Erdbeben in Mexiko Stress in der Tiefe

Immer wieder kommt es vor Mexiko zu Erdbeben, weil dort eine kleine Erdplatte abtaucht. Das aktuelle Beben war heftig, über die Opferzahlen ist wenig bekannt. Aber vor allem Mexiko-Stadt könnten noch viel größere Katastrophen drohen.

USGS

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Gebannt schaute die Welt am Freitagmorgen auf die Pegel an Mexikos Pazifikküste. Schließlich hatte sich kurz zuvor im Meer ein schweres Erdbeben der Stärke 8,1 ereignet (Hier finden Sie weitere Informationen des Geologischen Dienstes der USA, hier vom Deutschen GeoForschungsZentrum.) Ein gefährlicher Tsunami drohte.

Mehr als drei Meter hohe Wellen seien zu befürchten, erklärte das Pazifische Tsunami-Warnzentrum zunächst. Auch mehrere Staaten in Mittelamerika und Ecuador in Südamerika wurden alarmiert. Doch Meeresspiegel-Messgeräte wie das in der Hafenstadt Salina Cruz im Bundesstaat Oaxaca registrierten in den Stunden danach deutlich geringere Wellenhöhen.

Zwar wurden Orte wie Puerto Madero im Bundesstaat Chiapas aus Angst vor gefährlichen Wellen evakuiert - doch womöglich hat die betroffene Region zumindest in diesem Punkt Glück gehabt.

Schwankung des Meeresspiegels nach dem Beben
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Schwankung des Meeresspiegels nach dem Beben

"Obwohl es ein großes Beben war, hat der Bebenriss nur gerade so bis zum Meeresboden gereicht", erklärt Marco Bohnhoff vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam. Um etwa einen Meter habe sich der Grund des Pazifiks durch das Beben bewegt. Das sei vergleichsweise wenig - insbesondere angesichts der Tatsache, dass sich bei dem Erdstoß eine 300 mal 50 Kilometer messende Bruchfläche im Zentrum um gleich mehrere Meter verschoben worden sei.

Dass vor Mexikos Küste immer wieder die Erde bebt, überrascht kaum. Das Gebiet ist Teil des sogenannten Pazifischen Feuerrings. In der Region taucht eine kleine Erdplatte, die Cocosplatte, unter die Karibische Platte und die Nordamerikanische Platte ab und wird dort nach und nach aufgeschmolzen. Eine Subduktionszone nennen Geoforscher das.

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Die Cocosplatte, benannt nach einer unbewohnten Insel in ihrer Mitte, besteht aus ozeanischer Erdkruste. Das heißt: Sie ist dünner und als die aus kontinentaler Erdkruste bestehenden Platten Nord- und Mittelamerikas. Der Druck des wachsenden Mittelozeanischen Rückens im Pazifik drückt die Cocosplatte beständig in Richtung von Nord- und Mittelamerika. Durch ihr Eigengewicht übt die absinkende Platte aber auch Zugkräfte auf sich selbst aus.

Spannungen beim Abtauchen

Beim Abtauchen der Platte bauen sich immer wieder Spannungen auf, die sich in Form von Erdbeben lösen müssen. (Hier finden Sie eine Auflistung der letzten Erdbeben in der Region.) So wie jetzt, als sich die Cocosplatte sprunghaft Richtung Nordosten bewegt hat. Auch innerhalb der Platte selbst können geologische Störungszonen, die lange Zeit ruhig waren, wieder reaktiviert werden.

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Erdbeben in Mexiko: Schwankender Boden, drohende Wellen

Der aktuelle Erdstoß war der stärkste in der Gegend, mindestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Mehr als 60 weniger schwere Nachbeben folgten. Welche Schäden die Erdstöße angerichtet haben, wie viele Menschen gestorben sind, wird sich erst zeigen. Zunächst müssen sich Mexikos Behörden im Laufe des Freitags einen Überblick in den Bundesstaaten Oaxaca, Chiapas und Tabasco verschaffen. Berichte über eingestürzte Gebäude gibt es unter anderem aus der Stadt Juchitan in Oaxaca.

Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto vermeldete nach einer ersten Krisensitzung den Tod von 15 Menschen. Diese Zahl kann aber noch deutlich steigen. Basierend auf Lage und Stärke des Erdbebens sowie anderen Daten wie der typischen Bebauung in der Region berechnet der Geologische Dienst der USA automatische Schätzungen zu Schäden und Opferzahlen. Diese werden als Wahrscheinlichkeiten angegeben. Und für den nächtlichen Erdstoß sehen diese Kalkulationen durchaus dramatisch aus: Die höchste Wahrscheinlichkeit wird bei Opferzahlen zwischen 1000 und 10.000 angegeben, bei wirtschaftlichen Schäden im Bereich von einer bis zehn Milliarden Dollar.

Hilfreich war womöglich, dass sich die Erdstöße vergleichsweise weit unten in der Erdkruste abgespielt haben. "Es ist erstaunlich, dass solch ein starkes Beben in dieser Tiefe stattfindet", sagt Rainer Kind, der ebenfalls am GFZ arbeitet. "Für diese Art von Plattengrenzen gibt es den größten Stress normalerweise in 20 bis 40 Kilometer Tiefe", bestätigt auch Stephen Hicks, ein Geoforscher am National Oceanography Centre im britischen Southampton. Diesmal waren es rund 70 Kilometer. "Je tiefer das Beben, desto schwächer die Erschütterungen an der Oberfläche, so fasst es der Geophysiker Kind zusammen.

Aus Mexiko-Stadt gibt es bisher auch nur wenig Berichte über Schäden. Dort hatten Gebäude stark geschwankt, verängstigte Menschen waren auf die Straßen gerannt und es war zu Stromausfällen gekommen. Dass es keine größeren Probleme gab, ist alles andere als selbstverständlich - obwohl die mexikanische Hauptstadt rund 1000 Kilometer vom Bebengebiet entfernt ist.

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Erdbeben in Mexiko: "Die Lichter gingen aus"

Das Problem: Die dicht bevölkerte Metropolregion liegt geologisch ungünstig in einem Tal, dessen Boden mit Sedimenten eines alten Sees gefüllt ist. "Da werden die lokalen Bodenbewegungen verstärkt", sagt GFZ-Forscher Bohnhoff. "Zum Teil kann das deutlich stärker sein als in Orten, die viel näher am Zentrum des Bebens liegen."

Mexikos Hauptstadt wurde im Jahr 1985 von einem schweren Erdbeben verwüstet, mindestens 5000 Menschen starben dabei. Auch dieses Erdbeben ereignete sich an der Pazifikküste in rund 20 Kilometer Tiefe. Die Warnsysteme der Hauptstadt müssten nun "kritisch überprüft werden", fordert Bohnhoff. Weil die Bebenwellen rund 1000 Kilometer vom Pazifik in die Hauptstadt überbrücken müssten, gebe es im Idealfall rund anderthalb Minuten Vorwarnzeit - um Ampeln auf Rot zu schalten, Gasleitungen automatisch zu schließen und Menschen zum Verlassen von Gebäuden aufzufordern.

Für ähnlich erdbebengefährdete Teile der Welt wie den US-Bundesstaat Kalifornien oder die türkische Metropole Istanbul gibt es solch lange Vorwarnzeiten nicht. Denn dort liegen die geologischen Problemzonen der Erdkruste viel näher an den potentiell betroffenen Ballungszentren.



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