Erdbeben in Neuseeland: Ein Ruck wie im Rennwagen

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Neuseelands Gebäude galten als erdbebensicher - wie also konnte es zur Katastrophe von Christchurch kommen, bei der mehr als 70 Menschen starben? Wissenschaftler müssen Fehler einräumen, der Untergrund nahe der Stadt scheint zersprungen wie eine kaputte Glasscheibe. Droht nun ein Dominoeffekt?

Rätselhafter Ruck: Versteckte Bebennaht, zerrüttete Stadt Fotos
REUTERS

Es scheint, als hätte sich die Natur gegen Christchurch verschworen. Das schwere Erdbeben der Stärke 6,3, das die neuseeländische Großstadt am Montag heimsuchte, ereignete sich zum ungünstigsten Zeitpunkt an ungünstigster Stelle: Mitten am Tage nahe des Stadtzentrums, als viele Menschen in den Straßen unterwegs waren. Mittags um neun Minuten vor Eins ruckten Millionen Tonnen Gestein Dutzende Zentimeter. Die Erde brach fünf Kilometer unter der Oberfläche - das ist die geringstmögliche Tiefe, um genügend Gestein zu bewegen, ein Beben dieser Stärke auszulösen.

Entsprechend heftig zitterte der Boden: Mindestens 75 Menschen kamen nach Angaben der Behörden ums Leben, deutlich mehr Personen wurden schwer verletzt, viele andere liegen noch immer unter schweren Trümmern. Ersten Schätzungen des Geologischen Dienstes der USA (USGS) zufolge dürften die Schäden zehn bis 60 Prozent des neuseeländischen Bruttoinlandsprodukts betragen, das den Gesamtwert aller produzierten Waren und Dienstleistungen angibt.

Es ist die schlimmste Erdbebenkatastrophe Neuseelands seit dem 3. Februar 1931, als ein Schlag der Stärke 7,9 auf der Nordinsel mehr als 350 Todesopfer forderte. Erst vor einem halben Jahr hatte ein Beben der Stärke 7,1 die Region getroffen. Obwohl es stärker war als das aktuelle, blieben die Schäden deutlich geringer.

Bewährte Vorschriften seit 1855

Das September-Beben hatte sich nachts, in weiterer Entfernung von Christchurch und in größerer Tiefe ereignet. Das Beben vom Montag hingegen schlug nur sechs Kilometer südöstlich des Stadtzentrums zu, es ließ Christchurch "deutlich stärker zittern" als das Beben vor einem halben Jahr, berichtet der neuseeländische Erdbebendienst: Das Beben zerrte mancherorts mit nahezu zweifacher Erdbeschleunigung (2g) an den Gebäuden - die Kraft ist stärker als der Ruck, den ein Formel-1-Rennwagen bei voller Beschleunigung erzeugt.

Das Beben vom Montag traf alle unvorbereitet, auch die Wissenschaft. Die Baunormen in Christchurch und Umgebung seien für einen Schlag der Stärke 6,3 nicht ausgelegt, sagte Neuseelands Vize-Premierminister Bill English am Montag. Seismologen hatten die Gegend für derartig starke Beben nicht auf der Liste - bis vergangenen September das erste Starkbeben zuschlug. Bis dahin glaubten Experten, Gefahr bestünde in Neuseeland vor allem nahe der Alpine-Störung, die Neuseelands Südinsel im Westen und die Nordinseln im Osten durchzieht. An ihr schrammen die Indisch-Australische und die Pazifische Erdplatte aneinander vorbei. Dort können sich sogar Extrembeben der Stärke 8 ereignen. Gebäude müssen dort entsprechend stabil gebaut sein.

Neuseeland galt deshalb als gut gewappnet gegen Erdbeben. Seit 1855, als ein Starkbeben die Hauptstadt Wellington verwüstete, gelten in Neuseeland Vorschriften für erdbebensicheres Bauen, die kontinuierlich verschärft wurden. Nach dem Wellington-Beben 1855 erging die Vorschift, möglichst Holzhäuser zu bauen. Deren Einsturz ist weitaus weniger gefährlich als herabstürzender Beton. Ausgerechnet an der Universität in Christchurch haben Ingenieure bedeutende Methoden für erdbebensicheres Bauen entwickelt; die Uni erlangte dafür internationales Renommee.

Englische Architektur ein Nachteil

Die wichtigste Maxime der aktuellen Bestimmungen von 1992 lautet: Schwere Schäden im Beton lassen sich bei Starkbeben nicht vermeiden - aber der Kollaps eines Gebäudes muss verhindert werden. Die Vorsorge hatte im September Tausenden das Leben gerettet. Doch diesmal reichten die Sicherheitsvorkehrungen nicht; mit einem Beben der Stärke 6,3 wurde in Christchurch nicht gerechnet.

Hinzu kam wohl, dass das September-Beben bereits zahlreiche Bauten geschwächt hatte, die nun kollabierten. Als Nachteil erwies sich auch, dass Christchurch auch architektonisch eine der "englischsten" Städte Neuseelands ist: Charakteristische Mauerwerke wie die Kathedrale zeigen sich nun als Schwachpunkt, sie stürzten ein.

Bereits das Starkbeben im vergangenen September hatte überraschend bewiesen, dass das Risiko in der Christchurch-Region unterschätzt wird. Forscher machten nach dem Beben eine gruselige Entdeckung: Der Ruck hatte sich an einer unbekannten Nahtzone ereignet; Seismologen tauften sie Greendale-Störung. Sie hatte den Erdboden auf 60 Kilometer Länge aufgeschlitzt. Den Forschern dämmerte, dass es vermutlich weitere verborgene Klüfte in der Gegend geben könnte.

Eine böse Ahnung keimt auf

Jetzt bestätigt sich die finstere Ahnung - der Untergrund nahe Christchurch scheint zersprungen wie eine kaputte Glasscheibe. Das Beben von Montag ereignete sich nahe des Hafens des Vorortes Lyttelton an seismisch unverdächtiger Stelle. Es gebe "keine bekannte Struktur", die das Beben mit jenem von vor einem halben Jahr verbinde, berichtet der USGS. Gleichwohl gilt es als wahrscheinlich, dass das September-Beben den Schlag vom Montag erst möglich gemacht hat - denn nach einem Beben verschiebt sich die Spannung in der Erde auf nahegelegene Nahtzonen.

Eine böse Ahnung keimt auf: Stehen der Region weitere katastrophale Beben bevor? Um diese Frage zu beantworten, müsste geklärt werden, ob das Beben vom Montag ein Nachbeben des September-Bebens war, oder ob das Beben vom September die Spannung der Region sogar weiträumig verändert hat - letzteres wäre hochgefährlich.

Zuflucht im Park

Mit einem Nachbeben wäre der Spuk wohl vorbei: In der ersten Zeit nach einem heftigen Schlag ereignen sich Nachbeben - ähnlich wie bei zerknülltem Papier, das noch eine Weile knistert. Tausende schwächere Beben hatte es seit September in der Region um Christchurch gegeben. Normalerweise fällt das stärkste Nachbeben in die ersten drei Monate nach dem Hauptbeben, es fällt zudem eine Magnitude schwächer aus. Für ein Nachbeben scheint der Schlag vom Montag also zu stark und zeitlich zu weit entfernt vom Hauptbeben.

Wahrscheinlich ereignete sich das Beben also an einer eigenständigen Naht, auf die das September-Beben Spannung übertragen hatte. Der Vorgang könnte sich nun wiederholen, es droht ein Dominoeffekt wie zuletzt in den dreißiger Jahren: Damals erlebte Neuseeland eine Folge schwerer Beben, nachdem es im März 1929 an der Alpine-Störung einen Schlag der Stärke 7,1 gegeben hatte.

In den nächsten Wochen erwarten Seismologen nun zumeist schwächere Nachbeben in Christchurch. Sie können durchaus gefährlich sein: beschädigte Bauten könnten kollabieren. Viele Bewohner suchen nun Schutz, sie übernachten im Freien. Manche Parks in Christchurch wurden wegen Überfüllung geschlossen.

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1. die sollen sich mal
frank_lloyd_right 22.02.2011
mit den taiwanesen zusammenschliessen, die wissen ueber erbebensicherung recht viel. ist eine heikle sache, architektonisch gesehen - und das bei neuen gebaeuden. die wahre kunst ist freilich, alte, fast fundamentlose gebaeude shake-shake-sicher zu machen - ueber diesesthema weiss man in mittelamerika sehr viel. egal, selbst ist der haeuslebauer...
2. Formel 1
hamish_dalziel 22.02.2011
Ich gratuliere zu der überaus griffigen Metapher des "beschleunigenden Rennwagens". Das ermöglicht den Formel 1-Fahrern unter Ihren Lesern, sich so ein Erdbeben ganz genau vorzustellen.
3. zu früh
Thomas Kossatz 22.02.2011
Der gleiche Ort wurde bereits von einem Beben mit zahllosen Nachbeben betroffen, im vergangenen Jahr. Nach Angaben von Radio Neuseeland waren Gebäude zum Teil vorgeschädigt. Der Mensch kann die Folgen von Naturkatastrophen mildern, sie vermeiden kann er nicht. Schon jetzt nach Schuldigen zu suchen, geht an der Sache vorbei.
4. Schuld?
Zyklotron 22.02.2011
Auch Geologen haben keinen Röntgenblick. Niemand kann wirklich in den Erdböden blicken. Erdbebenforschung bleibt eine Wissenschaft mit vielen Unbekannten.
5. --
Baracke Osama 22.02.2011
Zitat von Thomas KossatzDer gleiche Ort wurde bereits von einem Beben mit zahllosen Nachbeben betroffen, im vergangenen Jahr. Nach Angaben von Radio Neuseeland waren Gebäude zum Teil vorgeschädigt. Der Mensch kann die Folgen von Naturkatastrophen mildern, sie vermeiden kann er nicht. Schon jetzt nach Schuldigen zu suchen, geht an der Sache vorbei.
Der Mensch ist möglichweise für diese Katastrophen mehr veratwortlich (und zwar direkt) als man anfänglich zu glauben sheint. http://en.wikipedia.org/wiki/High_Frequency_Active_Auroral_Research_Program http://de.wikipedia.org/wiki/Low_Frequency_Array http://earthquake.usgs.gov/ http://earthquake.usgs.gov/ Interessant ist, dass letzter Zeit immer mehr Erdbebebn weltweit gleichzeitig statt finden.
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