Endlager Ex-Atommanager soll Gorleben-Gutachten schreiben

Ausgerechnet ein früherer Atommanager soll eine entscheidende Sicherheitsanalyse für das geplante Endlager in Gorleben mitverfassen. Die Auftraggeber im Bundesumweltministerium halten das für unproblematisch: Es gebe eben nicht mehr so viele Experten zum Thema.

Erkundungsbergwerk Gorleben: Diskussionen um Sicherheitsgutachten
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Erkundungsbergwerk Gorleben: Diskussionen um Sicherheitsgutachten


Gorleben - In Berlin versucht gerade ein Untersuchungsausschuss des Bundestags zu ergründen, wie der Salzstock von Gorleben zum geplanten deutschen Atomendlager werden konnte. Unterdessen gehen die Arbeiten unter Tage voran. Schon bald soll erneut geprüft werden, ob in Gorleben die geologischen Voraussetzungen für eine sichere Lagerung des Strahlenabfalls gegeben sind. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will die seit zehn Jahren unterbrochenen Erkundungsarbeiten noch in diesem Jahr wieder aufnehmen lassen.

Jetzt soll ausgerechnet der umstrittene frühere Atommanager Bruno Thomauske bei den Vorarbeiten zur weiteren Erkundung Gorlebens mitwirken. Das Bundesumweltministerium ist Auftraggeber der Arbeiten - und bestätigt die Personalie, über die zuvor der "Stern" berichtet hatte.

Thomauske hat derzeit einen Lehrstuhl für den Nuklearen Brennstoffkreislauf an der Technischen Hochschule Aachen - ist also fachlich durchaus prädestiniert, sich zum Thema Gorleben zu äußern. Pikant sind allerdings gleich mehrere Dinge: Vor seinem Engagement in der akademischen Welt war Thomauske Chef des Atombereichs im Energiekonzern Vattenfall. Als die Firma beim Krisenmanagement nach dem Trafobrand im Atomreaktor Krümmel vor drei Jahren schwere Fehler beging, musste auch Thomauske seinen Posten räumen - gemeinsam mit Vorstandschef Klaus Rauscher und PR-Chef Johannes Altmeppen.

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Gorleben: Besuch im umstrittenen Salzstock
Schon Thomauskes Wechsel in die Energiewirtschaft hatte für Wirbel gesorgt, weil der promovierte Physiker vorher jahrelang beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) beschäftigt war. Dort war er als Abteilungsleiter einer der entscheidenden Akteure bei der Bearbeitung von Genehmigungen von Atomanlagen. In dieser Position war er sowohl mit dem Endlager Schacht Konrad als auch mit Zwischenlagern an Kernkraftwerken befasst - unter anderem an solchen, die er später als Energiemanager leiten sollte. "Damit hat sich die Industrie mal eben das gesamte Insiderwissen des Amts eingekauft", zitierte die "taz" einen von Thomauskes Ex-Kollegen.

Scharfe Kritik von Atomkraftgegnern

Dass Thomauske nun am Gorleben-Gutachten mitarbeitet, hat noch aus einem weiteren Grund ein Geschmäckle: Sein Lehrstuhl an der Technischen Hochschule Aachen ist vom Energiekonzern RWE gesponsert. Die Stromkonzerne drängen auf den Bau eines nuklearen Endlagers - und verweisen darauf, dass schon rund anderthalb Milliarden Euro in die bisherigen Untersuchungen in Gorleben investiert worden sind.

Für das Ministerium ist die Rolle des früheren Strahlenschützers, dann Atommanagers, dann Akademikers nach eigenem Bekunden nicht problematisch. Thomauske sei ein anerkannter Fachmann: "Wir sind darauf angewiesen, Experten mit den höchsten Kompetenzen ins Boot zu holen", sagte ein Ministeriumssprecher. Man bemühe sich, das gesamte zur Verfügung stehende Know-how in Anspruch zu nehmen. "Nach elf Jahren Unterbrechung bei den Erkundungsarbeiten in Gorleben ist der Kreis der Experten nicht mehr sehr groß."

Atomkraftgegner kritisieren den Auftrag für Thomauske scharf: "Der Filz erreicht unter Bundesumweltminister Norbert Röttgen eine neue Qualität", sagte der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Wolfgang Ehmke. Floskeln wie Transparenz, Ergebnisoffenheit und Bürgerbeteiligung würden durch derartige Personalentscheidungen konterkariert. "Unsere Einschätzung, wie wir die Einbindung von Atom- und Gorleben-Befürwortern bewerten, schwankt zwischen scham- und skrupellos", sagte Ehmke.

Die vorläufige Sicherheitsanalyse für den Standort Gorleben soll bis Ende 2012 vorliegen und alle bisher vorliegenden Erkenntnisse über den Standort zusammenführen. Das Papier soll von unabhängigen Experten begutachtet werden.

chs/ddp

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Optihut, 04.08.2010
1. .
Zitat von sysopAusgerechnet ein früherer Atommanager soll eine entscheidende Sicherheitsanalyse für das geplante Endlager in Gorleben mitverfassen. Die Auftraggeber im Bundesumweltministerium halten das für unproblematisch: Es gebe eben nicht mehr so viele Experten zu Thema. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,710145,00.html
Unerhört! Wieso werden auf einmal Leute mit Sachkenntnis herangezogen? Gibt es keine Grundschullehrer mehr, die man statt dessen beauftragen könnte?
saul7 04.08.2010
2. ++
Zitat von sysopAusgerechnet ein früherer Atommanager soll eine entscheidende Sicherheitsanalyse für das geplante Endlager in Gorleben mitverfassen. Die Auftraggeber im Bundesumweltministerium halten das für unproblematisch: Es gebe eben nicht mehr so viele Experten zu Thema. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,710145,00.html
Bitte nicht, da wird ja der Bock zum Gärtner gemacht....
frubi 04.08.2010
3. .
Zitat von OptihutUnerhört! Wieso werden auf einmal Leute mit Sachkenntnis herangezogen? Gibt es keine Grundschullehrer mehr, die man statt dessen beauftragen könnte?
Es gibt mit Sicherheit jede Menge Fachleute die noch keinen Draht zur Atomindustrie haben. Man fürchtet nur die Wahrheit, die einem von diesen Fachleuten ins Gesicht geworfen würden.
nvf 04.08.2010
4. Achtung Sarkasmus
Zitat von frubiEs gibt mit Sicherheit jede Menge Fachleute die noch keinen Draht zur Atomindustrie haben. Man fürchtet nur die Wahrheit, die einem von diesen Fachleuten ins Gesicht geworfen würden.
"Man" = Regierung oder Stromkonzerne? Ich fürchte vor allem letzteres. Weshalb nicht gleich die AKW Betreiber ein Gutachten schreiben lassen, natürlich eins das nichtmehr überprüft wird? Würde Zeit und Geld sparen. Alternativ kann man den ganzen Krempel doch auch irgendwo in den Wald, Nord-/Ostsee oder in irgend ne Grube werfen. So und jetzt Spass bei Seite, ich bin dafür, dass Verantwortliche in unmittelbarer Nähe ihres AKWs wohnen müssen :)
Graphite 04.08.2010
5. hahaa
Damit dürfte der ausgang dieses Papiers schon fest stehen! alles zu 100% sicher! genau so wie Asse! wir und unsere Kinder werden in eine strahlende zukunft blicken!
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