Entdeckung eines US-Forschers Wundersamer Regenwald-Pilz erzeugt Biodiesel

Er kann Stroh zu Gold machen - sprich: Pflanzenabfälle in Diesel verwandeln. US-Pflanzenforscher haben im südamerikanischen Regenwald einen Pilz entdeckt, der die Biosprit-Produktion revolutionieren könnte. Vielleicht beantwortet er auch die Frage, wie Öl überhaupt entstanden ist.


Irgendwann ist es alle. Keiner weiß, wann genau. Aber das ist eigentlich auch nicht die entscheidende Frage. Denn irgendwann ist Öl einfach viel zu teuer - und damit auch Benzin.

Womit werden unsere Autos dann fahren? Wasserstoff? Strom? Alkohol? Das Rennen um den Treibstoff der Zukunft ist noch völlig offen. Wissenschaftler gehen bei ihrer Suche neue Wege. Einer davon: Aus Pflanzenabfällen Sprit brauen. Es klingt wie Science-Fiction und erinnert ein wenig an den verrückten Doc Brown aus "Zurück in die Zukunft". Der betankte - als er gerade aus der Zukunft zurückgekehrt war - seine Zeitmaschine nicht mehr mit radioaktivem Plutonium, sondern nur noch mit Abfällen aus dem Hausmüll.

Mit Müll Autofahren - es klingt wie ein Traum.

Pflanzenabfälle kann man nicht essen - nimmt man sie als Grundlage für die Biospritproduktion und nicht etwa Getreide oder Mais, ergibt sich auch nicht das ethische Dilemma, zwischen der Produktion von Sprit oder Nahrung wählen zu müssen.

Für die Umwandlung der Pflanzenabfälle, also der Zellulose, braucht man Helferlein - manche versuchen es mit Hefepilzen, manche mit Bakterien. Beide muss man gentechnisch dazu zwingen. Denn Hefepilze und Bakterien möchten als Ausgangssubstrat gerne Zucker. Wenn man ihnen den geben möchte, dann muss man die Zellulose erst chemisch in ihre Zuckereinheiten zerschlagen. Das ist umständlich und kostet wertvolle Energie. Eine Wunder-Mikrobe, die man einfach millionenfach auf einen Ballen Heu kippt und die daraus direkt tankfertigen Treibstoff in effizienter Ausbeute produziert, gibt es nicht. Noch nicht.

Auf der Suche nach einem "völlig neuen Pilz"

Derjenige, der es schafft, solch eine Mikrobe gentechnisch herzustellen, der hat den heiligen Gral der Biotreibstoffproduktion gefunden.

Ist dieser Jemand Gary Strobel? Der Pflanzenforscher von der Montana State University hat im Regenwald Patagoniens einen Pilz entdeckt, der das Zeug zum Star hat: Gliocladium roseum. Es ist ein Pilz, der sich bislang dem Licht der Öffentlichkeit entzogen hat. Zurückgezogen lebt er in einem Baum, der Chilenischen Scheinulme, die in Patagonien wächst. In dem Fachmagazin " Microbiology" berichtet Strobel von seinem besonderen Fund.

Er war auf der Suche nach "völlig neuen Pilzen in diesem Baum", wie er sagt. Dazu leitete er antibiotisch wirkende Gase eines anderen Pilzes in den Baum, und alle Pilze starben - bis auf einen: Gliocladium roseum. Der produzierte selbst antibiotische Gase.

Aber nicht nur. Als Strobel und sein Team den Pilz im Labor untersuchten, erlebten sie eine gehörige Überraschung. Die Gase von Gliocladium roseum enthielten eine Fülle verschiedenster Kohlenwasserstoffe: Alkane, Alkene, Esterverbindungen, Alkohole und Fettsäuren.

Viele Mikroben produzieren Kohlenwasserstoffe. Baumbewohnende Pilze scheinen besonders explosive Verbindungen herzustellen, schreiben die Pflanzenforscher. Das Besondere an Gliocladium roseum aber war, so Strobel, dass er unter sauerstoffarmen Bedingungen Verbindungen produzierte, die die Hauptbestandteile von Diesel sind. Gary Strobel und seine Kollegen nennen das Pilz-Gebräu daher auch "Mykodiesel".

Und: Der Pilz kam mit dem unterschiedlichsten Futter zurecht - auch mit Zellulose. Diesel aus Zellulose! "Die Ergebnisse waren völlig unerwartet, sehr aufregend. Ich hatte eine Gänsehaut", sagte Strobel der Wissenschafts-Plattform "Alphagalileo". Die Forscher ließen den Pilz in Petrischalen mit verschiedenen Futtermedien wachsen. Es stellte sich heraus, dass er mit der Zellulose am meisten Mykodiesel produzierte - wenngleich die Ausbeute bei Hafermehl als Futtermedium noch höher war, wie die Forscher schreiben.

Zu aufwendig, zu langsam, zu geringe Ausbeute

Eckhard Boles forscht an der Herstellung von Biosprit aus gentechnisch modifizierten Hefepilzen. Er ist skeptisch: "Es ist völlig unrealistisch, dass dieser Pilz jemals für die Produktion von Mykodiesel eingesetzt wird", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Kultivierung ist viel zu aufwendig, er produziert nur unter sauerstofflimitierten Bedingungen, die meisten Experimente sind in Petrischalen gemacht." Zudem seien die produzierten Mengen viel zu gering und die Produktionszeiten zu lange. Tatsächlich ließen die Forscher den Pilz 18 Tage lang verdauen, bevor sie seine Produkte untersuchten.

Ähnlich sieht das auch Alexander Steinbüchel, Mikrobiologe an der Universität Münster: "Es wird eine beachtliche Vielfalt von Produkten vorgetäuscht, von denen allerdings nur sehr wenige mengenmäßig wirklich ins Gewicht fallen." Die Autoren, so Steinbüchel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, hätten bewusst eine in der Biotechnologie ungewöhnliche Konzentrationseinheit - parts per million und sogar parts per billion statt Gramm pro Liter - gewählt, um diese winzigen Mengen überhaupt noch erfassen zu können. "Dieser Umstand und die Tatsache, dass keine einheitliches Produkt sondern ein ganzer Strauß von Produkten gebildet wird, macht diesen Stamm nicht gerade attraktiv für ein biotechnologisches Verfahren", meint Steinbüchel. Zudem seien schon einige andere Mikroorganismen beschrieben worden, die ähnliche Verbindungen in Mengen des Glicladium-Pilzes bilden könnten.

Selbst wenn er zur Effizienz für eine etwaige industrielle Mykodiesel-Produktion in seiner Arbeit noch keine Aussagen machen kann, glaubt Strobel dennoch, dass der Pilz eine Menge Potential besitzt. Wenn nicht er selbst, dann auf jeden Fall seine Gene und Enzyme. In ihnen sieht Strobel eine wertvolle Ressource für die Zukunft der Biospritproduktion.

Boles stimmt zu: "Wenn es gelänge, die verantwortlichen Gene und Enzyme zu identifizieren und diese in produktionsfreundlichere Mikroorganismen wie Hefen oder Bakterien zu übertragen, dann ergeben sich vielleicht interessante Perspektiven."

Aber die Pilzentdeckung könnte auch noch offene Fragen aus der Vergangenheit beantworten: "Es ist vielleicht nicht abwegig zu spekulieren, dass die Kohlenwasserstoffe im oberen Erdmantel durch Fermentation von Pflanzenabfällen durch Pilze unter sauerstoffarmen Bedingungen entstanden sein könnten", schreiben Strobel und seine Kollegen in ihrer Arbeit.

"Die gängige Theorie ist: Rohöl ist aus den Überresten von Tieren und Pflanzen entstanden, die Millionen Jahre lang Hitze und hohem Druck ausgesetzt waren", sagte Strobel "Alphagalileo". "Wenn Pilze wie dieser im Regenwald Mykodiesel produzieren, dann haben sie vielleicht auch zur Entstehung von fossilen Brennstoffen beigetragen."



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SirRobin 04.11.2008
1. Schneller abholzen!
Und schon ist wieder klar... Wir müssen schneller den Regenwald abholzen... Nicht dass wir noch auf mehr solche unentdeckte Schätze stoßen... BP, Exxon und Co. werft die Motorsägen an - und wehe die laufen mit Biosprit ;-)
Albedo4k8, 04.11.2008
2. Individuelle Mobilitaet um jeden Preis
So scheint wohl das Motto zu sein, egal was dafuer auf die Strecke bleibt anstatt das individuelle Mobilitaetsprinzip als ganzes mal ein wenig zu ueberdenken (weniger ist oft mehr) wird alles versucht den Status Quo zu halten bzw. noch um jeden Groessenwahsinn zu erweitern, egal mit welchen sozialen, wirtschaftlichen und Umweltfolgen.
m*sh, 04.11.2008
3. Zu schoen um wahr zu sein
Und schliesslich - am Ende des Artikels - wird der Pferdefuss erkennbar. Der Pilz hat zwar ein ungemein interessaantes Potential und wird uns vielleicht auch helfen, einige Prozesse die Kohlenstoffe betreffen besser zu verstehen, aber ein wirklicher Nutzen kann erst entstehen, wenn die verantwortlichen Gene und Enzyme identifiziert und in andere Mikroorganismen ubertragen wurden ... Hmmm, ich persoenlich lehne Gentechnik ab, so lange die Folgen nicht absehbar und vollstaendig verstanden sind. Pilze, Mikroben und andere Organismen gentechnisch zu manipulieren halte ich fuer eine sehr gefaehrliche Sache. Nichtsdestotrotz bin ich davon ueberzeugt, dass die Natur noch viele Ueberraschungen bereithaelt und sich ein Blick auf diese Organismen immer wieder lohnen wird. Ob man dabi nun das Muellproblem, Energie oder Pharmazeutika im Auge hat nebensaechlich, so lange es verantwortungsbewusst geschieht.
ofelas 04.11.2008
4. gehoert jetzt uns
und die Amis werden ein Weltpatent auf diesen, von ihnen "entdeckten" Pilz aufstellen
guertelr 04.11.2008
5. Alle?
"Irgendwann ist es alle. Keiner weiß, wann genau. Aber das ist eigentlich auch nicht die entscheidende Frage. Denn irgendwann ist Öl einfach viel zu teuer - und damit auch Benzin." So auf das Zitat und dem dahinter stehendem Dogma, dass auf uns lastet wie die Geschichte vom Klimawandel verursacht durch Menschen, möchte ich antworten: http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2008/11/william-engdahl-vortrag-ber-erdl.html Dieser Clip soll dem Einen oder Anderen neue Denkanstöße geben und natürlich zur recherche anregen :-)
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