Erdbeben Geröll könnte Nordsee-Tsunami auslösen

Tsunamis sind in Europa lange nicht mehr vorgekommen und unwahrscheinlich - das glaubten Experten bisher. Jetzt aber hat ein Geologe in alten Chroniken neue Hinweise gefunden: Der Nordseeboden wird regelmäßig so schwer erschüttert, dass die Katastrophe nicht auszuschließen ist.

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Es war eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes. Vor 8150 Jahren erschütterte ein Beben Norwegens Küste zwischen Bergen und Trondheim. Die Stöße rissen Erdmassen von der Größe Islands vom Flachwasser in die Tiefsee. Wie ein Stein in einer Pfütze löste die Lawine Wellen aus, die sich kreisförmig ausbreiteten - gewaltige Tsunamis rasten über die Nordsee. An den Stränden Schottlands waren die Wogen noch bis zu sechs Meter hoch. Geologen fanden dort ein verwüstetes Steinzeitlager.

Kann sich so etwas wiederholen? Die Umweltbedingungen waren damals andere als heute: Vor 10.000 Jahren begann der drei Kilometer dicke Eispanzer zu schmelzen, der Nordeuropa während der Eiszeit bedeckte. Dies entlastete die Erdkruste, diese hob sich mitunter ruckartig - die Erde bebte. Inzwischen habe sich der Boden aber beruhigt, meinten Experten bisher: Nur selten komme es entlang tektonischer Risse am Meeresboden zu stärkeren Erschütterungen, und diese würden keine Riesenwellen auslösen. So bebte es am 24. Januar 1927 im Meer zwischen Norwegen und Großbritannien, am 7. Juni 1931 zwischen Dänemark und Großbritannien und am 18. November 1929 nordwestlich Schottlands. Ein Beben in der Straße von Dover im Jahre 1580 fand Erwähnung in Shakespeares "Romeo und Julia". Ansonsten blieb es ruhig - so schien es bisher.

Chroniken verzeichnen schwere Beben

Doch jetzt hat der Geologe Roger Musson vom Britischen Geologischen Dienst in Edinburgh Chroniken entdeckt, die in eine ganz andere Richtung weisen. So berichten mehrere Dokumente aus dem 16. Jahrhundert von einem Beben am 19. September 1508. "Es war ein großes Erdbeben, nicht nur in Schottland, sondern in ganz England. Es erschütterte vor allem die Kirchen, was als Vorzeichen des Umsturzes der Religion interpretiert wurde", schrieb der Schotte John Leslie, Bischof von Ross.

Offenbar war es keines der lokal begrenzten Beben, wie sie England und Schottland hin und wieder erleben. Diese These vertrat Musson kürzlich auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien. Für einen schweren Schlag spreche, dass vor allem Kirchen betroffen waren. Denn Starkbeben in weiter Ferne würden bevorzugt Hochbauten wie Kirchtürme in Schwingung versetzen. Dass nicht von Schäden berichtet werde, deute darauf hin, dass der Herd des Bebens am Meeresboden lag.

In langjähriger Recherche in Bibliotheken, Kirchenarchiven und alten Chroniken fand Musson weitere beunruhigende Berichte. Die Eintragungen legten nahe, dass auch in den Jahren 1089, 1508, 1607, 1686 und 1847 der Meeresboden nahe Großbritannien stark erschüttert wurde, schreibt der Forscher in einer Studie, die in Kürze erscheinen soll.

Möglicherweise ereigneten sich Beben nicht nur häufiger als bisher gedacht, sondern waren auch stärker, sagt Musson im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Nachweis allerdings fällt schwer - denn erst seit den siebziger Jahren werden Beben vor der europäischen Küste mit Messgeräten aufgezeichnet.

Sorge um Stabilität des Kontinentalhangs

Mussons Archivfunde lenken den Blick auf den Kontinentalhang Nordwesteuropas. Die Untermeer-Klippe zwischen Flachwasser und Tiefsee vor Norwegens Küste fällt 3800 Meter tief ab. Könnte ein Beben die auf dem Hang lagernden Sedimente ins Rutschen bringen - wie vor 8150 Jahren?

Für die Küste vor Storegga bestehe keine Gefahr, versichern norwegische Forscher nach jahrelangen Untersuchungen. Mit der großen Lawine vor 8150 Jahren sei das meiste Lockermaterial abgeglitten, sagt Tore Kvalstad vom Norwegischen Geotechnischen Institut zu SPIEGEL ONLINE.

Die Küsten nördlich und südlich der Storegga-Rutschung wurden allerdings weniger gründlich erforscht. Eine Gruppe um Petter Bryn vom Energiekonzern Norsk Hydro und Anders Solheim vom Internationalen Zentrum für Geokatastrophen in Oslo hat die norwegische Westküste unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Während der vergangenen Million Jahre hat es mancherorts Rutschungen entlang der norwegischen Westküste gegeben.

Die meisten waren deutlich kleiner als jene bei Storegga. 1999 aber entdeckten Forscher vor Norwegens Nordküste die Spuren einer gewaltigen Lawine, die nun erstmals inspiziert wurden. Eine Gruppe um Daniel Winkelmann und Wilfried Jokat vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven (AWI) berichtet im Fachblatt "Geochemistry Geophysics Geosystems", dass die Sandmassen ähnlich mächtig sind wie die der Storegga-Rutschung. Der sogenannte Yermak-Slide (auch: Hinlopen-Slide) sei vermutlich vor knapp 30.000 Jahren in die Tiefsee gestürzt und habe Tsunamis ausgelöst, schreiben die Forscher.

Gefährliche Wissenslücke

Ob es wieder dazu kommen kann, hängt auch von der Sedimentmischung auf dem Kontinentalhang ab. Die Ablagerungen sind jedoch kaum erforscht - eine Wissenslücke mit womöglich fatalen Folgen. Denn im Sediment können sich ausgedehnte Tonschichten verbergen, die als Rutschbahnen für Lawinen geeignet sind. Steile Sandschichten wären ein weiteres Alarmzeichen. Sie würden schon durch eine leichte Erschütterung in Bewegung geraten.

Der größte Unsicherheitsfaktor sind womöglich sogenannte Methanhydrate: gashaltige Eisschichten, die den Sand auf den Hängen wie ein schwacher Kleber zusammenhalten. Ändern sich Wasserstand oder Temperatur, könnte sich der Kitt auflösen, warnte eine Gruppe um Angus Best von der University of Southampton Ende Mai im Fachblatt "Eos". Möglicherweise könne auch ein Erdbeben die labile Architektur ins Rutschen geraten lassen, sagt der AWI-Forscher Wolfram Geissler.

Welche Folgen eine erneute Mega-Lawine hätte, zeigen Computermodelle norwegischer Wissenschaftler. Sie haben den Verlauf der Katastrophe prognostiziert: Minuten nach dem Abgang der Rutschung treffen Norwegens Küste 14-Meter-Wellen. Sie wirken fatal, weil viele Städte auf Meereshöhe und in spitz zulaufenden Buchten liegen, in denen sich die Wellen noch steiler aufrichten. Nach drei Stunden krachen 20 Meter hohe Brecher auf die Shetland-Inseln. Weitere zwei Stunden später werden die Färöerinseln von bis zu 14 Meter hohen Wellen erfasst.

Nach sechs Stunden sind die Tsunamis noch sechs Meter hoch. Sie preschen auf Schottlands Strände, richten in den Hafenstädten Edinburgh, Aberdeen und Dundee schwere Verwüstungen an. In Richtung Süden verlieren die Wellen an Höhe, die seichte Nordsee bremst das Wasser.

Der deutschen Nordseeküste sagen die Modelle bloß ein leichtes Hochwasser voraus. Allerdings: Selbst ausgefeilte Computermodelle können sich irren.



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