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Entdeckung im Rheinland: "Es muss hier ein schweres Beben gegeben haben"

Ein Interview von

Gruselige Entdeckung: Schweres Erdbeben in Deutschland Fotos
Christoph Grützner

Wie groß ist die Gefahr von Erdbeben in Deutschland? Größer als bislang vermutet, sagt Forscher Christoph Grützner - er hat eine beunruhigende Entdeckung gemacht.

Zur Person
  • privat
    Christoph Grützner interessiert sich insbesondere für Starkbeben der Vergangenheit, mit denen sich das Erdbebenrisiko bestimmen lässt. Er arbeitet an der University of Cambridge in Großbritannien.
  • Blog von Christoph Grützner
SPIEGEL ONLINE: Herr Grützner, auf halbem Weg zwischen Aachen und Köln haben Sie und Ihre Kollegen Spuren eines starken Erdbebens entdeckt. Was genau haben Sie an der Rurrand-Störung, einer Nahtzone in der Erde, gefunden?

Christoph Grützner: Wir haben, in weniger als einem Meter Tiefe, versetzte, verformte Schichten entdeckt, Spalten, die sich geöffnet haben müssen und anschließend wieder durch natürliche Prozesse verfüllt wurden. Strukturen, die nur von schweren Erdbeben verursacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum schließen Sie auf Erdbebenstärke 6,4 bis 7,0? Das sind extreme Werte.

Grützner: Im Jahre 1756 trat das stärkste historisch dokumentierte Erdbeben in der Niederrheinischen Bucht in der Nähe von Düren auf. Dieses Erdbeben verursachte zwar weiträumige Schäden, aber keine der geologischen Muster, die wir jetzt beschrieben haben. Daraus schließen wir, dass wir ein noch stärkeres Beben gefunden haben. Auch der Versatz der Bodenschichten und die Länge der Störung geben Auskunft über die Erdbebenstärke.

SPIEGEL ONLINE: Wie schließen Sie auf das Alter?

Grützner: Durch das Erdbeben taten sich Risse im Boden auf, die sich später mit Erde füllten. Wir haben Proben aus der Erde genommen, die direkt über den Rissen liegt. In einem Labor in Köln konnten wir messen, seit wann diese Probe kein Sonnenlicht mehr gesehen hat, also wann sie abgelagert und von jüngeren Erdschichten überdeckt wurde. Das war vor 2500 bis 9000 Jahren - in dieser Zeitspanne muss sich also die Erde geöffnet haben.

SPIEGEL ONLINE: Bislang galten Beben der Stärke 7 in Deutschland als unwahrscheinlich. Zumal die Erdbebenaktivität seit der Eiszeit abgenommen haben soll. Wie passen diese Annahmen zu ihrer Studie?

Grützner: Die Frage, ob es in Deutschland überhaupt zu Beben von bis zu Magnitude 7 kommen kann, wird heiß diskutiert - unsere Studie gibt denen Aufwind, die das für möglich halten. Wir konnten zeigen, dass es auch lange nach dem Ende der Eiszeit sehr starke Beben im Rheinland gab. Das ist neu und spricht dafür, dass die Erdbebentätigkeit zumindest nicht stark abnimmt. Also: Auch jetzt noch sind sehr starke Beben möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Erdbebengefahr in Deutschland zu niedrig eingestuft?

Grützner: Unsere Studie zeigt, dass bisherige Untersuchungen wichtige Hinweise auf Starkbeben übersehen haben könnten. Wenn sich herausstellt, dass dies auch an anderen Orten der Fall war, müsste man sicher über eine Neueinschätzung der Erdbebengefahr nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es denn solch ein Beben, von dem Sie berichten, auch in Zukunft geben in der Region?

Grützner: Ja, das glauben wir. Sofern wir wissen, dass es in der Vergangenheit schwere Beben gab, dann heißt das in den meisten Fällen, dass es auch in Zukunft zu solchen Beben kommen wird. Zwischen zwei solch starken Beben an derselben Verwerfung vergehen aber in der Regel mehrere zehntausend Jahre. Solche schweren Erdbeben treten also nur sehr, sehr selten auf. Allerdings gibt es ja auch viele andere Störungen in der Niederrheinischen Bucht, sodass sich das Intervall verkürzt, wenn man die gesamte Region betrachtet.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Risiko gut genug bekannt?

Grützner: Anhand der langen Wiederholzeiten der Erdbeben erkennt man, dass unsere historischen Aufzeichnungen viel zu kurz sind, um das Risiko richtig einzuschätzen. Erdbebenkataloge reichen nur ein paar hundert Jahre zurück, aber die richtig schweren Beben treten nur alle paar tausend Jahre auf. Wenn es solche Erdbeben in den letzten Jahrhunderten nicht gab, dann weiß man auch nicht, wie stark die Erschütterungen werden können. Unsere Studie hilft, diese Lücke zu schließen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hätte solch ein Beben an der Rurrand-Störung heute, welche Orte wären besonders betroffen?

Grützner: Am schlimmsten wäre es vermutlich in den Orten in der Nähe des Epizentrums und westlich der Störung: Düren, Jülich, Langerwehe, Eschweiler. Aber auch in Aachen und Köln würde es Schäden geben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Störungen entlang des Rheingrabens und seiner Ausläufer halten Sie außerdem für besonders gefährdet?

Grützner: Die Störungen im Dreieck Aachen - Nijmegen - Köln sind vermutlich alle aktiv, aber es ist sehr schwer zu sagen, von welcher das größte Risiko ausgeht. Dasselbe gilt für die Verwerfungen entlang des Oberrheingrabens. Man muss bei allen mit Erdbeben rechnen. Das Wichtige ist, darauf vorbereitet zu sein, also vor allem Häuser erdbebensicher zu bauen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Rheinland vorbereitet?

Grützner: Die Gebäudestandards sind hoch, zumindest was die Neubauten angeht, und der Katastrophenschutz gut aufgestellt. Dennoch muss man natürlich die Gefährdungskarten laufend den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen anpassen. Außerdem ist es hilfreich, hin und wieder auf die Erdbebengefahr hinzuweisen, damit die Menschen sich daran erinnern, was im Notfall zu tun ist. Die Behörden brauchen Pläne, sie müssen wissen, womit schlimmstenfalls zu rechnen ist, beispielsweise mit Stromausfällen, versperrten Straßen, dem Ausfall der Kommunikation, mit Gaslecks, Notfällen in Industrieanlagen und so weiter. Die Bevölkerung sollte wissen, was man bei einem Beben macht, deswegen veranstalten wir zum Beispiel die Shake-Out-Days an Schulen.

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Erde von der verrückten Seite

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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1. Farewell, my lovely!
permissiveactionlink 22.02.2016
Dass sich ein Teil Westeuropas in den nächsten Jahrmillionen vom Rest an einer Linie vom Süden her entlang des Rhonetales nach Norden entlang des Rheines abspalten und in den Atlantik driften wird ist ja bekannt. Unwahrscheinlich, dass es bis dahin nicht auch zu heftigen Beben kommen wird. Kurzfristig wird eines der stärksten Beben exakt am Abend des 23. Juni dieses Jahres stattfinden wenn feststeht, dass sich Großbritannien vom Kontinent abspaltet, wenn auch nur politisch und nicht tektonisch !
2. wichtige Forschung
Ein_denkender_Querulant 22.02.2016
Wenn wir die Abhängigkeit unserer hochtechnologie Gesellschaft von der Infrastruktur sehen, müssen wir alle potenziellen Gefahrenquellen sehr gut kennen. Es müssen nicht immer große und seltene Meteoriten sein, die unser Problem sind, es sind vielmehr hunterte kleine Naturkatastrophen, wie Sonnenstürme, riesige Überschwemmungen, Orkane, Tsunamies oder auch Erdbeben. Ich hoffe nur, dass das letzte Kernkraftwerk im Rheingraben stillgelegt wurde, bevor ein Erdbeben diese Stärke kommt. Wie sieht es mit dem Rhonetalgrabenbruch aus? Dort sollte es sich ähnlich verhalten.
3. Etwas spät...
at.engel 22.02.2016
Allein schon die Vorstellung, dass man das alles alle zehntausend Jahre wieder von Neuem aufbauen muss - da wird einem erst bewusst, wie vergänglich alles im Leben ist. Hätten die das ein bisschen früher herausgefunden , hätten die Kölner ihren Dom natürlich ganz anders gebaut - nicht unbegingt schöner, aber wenigstens erbebensicher.
4. Ja die Gegend ist ein geologische Höllenloch,
newliberal 22.02.2016
in der Eifel direkt nebenan gab es früher auch jede Menge Vulkane. Erdbeben, Lavaströme, Hochwasser - da ist für jeden etwas dabei. Also Vorsicht im Rheinland !
5. Erdbeben im Rheinland...
Emil Peisker 22.02.2016
Anfang der '50er Jahre war ich, auf der Toilette sitzend Zeuge eines kleineren Erdbebens in Köln. (Epizentrum Euskirchen) In den '70ern fand in Köln ebenfalls ein kleineres Erdbeben statt, dass mich im Bett erwischte. Es hörte sich so an, als ob ein Zug unter dem Haus durchbrausen würde. Das beeindruckendste Erdbeben fand mich dann im April 1992 in Unkel am Rhein, mitten in der Nacht, bei der Fütterung des 3 Monate alten Sohnes. Das Erdbeben hatte eine Dauer von mindestens 15 Sekunden und gefühlt dauerte es doppelt so lange. Das Epizentrum lag in Roermond, aber die Kölner Bucht war auch betroffen.
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