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Epochale Erdansichten: Spiel-Karten der Weltmächte

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Ein möglichst klares Abbild der Erde ist seit Jahrhunderten das Ziel von Kartografen. Doch ihre Werke dienten nicht allein zum Orientieren oder Navigieren: Mit ihnen wurde Politik gemacht, die Welt revolutioniert - SPIEGEL ONLINE zeigt die Kartenschätze.

Der Mensch des 21. Jahrhunderts überfliegt die Erdkugel mit unglaublicher Geschwindigkeit. 3D-Programme wie Google Earth machen das Stöbern auf dem Globus zu einer Spielerei. In Sekundenschnelle schaltet die Software von Satellitenaufnahmen auf Fotos um, die vom Flugzeug aus geschossen wurden. Jeder noch so abgelegene Winkel der Erde ist erfasst, Höhenmodell inklusive.

Auch vor 500 Jahren erkundeten Menschen die Welt - allerdings nicht vom bequemen Stuhl im klimatisierten Büro aus. Unerschrockene Männer bestiegen Holzschiffe, mit denen sie sich auf den offenen Ozean hinauswagten. Was sie hinter dem Horizont erwartete, wussten sie nicht. Exakte Weltkarten, wie wir sie heute kennen, standen Christoph Kolumbus oder Ferdinand Magellan nicht zur Verfügung. Die Kartografie steckte noch in den Kinderschuhen, die Vorstellungen vom Aufbau der Welt waren gefärbt von Religion und Politik.

Wie sehr Landkarten die Menschen und den Lauf der Geschichte beeinflusst haben, beschreibt Jeremy Harwood in seinem Sachbuch "Hundert Karten, die die Welt veränderten" (siehe Kasten). Der Autor erzählt die Geschichte der Kartografie von ihren prähistorischen Anfängen über Agrippas Karte des Römischen Reichs und die erste geologische Karte Englands bis zu Google Earth.

"Teil der Machtverhältnisse"

Karten begleiten den Menschen schon seit Jahrtausenden. Bereits vor etwa 12.000 Jahren wurde ein Stadtplan auf einen Mammutzahn geritzt, es folgten Darstellungen der Griechen und Römer. Ein wahrhafter Boom der Kartografie setzte dann zu Ende des Mittelalters ein - befeuert von den Möglichkeiten des Buchdrucks und den Entdeckungen der Seefahrer.

Karten waren jedoch stets mehr als bloßes Abbild oder Navigationshilfe. Sie seien "Teil der Machtverhältnisse einer Gesellschaft", schreibt Sarah Bendall, Geografin von der University of Cambridge, in der Bucheinleitung. Karten könnten vorhersagen, beschreiben, agieren und reagieren, Vorstellungen einer Zeit bestärken, beeinflussen oder verändern.

Die Geschichte der Kartografie, die Harwood anhand von hundert Karten erzählt, ist hierzulande kaum noch Thema. "Damit beschäftigen sich an deutschen Hochschulen momentan nur noch Historiker, Kartografen und Geografen leider nicht mehr", sagt Wolfgang Crom, Leiter der Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das sei "sehr bedauerlich". Nachdem der letzte Lehrstuhlinhaber vor einigen Jahren gestorben sei, komme Kartografie-Geschichte nun in erster Linie noch in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen vor.

Verzerrt und weggelassen

Zumindest Laien können in dem Buch der hundert Karten eine Menge entdecken. So beispielsweise die Geschichte der Kartenkriege, die im 17. Jahrhundert zwischen den französischen und britischen Kolonialmächten ausgetragen wurden. Mehrere französische Kartografen versuchten, die eigenen Gebiete in Nordamerika zu Lasten britischer Besitzansprüche aufzuwerten. Englische Kolonien wurden kleiner dargestellt, das von Franzosen beherrschte Gebiet übermäßig groß.

Mit Kartentricks arbeiteten Zeichner auch während der Konflikte zwischen Niederländern und Engländern in Nordamerika - ebenfalls im 17. Jahrhundert. Jede Seite nutzte eigene Karten, in denen Ortsnamen der Gegenseite möglichst vermieden wurden. Was nicht verzeichnet war, sollte nicht existieren.

Derartige, auch über Karten ausgetragene Konflikte gibt es sogar noch heute. "Japan und Korea streiten sich seit Jahren über die Benennung des zwischen ihnen liegenden Gewässers", erzählt der Berliner Geograf Crom. Für die Südkoreaner sei es das Ostmeer, für Japaner das Japanische Meer. "Beide Seiten schicken Forscher in Bibliotheken, die auf historischen Karten Beweise für die jeweils gewünschte Bezeichnung finden sollen", berichtet Crom.

Cholera-Ausbrüche aufgeklärt

Vor diesem Hintergrund scheint die These des Buches von den Karten, die die Welt veränderten, zuzutreffen. Doch Crom, der auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kartographie (DGfK) ist, hält die Aussage für überzogen. "Ganz so weit möchte ich nicht gehen", sagt er. "Karten waren aber immer ein wichtiges Hilfsmittel."

Als Beispiel dafür nennt er sogenannte thematische Karten aus dem 19. Jahrhundert, etwa über Winde, Strömungen oder Hydrologie, die auch in Harwoods Buch ausführlich beschrieben werden. "Man kann aus bestimmten Raummustern Rückschlüsse ziehen, zum Beispiel über die Seuchenausbreitung", sagt Crom. Behörden hätten dank dieser Erkenntnisse reagieren und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen können.

Ein bekanntes Beispiel dafür sind die beiden Cholera-Karten der Stadt London, die der Arzt John Snow 1855 anfertigte. Sie zeigten, wie das Auftreten der damals wissenschaftlich wenig verstandenen Krankheit mit der Trinkwasserversorgung durch verschiedene Unternehmen zusammenhing. Snow konnte eine einzelne Pumpe als Schuldigen mehrerer Cholera-Ausbrüche ausmachen. Der Betreiber, die Southwark & Vauxhall Water Company, gewann ihr Trinkwasser unweit einer Stelle an der Themse, wo dreckige Abwasserkanäle in den Fluss mündeten. Der Weg der Infektion war aufgeklärt - dank eines Stadtplans.

Digitale Kartenwelt kommt zu kurz

Solche Episoden aus der Welt der Kartografie sind es, die das Buch lesenswert machen. Auch die teils doppelseitigen Reproduktionen historischer Karten beeindrucken. Was Harwoods Buch fehlt, sind ausführlichere Erläuterungen etwa zur Mercator-Projektion, die dank ihrer Winkeltreue erstmals das Navigieren ermöglichte. Und auch andere Kartenprojektionen kommen viel zu kurz. Dabei zeichen sie doch gerade ein völlig anderes Bild der Welt.

Leider nur gestreift wird die Welt der digitalen Kartografie, Stichworte GPS, Google Earth und Mash-ups. Diese neuen Technologien werden unsere Welt künftig noch stärker verändern, als es eine ungenaue Karte aus dem Mittelalter je vermochte.


Jeremy Harwood: Hundert Karten, die die Welt veränderten;
National Geographic; Hamburg; 2007; 192 Seiten, 34,95 Euro

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