Enorme Langlebigkeit Forscher rätseln über Greisenalter des Grottenolms

Die unscheinbaren Grottenolme haben offenbar das Geheimnis des Jungbrunnens für sich entdeckt: Forscher haben herausgefunden, dass die kleinen Tiere vermutlich über 100 Jahre alt werden können. Doch wie sie das schaffen, ist für die Wissenschaftler noch ein großes Rätsel.

Grottenolm: Der Schwanzlurch liebt die Dunkelheit
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Grottenolm: Der Schwanzlurch liebt die Dunkelheit


Im Norden Vietnams leben die sogenannten schwarzen Thai. Sie glauben fest an die Kraft der Dunkelheit, leben in Häusern ohne Fenster und färben sogar ihre Zähne schwarz. Was nach einer abstrusen Lebensweise klingt, ist vielleicht tatsächlich erfolgversprechend. Im Fachmagazin "Biology Letters" berichten französische Forscher um Yann Voituron von der Université Claude Bernard Lyon von einem Lebewesen, das sich ebenfalls durch seine Liebe zur Dunkelheit auszeichnet - und vermutlich über 100 Jahre alt wird: dem Grottenolm.

Das Tier verwirrt die Wissenschaftler und stellt sie vor große Rätsel: Denn offenbar lässt nichts vermuten, dass die Tiere aus der Familie der Olme wacker dem Alterungsprozess trotzen. Der Grottenolm, so die Ergebnisse der Forscher, weist kaum ein Merkmal auf, das man bisher mit einer überdurchschnittlich hohen Lebenserwartung in Verbindung bringt. Normalerweise steigt diese bei Amphibien mit der Körpermasse an. Grottenolme erreichen jedoch nur ein Maximalgewicht von 20 Gramm. Zudem ist er mit einer Länge von 25 bis 30 Zentimetern weder besonders groß, noch ist sein Energieumsatz besonders niedrig.

Eine weitere Theorie zu langlebigen Tieren schreibt deren hartnäckiges Überleben einer besonders effektiven Bekämpfung von Sauerstoffradikalen zu. Diese werden bei normalen Stoffwechselvorgängen gebildet und schädigen Erbgut, Proteine und Fette. Doch auch in dieser Hinsicht zeichnet sich der Grottenolm nicht durch außergewöhnliche Fähigkeiten aus.

Mehrere Vermehrungszyklen

Trotzdem erreichen die Tiere ein extrem hohes Alter, auf den auch ihr Entwicklungsprozess ausgelegt zu sein scheint. Die weiblichen Tiere werden erst mit 15 Jahren geschlechtsreif und legen dann etwa alle 12,5 Jahre 35 Eier. Die gefährlichste Lebensperiode der Grottenolme ist ihre frühe Kindheit. Bis zu einem Alter von sechs Jahren sind die Überlebenschancen eher gering - danach steigt die durchschnittliche Lebenserwartung auf gut 68 Jahre. Die Forscher prognostizieren, dass ein Viertel der zarten, aalähnlichen Kleinlebewesen ein Alter von 85 Jahren überschreiten wird.

Diese Erkenntnis ist das Ergebnis eines Experiments, das bereits im Jahr 1952 in einer Grotte im französischen Moulis gestartet wurde. Wissenschaftler siedelten damals ein Zuchtprogramm an. Es ist das heute weltweit einzig erfolgreiche seiner Art. Inzwischen wird die Grotte von über 400 Tieren bevölkert. Die Forscher registrieren sämtliche Geburten und Todesfälle. Derzeit sind die ältesten Olme der Grotte mindestens 48 Jahre alt und zeigen keine Anzeichen von Alterung.

Grottenolme leben als dauernde Larvenform und haben einen stromlinienförmigen Körper. Sie wohnen in sauberen, sauerstoffreichen und vor allem dunklen Ruhigwasserbereichen unterirdischer Flusssysteme. Bei starkem Lichteinfall verstecken sie sich flugs zwischen Gesteinspalten. Um sich in der Dunkelheit zurechtzufinden nutzen sie ihren Geruchs- und Gehörsinn sowie sogenannte Seitenlinienorgane, wie sie auch Fische haben. Innerhalb von Höhlen haben Grottenolme offenbar keine Fressfeinde und was die eigene Ernährung angeht sind sie höchst anspruchslos. Auf Grund ihrer ökonomischen Lebensweise können sie bis zu sechs Jahre sogar ganz ohne Nahrungsaufnahme auskommen.

Die Forscher bleiben der Langlebigkeit der Grottenolme weiter auf der Spur: Das Tier sei ein vielversprechendes Modell, um bisher unbekannte Mechanismen zu entdecken, die Alterungsprozesse bei Wirbeltieren aufhalten, hoffen die Biologen.

smk/dpa



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