Macron auf der Weltklimakonferenz Bei der Kohle ein Held - dank Atomkraft

Frankreichs Präsident sorgt auf der Klimakonferenz für Begeisterung. Er will bis 2021 aus der Kohleenergie aussteigen. Was übersehen wird: Kohle spielt im französischen Energiemix kaum eine Rolle.

Macron auf der Klimakonferenz in Bonn
REUTERS

Macron auf der Klimakonferenz in Bonn

Aus Bonn berichtet


"Atomkraft? Nein danke": Auf der Weltklimakonferenz in Bonn sind Anti-Atomkraft-Slogans allgegenwärtig. Am Mittwochabend aber geschah dort Erstaunliches: Atomkraftgegner bejubelten den Chef eines Landes, das seinen Strom zu fast drei Vierteln aus Atomkraft gewinnt: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Ausgerechnet er ist der neue Held der Umweltbewegung.

Was war geschehen?

Macron hatte den Ausstieg Frankreichs aus der Kohleenergie binnen weniger Jahre angekündigt. Bis Ende 2021 sollen die letzten paar Kohlekraftwerke des Landes abgeschaltet sein, sagte er. Die erzeugen jedoch nicht mal fünf Prozent des Stroms in Frankreich.

Macron forderte zudem einen Preis von 30 Euro pro Tonne ausgestoßenem Kohlendioxid (CO2), dem wichtigsten Treibhausgas, das vor allem bei der Verbrennung von Kohle freigesetzt wird. Eine Forderung, die Frankreich mit nur sieben Prozent Anteil fossiler Energie an der Stromerzeugung weitaus weniger treffen würde als fast alle anderen Länder.

Hessens grüne Umweltministerin Priska Hinz twitterte: "Starke Rede von Macron". Die Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock, ebenfalls von den Grünen, machte Frankreichs Präsidenten zum Vorbild: "Während Macron beim Klimaschutz in die Zukunft blickt, bleibt Deutschland in der Vergangenheit hängen."

Was im Jubel über Macron unterging: Der schnelle Kohleausstieg ist leicht machbar, weil Frankreich alte Atomkraftwerke deutlich länger laufen lässt als geplant. Jüngst hatte Macron bekanntgegeben, dass sein Land das Ziel verschieben werde, den Anteil von Nuklearenergie an der Stromproduktion auf 50 Prozent zu verringern und damit 18 Kernkraftwerke abzuschalten. Eigentlich sollte es 2025 erreicht werden, nun aber zehn Jahre später.

Greenpeace kritisierte den Präsidenten dafür heftig. Die Organisation forderte aber gleichzeitig in einem "offenen Brief" mit 17 anderen Umweltverbänden, Frankreich solle eine Führungsrolle beim Klimaschutz übernehmen, mithin den CO2-Ausstoß einzudämmen helfen.

Umweltverbände dürfen idealistische Forderungen stellen, vielleicht ist das sogar ihre Bestimmung. Aber Politiker müssen die Realität gestalten. Dem französischen Umweltminister Nicolas Hulot, seit Langem in der Umweltbewegung tief verankert, wird das gerade eindrücklich vorgeführt.

Erdgas aus Russland?

Im Sommer noch hatte Hulot versprochen, sein altes Ziel durchzusetzen, die Atomkraft mit Hilfe von Wind- und Sonnenenergie auf einen Anteil von 50 Prozent zu reduzieren. Der Traum hielt der Realität nicht stand, seine Regierung kassierte ihn.

Vermutlich brachte das Fehlen möglicher Alternativen für die Atomkraft den Umschwung: Solange Frankreich nicht weitaus mehr erneuerbare Energieerzeuger zur Verfügung stehen, müsste es Erdgas aus Russland und dem Nahen Osten importieren.

So aber bleibt das Land Energieexporteur: Sein Überschuss an Atomenergie ermöglicht es anderen europäischen Ländern, klimafreundliche Energie einzukaufen - und ihre Klimabilanz aufzubessern. Der neue Klimaheld Macron gründet seinen Ruhm auf Atomstrom.

Diese Möglichkeit hat Deutschland mit dem Atomausstieg abgewählt. Deshalb musste Kanzlerin Angela Merkel dem französischen Präsidenten auf der Weltklimakonferenz den Applaus der Umweltgruppen überlassen.

insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Aranea avicularia 16.11.2017
1. Französisches Blendwerk
typisch Frankreich: Kohle spielt dort bei der Energieversorgung überhaupt keine Rolle, aber gleichzeitig lässt das Land Dutzende maroder AKW am Netz. So war es auch bei der Flüchtlingspolitik: wortgewaltige Ankündigung von Macron, Frankreich würde sie generös aufnehmen. De fact waren es dann 30.000 Handverlesene.
klaus64 16.11.2017
2. Die Kleinstaaterei der Welt
Die Atomkraftwerke haben am Ort der Energieerzeugung keine Emissionen. Die Herstellung der Brennstäbe schon, aber wen interessiert das. Übrigens ist die Emissionsproblematik bei den "Batterieautos" das Gleiche. Leider werden wir mit solcher nur punktueller Betrachtung das weltweite Klimaproblem niemals lösen. Vor 200 Jahren behinderte die europäische Kleinstaaterei die industrielle Entwicklung. Heute behindert die weltweite "Kleinstaaterei" die Lösung weltweiter Probleme.
nesmo 16.11.2017
3. Umweltschutz durch Atomkraft
Da muss man halt abwägen. Saubere Umwelt mit dem "Restrisiko" der Atomkraft, oder Drecksluft mit anderen Restrisken. Theoretische Risiken der Atomkraft gegen Klimawandelrisiken durch Co2-Ausstoß abzuwägen ist zwar kaum möglich. Alternative Energien stehen noch nicht ausreichen zur Verfügung. Als Überbrückungsenergie, bis wirklich Alternativen bestehen, erscheint Atom, mit "nur" einem theoretischen Risiko gegen Kohle mit einem realen Risiko die fast bessere Variante. Möchte man lieber neben einem Atomkraftwerk in sauberer Luft leben oder ohne Atomkraftwerk im Smog?
Hebbe29 16.11.2017
4. Ja,
Wären wir nicht aufgrund der medial verbreiteten Panik so schnell aus der Atomenergie ausgestiegen, dann könnten wir Kohle- und Atomenergie gemeinsam auslaufen lassen und wären umweltmässig fein raus. Außerdem hätten wir noch großes Potential, andere Länder zu beraten. So aber müssen wir wegen der fluktuierenden Wind- und Solarenergie ständig einige Kohleblöcke im wenig effizienten und ungesunden Teillastbetrieb laufen lassen und blamieren uns damit jämmerlich. Panik war noch nie ein guter Ratgeber.
Heinze 16.11.2017
5. Was übersehen wird:
Jetzt geht sie also los, die Relativites der Deutschen Medien/Regierung. Ich hatte eigentlich gedacht, dass es erst 2020 soweit wäre, wenn sich das ganze Desaster der Deutschen Energiewende international offenbart. "Was übersehen wird" An diesen Spruch sollten wir uns schon mal gewöhnen. Es wird der neue Schlachtruf unserer weltverbessernden Eliten, wärend ihres Abstiegs aus dem Olymp der Selbstbeweihräucherung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.