufklärungsarbeit leisten. "Da die Netzwerke weltweit organisiert sind und sogar oberste Regierungskreise bestechen, braucht es regionale Abkommen", fordert Herbinger. Damit Wilderer grenzüberschreitend verhaftet werden könnten.

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