Ausgegraben

Ausgegraben Ein Sehnensystem für den Poseidontempel von Paestum

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Poseidontempel von Paestum: Sagenumwoben und sicher
Corbis

Poseidontempel von Paestum: Sagenumwoben und sicher


Rund 2500 Jahre steht er schon, der Poseidontempel von Paestum. Dabei wird die Region immer wieder von Erdbeben erschüttert. Nun soll ein Sehnensystem die Lebenszeit des Gebäudes noch verlängern.

Die Bürger an der Bucht von Salerno waren reich: Die fruchtbare Landschaft und die gute Lage für Handel mit anderen Mittelmeerstädten hatten im 6. und 5. Jahrhundert so viel Geld in ihre Kassen gespült, dass die Menschen gleich mehrere beeindruckende Tempelanlagen bauen konnten. Das letzte dieser Bauprojekte war der sogenannte Poseidontempel, der damals dem obersten Götterpaar Zeus und Hera geweiht war. Nach der neuesten Mode war er gebaut, als Vorbild diente der gerade zuvor fertiggestellte Zeustempel von Olympia.

Die 38 Säulen des Poseidontempels ragen immer noch fast unversehrt in den Himmel über der Bucht von Salerno. Obwohl die Region im Südwesten Italiens immer wieder von Erdbeben durchgeschüttelt wird, ist er einer der besterhaltenen Tempel dorischer Bauart. Was macht dieses Bauwerk so stabil, dass weder die Zeit noch heftige Erschütterungen ihm etwas anhaben können?

Untergrundscan für Risssuche

Eine Forschergruppe um Uwe Dorka, Leiter des Fachgebiets Stahl- und Verbundbau am Institut für konstruktiven Ingenieurbau der Universität Kassel, sucht nach dem Geheimnis des Tempels. "Ihm fehlt eigentlich nur das Dach", sagt Dorka, der schon lange mit Kollegen der Universität Salerno zusammenarbeitet.

Zunächst aber müssen Geophysiker ran. Bis in eine Tiefe von 20 Metern wollen sie den Untergrund scannen. Wie ist er beschaffen? Liegen größere Risse unter dem Tempel? Auf die Ergebnisse freuen sich die Archäologen, denn vermutlich liegen unmittelbar unter dem Bau noch die Reste eines älteren Bauwerkes, das die Archäologen interessiert. Dann wird das Team von Dorka das oberirdische Gebäude mit Sensoren bestücken. Sie sollen alle Erschütterungen messen, denen die Säulen ausgesetzt sind, verursacht etwa durch vorbeifahrende Lkw, Bauarbeiten in der Umgebung oder auch nur den Wind.

Aus den Daten der Vermessung von Bauwerk und Untergrund berechnen Dorka und sein Team anschließend ein virtuelles Modell. Doch das reicht nicht, um die tatsächlichen Auswirkungen von Erschütterungen messen zu können, dazu brauchen die Forscher echte Bausubstanz. In ihrem Labor werden sie also in die Fußstapfen der antiken Baumeister treten und eine Säule errichten - wenn auch um etwa ein Drittel verkleinert. Mit einer eigens von Dorka entwickelten Technik werden dann echte und virtuelle Säulen miteinander gekoppelt.

Seile wie Sehnen des menschlichen Körpers

Tempelmodell: Schematische Darstellung des Versuchsaufbaus
Uni Kassel

Tempelmodell: Schematische Darstellung des Versuchsaufbaus

Dabei kann die digitalisierte Versuchssäule jede beliebige Säule im Computer-Modell ersetzen. Die Modelle für die virtuellen Säulen werden schrittweise so angepasst, dass sie sich wie die reale Versuchssäule verhalten. "Die hybride Simulation ist die einzige Methode, die uns realistische Ergebnisse liefern kann", sagt Dorka. "Denn kein Schwingtisch der Welt kann ein solches Bauwerk testen. Und rein numerischen Modellen darf man nicht ohne Weiteres Glauben schenken."

Am Ende, hoffen die Forscher, können die neu gewonnen Erkenntnisse dem Poseidontempel helfen, auch noch die nächsten 2500 Jahre zu überdauern. Dabei ist Vorsicht geboten: Nicht immer sind gut gemeinte Rettungsmaßnahmen tatsächlich auch hilfreich. "Bei Sicherungsmaßnahmen sind insbesondere im 20. Jahrhundert schwere Fehler passiert", sagt Dorka. Damals wurden Steinblöcke durchbohrt und Bewehrungsstäbe in die Bohrkanäle einbetoniert. Nun aber rostet der Stahl. Dabei dehnt er sich aus und sprengt den Stein.

Für die von Dorka geplanten Sanierungsmaßnahmen müsste nichts gebohrt werden. Denn schon die antiken Baumeister arbeiteten in die einzelnen Säulentrommeln Längsbohrungen ein. Diese laufen wie Hauptadern durch die gesamte Länge der Säulen. Durch diese Kanäle will Dorka meterlange dünne Stahlseile fädeln. Bei diesem sogenannten Tendon-System funktionieren die Seile wie Sehnen in einem menschlichen Körper: Sie sorgen dafür, dass sich das Gebäude bei Erdbeben in alle Richtungen kontrolliert bewegen kann, ohne einzustürzen.

Sollte sich die Idee am Ende doch als falscher Weg erweisen, können die Stahlseile einfach wieder rausgezogen werden. "Tendon-Systeme könnten auf ideale Weise die Anforderungen an Erdbebensicherheit und Denkmalschutz miteinander verbinden", findet Dorka. "Wir müssen sie allerdings noch besser verstehen, um sie richtig einsetzen zu können. Daran arbeiten wir."



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9 Leserkommentare
Layer_8 02.08.2014
e-mobil 02.08.2014
schwabenstreich 02.08.2014
postit2012 02.08.2014
schmusel 02.08.2014
e-mobil 02.08.2014
dieter coellen 03.08.2014
roklu 03.08.2014
roklu 03.08.2014

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