Katastrophe in Nepal Furcht vor dem Erdbebensturm

Der neue Erdstoß in Nepal hatte nur ein Fünftel der Wucht des Bebens im April - dennoch könnte es Hunderte Tote geben. Es droht eine geologische Kettenreaktion.

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Suche nach Überlebenden: Beben der Stärke 7,3
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Suche nach Überlebenden: Beben der Stärke 7,3


Erneut hat ein starkes Erdbeben in Nepal Gebäude einstürzen lassen und Gesteinslawinen ausgelöst. Wie viele Menschen unter den Trümmern gestorben sind, wird erst in einigen Tagen abzusehen sein.

Das Beben mit der Stärke 7,3 hatte zwar nur knapp ein Fünftel der Energie wie jenes der Stärke 7,8 (die Erdbebenskala steigt nicht gleichmäßig an), das Ende April mehr als 8000 Menschen das Leben kostete. Gleichwohl muss mit Hunderten Toten gerechnet werden.

Das Beben am Dienstagmittag ereignete sich 150 Kilometer östlich des Bebens vom 25. April, 76 Kilometer entfernt der Hauptstadt Kathmandu, nahe des Mount Everests. Um 12.50 Uhr brach in etwa 15 Kilometer Tiefe das Gestein auf einer Fläche größer als Berlin und Hamburg zusammen.

Wie beim letzten Beben ratterte das Felspaket nahezu flach unter darüber liegendes Gestein, verkantete sich immer wieder, sodass der Boden zitterte. Die freigewordene Energie hätte umgerechnet einen durchschnittlichen Haushalt in einem Industrieland mehr als 100.000 Jahre versorgen können.

Dass Nepal in größter Erdbebengefahr ist, wissen Geologen seit Langem. Ursache ist der Zusammenstoß zweier Tausende Kilometer breiter Kontinentalplatten unter dem Himalaya: Die Indisch-Australische Platte schiebt sich wie ein gewaltiger Sporn etwa einen Millimeter pro Woche in den Eurasischen Kontinent.

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Nepal: Schon wieder bebt die Erde
Der Crash hat die Erdkruste in Nepal zerspringen lassen wie eine Glasscheibe. Hunderte Nähte ziehen sich durchs Gestein. Das Mosaik Millionen Tonnen schwerer, kilometerdicker Felspakete von der Fläche mehrerer deutscher Bundesländer gerät in der Knautschzone der Erdplatten unter Druck. Wird die Spannung zwischen den Reibungsflächen zu groß, bricht das Gestein - es bebt.

Das Beben vom April hat offenbar den Anschub für die erneute Katastrophe gegeben, es erhöhte das Risiko starker Beben in der Region. Zwar milderte es den Druck unter der Erde westlich von Kathmandu - doch gleichzeitig verlagerte sich Spannung ans Ende des Bruches. Am östlichen Ende des Erdbebenbruchs vom April liegt die Felsnaht, die am Dienstag gebebt hat.

Zugrunde liegt ein simples geologisches Prinzip: Gesteinsnähte verhalten sich wie die Knopfleiste des Hemdes über einem Bierbauch - reißt ein Knopf ab, geraten die anderen unter größere Spannung.

Video: THW-Mitarbeiter Sven Eichstaedt per Telefon aus Nepal

Fatale Kettenreaktion

Die Wanderung kleinerer Beben in den letzten Wochen deutete rückblickend gesehen auf Unheil. Hunderte Nachbeben folgten auf das Starkbeben vom April, solche Nachbeben kommen unweigerlich. Wurde die Erde stark erschüttert, kommt sie monatelang lang nicht zur Ruhe. Doch das Zittern der Erde wanderte in den letzten Tagen stetig ostwärts in Richtung Mount Everest. Am östlichsten Punkt der Nachbeben ereignete sich am Dienstag das schwere Beben.

Im schlimmsten Fall droht jetzt ein Erdbebensturm, eine Kettenreaktion extremer Beben binnen weniger Jahre. Der amerikanische Seismologe Amos Nur prägte den Begriff, um verheerende Beben-Kaskaden am Mittelmeer zu beschreiben: Um 1200 vor Christus gingen bei Erdbeben binnen 50 Jahren 47 bronzezeitliche Städte im Nahen Osten und am östlichen Mittelmeer zugrunde. Auch im vierten nachchristlichen Jahrhundert fielen Metropolen reihenweise, von Palästina bis Sizilien. In zwölf Jahren hatte es elf vernichtende Starkbeben gegeben.

Grafik: Angestaute Spannung im Untergrund des Himalaya
SPIEGEL ONLINE

Grafik: Angestaute Spannung im Untergrund des Himalaya

Entlang des Himalayas bereiten Hunderte Kilometer lange Sektoren der Erdkruste Sorgen, in denen das Gestein seit Jahrhunderten nicht gebrochen ist, während sich gleichzeitig die Erdplatten weiterbewegt haben, sich mithin Spannung auflädt (siehe Grafik). Es gilt die Maxime: Je länger ein starkes Beben entlang einer Kollisionszone zweier Platten zurückliegt, desto stärker wird der nächste Schlag.

Womöglich war das Beben vom Dienstag dennoch das letzte starke Beben in der Region für lange Zeit - Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen. Seismologische Daten zeigen allerdings: Das Risiko schwerer Beben ist am größten in den ersten Monaten und Jahren nach einem Starkbeben. Wie jetzt im Himalaya.


Anmerkung des Autors: Die Berechnung des Unterschieds der Energie beider Beben finden Sie hier: http://axelbojanowski.de/282/

Video: Erneut heftiges Beben in Nepal und Indien

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insgesamt 36 Beiträge
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Daniel 1956 12.05.2015
1.
"Die freigewordene Energie hätte einen durchschnittlichen Haushalt in einem Industrieland mehr als 100.000 Jahre versorgen können." - Stattdessen hat sie wieder tausende Haushalte zerstört. Blödsinnige Vergleiche sind ein neues Qualitätsmerkmal der deutschen Journaille???
AlbertGeorg 12.05.2015
2. Was ist nun richtig?
1 mm/Woche 4 mm/Woche 1 cm/Jahr 4 cm/Jahr Alles gab es schon im Forum: Wissenschaft
Alfred 12.05.2015
3. Sind Erdbeben Folge globaler Erwärmung?
www.pacificdentalclinic.org/seismic.html
apakker 12.05.2015
4. welche Statistik muß ich bemühen ?
"Die freigewordene Energie ...... 100.000 Jahre versorgen können" Um herauszufinden, welche Energiemenge wirklich frei wurde, muß ich nur noch wissen, welcher StatistikQuelle Herr Bojanowski seine Daten entnommen hat. Denn diese dürften schwanken, jenachdem in welchem Industrieland man sich befindet. Da fände ich den üblichen Vergleich mit der freigesetzten Energie der HiroshimaBombe wenn auch mittlerweile abgelutscht ggf. auch geschmacklos, sinniger. Sehr schön aber " ratterte das Felspaket " :)
trankvilizator 12.05.2015
5. Und in anderen Ländern
"Die freigewordene Energie hätte einen durchschnittlichen Haushalt in einem Industrieland mehr als 100.000 Jahre versorgen können." - Und für andere Länder bräuchte man soviele Nullen, dass die 0-Taste und auch der tippende Wurstfinger bei dem Schreiber verschleißen würden.
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