Epigenetik: Die Mär vom Krieger-Gen

Von Jörg Blech

Mit immer neuen DNA-Analysen wollen Biologen das Verhalten des Menschen erklären. Doch vermeintliche Entdeckungen wie Schwulen-, Dikatoren- oder Krieger-Gene erweisen sich als Unfug. Stattdessen erkennen Forscher die Rolle der Umwelt: Erfahrungen prägen das Erbgut.

Das Wissen um die DNA: Was Gene verraten Fotos
Reuters

Der Abschnitt Xq28 auf dem Geschlechtschromosom X war mal richtig berühmt. Auf ihm, so der amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer Anfang der neunziger Jahre, liege das "Schwulen-Gen".

Die vermeintliche Entdeckung einer biologischen Grundlage der Homosexualität sorgte damals für Debatten in der ganzen Welt. Die einen begrüßten die triumphale Meldung der Biologen: Wenn das Schwulsein angeboren sei, würden es alle Teile der Gesellschaft endlich als naturgegeben akzeptieren - mehr Verständnis für homosexuelle Männer werde die Folge sein.

Andere fürchteten eine verstärkte Diskriminierung von Schwulen. Jetzt, da der "Defekt" entdeckt sei, könne man die Betroffenen per Gentest ausfindig machen und versuchen, sie zu behandeln. Sexualwissenschaftler, Soziologen und Aktivisten meldeten sich zu Wort; Journalisten widmeten dem scheinbar sensationellen Befund große Geschichten.

Doch es war viel Lärm um nichts: Xq28 umfasst vier Millionen Basenpaare - das postulierte Schwulen-Gen hat sich trotz intensivster Suche bis heute nicht finden lassen. Die beteiligten Forscher haben sich schwer blamiert.

Gleichwohl ist die Gen-Gläubigkeit im Volk bis heute nicht zu erschüttern. Das mag dem kollektiven Kurzzeitgedächtnis geschuldet sein, der Sehnsucht nach einfachen Erklärungen oder dem Unterhaltungswert der immer neuen Funde, der ja nicht zu bestreiten ist: Einer neueren Studie zufolge sprechen Versuchstiere mit einem ausgeschalteten Gen namens CAMK4 besonders auf Rauschgift an - und schon ist vom "Kokain-Gen" die Rede. In Wahrheit aber ist die Gemengelage unklar: Die Hälfte der Süchtigen haben nämlich ein intaktes CAMK4-Gen. Und beinahe die Hälfte der Nicht-Süchtigen wiederum trägt das vermeintliche Sucht-Gen.

Debatten um vermeintliche Diktator- und Krieger-Gene

Einem anderen Befund zufolge hängt ein Erbfaktor namens AVPR1a mit besonders rücksichtslosem Verhalten zusammen. Prompt wird spekuliert, das "Diktator-Gen" erkläre die Gräueltaten von Adolf Hitler. Allerdings schreiben andere Studien dem AVPR1a ganz andere Eigenschaften zu: musikalische Begabung, Talent zum Tanzen, Vorlieben für bestimmte Nahrungsmittel und die Fähigkeit, gut mit dem Ehepartner auszukommen.

Einen Sturm der Entrüstung schließlich hat der neuseeländische Epidemiologe Rod Lea entfacht, als er die Entdeckung eines "Krieger-Gens" verkündete. Mit einer bestimmten Variante des MAOA-Gens erklärte er das aggressive Verhalten der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Mehr noch: Auch die Probleme mancher Maori in der modernen Gesellschaft - einen Hang zu Glücksspiel und Drogensucht - brachte Lea mit dem Gen in Verbindung. Rätselhaft allerdings bleibt, warum der Forscher die angebliche Wirkung des Gens auf die Maori zugeschnitten hat: 60 Prozent aller Asiaten tragen das angebliche "Krieger-Gen"; unter Europäern dürfte der Anteil bei 40 Prozent liegen.

Mit ihren Schein-Entdeckungen unterhalten die Verhaltensgenetiker die Öffentlichkeit immer wieder. Schüchtern, cholerisch, melancholisch - alles in die Wiege gelegt. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, Menschen könnten sich nicht ändern.

Welche genetischen Mechanismen prägen die Persönlichkeit?

Doch studiert man genau, was Untersuchungen an Tausenden von Geschwistern, Zwillingen und adoptierten Kindern ergeben haben, dann stellen sich viele offene Fragen. Die genetischen Mechanismen, die hinter der Persönlichkeit stehen, sind in Wahrheit "eines der größten Rätsel der Verhaltensforschung", so das Wissenschaftsmagazin "Science".

Unstrittig ist inzwischen: Die beharrlich vermeldeten Verhaltensgene gibt es so gar nicht. Viele genetische Mechanismen, aber eben auch viele kulturelle Faktoren kommen zusammen, wenn sich Selbstbewusstsein, Religiosität oder etwa Ehrgeiz ausprägen.

Und vor allem: Der Einfluss der Gene auf das Verhalten ist keine Einbahnstraße. Es gibt auch einen Pfeil, der von außen nach innen zeigt: Soziale Faktoren wirken auf Gene der Nervenzellen, verändern das Gehirn und damit das Verhalten. Eindrucksvoll haben Forscher das bei Vögeln beobachtet. Wenn ein Zebrafink den Gesang eines anderen Männchens hört, dann führt das dazu, dass ein Gen namens EGR-1 in seinem Gehirn verstärkt abgelesen wird. Die noch nie gehörte Melodie eines fremden Männchens führt zu einer viel stärkeren Aktivität von EGR-1 als das Gezwitscher, das dem Fink schon vertraut ist.

EGR-1 ist selbst ein Schlüsselgen, das seinerseits andere Gene anschalten oder ausknipsen kann. Auf diese Weise kann, durch eine Art Schneeballeffekt, eine genetische Antwort entstehen, die viele tausend Gene betrifft und sich in verschiedenen Regionen des Gehirns abspielt. Das soziale Umfeld bewirkt also breite Veränderungen an vielen Stellen des Erbguts. Aus Sicht eines Zebrafinken bedeutet das: Die Antwort der Gene hilft dem Gehirn, sich auf eine veränderte soziale Umwelt einzustellen, etwa auf das Eindringen eines singenden Nebenbuhlers in sein Revier. Die genetischen Spuren sozialer Erfahrungen können offenbar auch Säugetiere ein Leben lang prägen, wie etwa Versuche mit Mäusen gezeigt haben.

Wie Schwächlinge zu Herrschern werden

Ein weiteres Beispiel ist der Schwarzkehlmaulbrüter. Das ist ein in Ostafrika beheimateter Barsch, der in Aquarien gehalten wird - und dort für Ärger sorgen kann: Die Männchen, die bis zu zwölf Zentimeter groß werden, gehen recht ruppig miteinander um. Ein Becken ist meist zu klein für zwei Barsche. Das stärkere Männchen dominiert das Geschehen. Es ist prächtig gefärbt und schwimmt dem schwachen Männchen drohend in den Weg. Dieses ist blass und sexuell unreif.

Allerdings hat der vermeintliche Schwächling das Potential zum Alpha-Fisch. Forscher haben zwei Männchen und einige Weibchen in einem Becken gehalten und dann den dominierenden Barsch aus dem Wasser genommen. Damit schlug die Stunde des anderen: Innerhalb von Minuten bekam er eine prächtige Farbe und zeigte dominantes Gehabe. Die Chance, auf der sozialen Leiter endlich nach oben zukommen, veränderte die Arbeitsweise der Gene: In den Gehirnzellen entstand verstärkt EGR-1, was wiederum eine Kaskade von physiologischen Veränderungen auslöst: Aus dem Untertan wurde ein Herrscher.

Weil das Schlüsselgen EGR-1 sich auch in anderen Wirbeltieren finden lässt, dürfte es weit verbreitet und auch im Körper des Menschen aktiv sein.

Die Befunde zeigen in dieselbe Richtung: Soziale Erfahrungen und Beziehungen zu den Mitmenschen verändern die Art und Weise, wie Gene im Gehirn arbeiten. Damit ist das Verhalten keineswegs fixiert, sondern es wird durch soziale und kulturelle Faktoren gesteuert. Der biologische Einfluss schwindet mit den Lebensjahren, Erfahrungen gewinnen ein größeres Gewicht und prägen die Persönlichkeit.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
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1. ?
Geometretos 11.08.2010
Die Tatsache, daß das Gen für Homosexualität noch nicht entdeckt wurde, heißt nicht, daß es nicht existiert! Wenn Homosexualität also nicht angeboren ist, sind dann doch die Eltern "schuld"? Wie kann man das Ihrer Ansicht nach verhindern?
2. Geist der Wissenschaft
madoschilus 11.08.2010
Wir treiben immer mehr zum Hokuspokus des Mittelalters zurück. Keiner weiß genau, welche Gene was bewirken, aber anhand von naiv ausgewerteten Statistiken und Zufallsfunden werden sofort Ergebnisse veröffentlicht. Man sollte zurück zur fundierten Wissenschaft, dann sieht es nämlich um die Anzahl der Veröffentlichungen der Genetiker ziemlich schlecht aus.
3. -
J. Knau 11.08.2010
Na diese Nachricht könnte ja direkt vom Gender-Mainstreaming Ministerium selbst geschrieben worden sein. Spiegel Online politisch ganz korrekt auf Linie, bravo...
4. Nicht die ganze Wahrheit
Lin86 11.08.2010
Natürlich gibt es nicht "DAS" Schwulengen, genauso wenig wie es das "Vegetariergen" oder sonstwas gibt. Was soll diese takische Ablenkung? Aber natürlich prägen unsere Gene auch unser Verhalten, das sollte eigentlich jedem klar sein. Und was Homosexualität angeht, so ist ein genetischer Einfluss längst nachgewiesen. Bei eineiigen Zwillingen liegt die Übereinstimmung bei einer homosexuellen Orientierung bei über 50%, bei zweieiigen Zwillingen bei 20%, bei Brüdern nur bei 5%. Wer hier einen genetischen Einfluss leugnet, der biegt sich die Fakten zurecht. Vermutlich gibt es eine Reihe von Gensequenzen (in unterschiedlichen Abschnitten des Erbgutes), die im Zusammenspiel (oder alleine) und mit gegenseitiger Wechselwirkung unsere sexuelle Orientierung beeinflussen. Solche populärwissenschaftlichen Artikel alla "gibt kein Homogen" verkennen völlig die Komplexität unseres Erbguts, und dass es eben nicht "EIN Gen" für "EINE Eigenschaft" gibt.
5. Väter und andee Alphatiere
wip 11.08.2010
Zitat von sysop;6018206Allerdings hat der vermeintliche Schwächling das Potential zum Alpha-Fisch. Forscher haben zwei Männchen und einige Weibchen in einem Becken gehalten und dann den dominierenden Barsch aus dem Wasser genommen. Damit schlug die Stunde des anderen: Innerhalb von Minuten bekam er eine prächtige Farbe und zeigte dominantes Gehabe. Die Chance, auf der sozialen Leiter endlich nach oben zukommen, veränderte die Arbeitsweise der Gene: In den Gehirnzellen entstand verstärkt EGR-1, was wiederum eine Kaskade von physiologischen Veränderungen auslöst: Aus dem Untertan wurde ein Herrscher.http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,711227,00.html
Die scheint mir ein neues Licht auf die Diskussion über die Rolle des Vaters als (fehlendes) Vorbild für Jungen. Nimmt man den dominierenden Vater aus dem Becken (=Familie), gibt es Platz, in der sich der (männliche) Nachwuchs entfalten kann: Brandt, Clinton, Schröder, Obama .., Nur ein paar (vaterlose) Beispiele? Frage: Geht es bei der ganzen Diskussion wirklich um Vorbilder für Jungen, oder nicht eher um die Angst der Väter, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken?
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Illustration Leonello Calvetti für den SPIEGEL; Foto Axel Martens für den SPIEGEL
Heft 32/2010:
Der Sieg über die Gene
Klüger, gesünder, glücklicher: Wie wir unser Erbgut überlisten können

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Buchtipp

Jörg Blech:
Gene sind kein Schicksal.
Wie wir unsere Erbanlagen und unser Leben steuern können.

Fischer S. Verlag GmbH; 286 Seiten; 18,95 Euro.

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DER SPIEGEL


Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene sogenannte Nukleinsäuren: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.