Von Axel Bojanowski
Hamburg - Geoforscher geraten leicht in den Ruf von Unheilspredigern. Ihre Mahnungen vor Naturkatastrophen mag kaum jemand hören, viele halten sie für übertrieben. Dabei kamen allein im vergangenen Jahrhundert vier Millionen Menschen bei Naturkatastrophen ums Leben. Seit Urzeiten machen Erdbeben, Vulkanausbrüche und Stürme die Erde zu einem gefährlichen Ort. Wir leben eigentlich in den Pausen zwischen Katastrophen. Doch wie lange dauern die Pausen?
Wissenschaftler haben nun den Rhythmus schwerer Erdbeben, Vulkanausbrüche und Sonnenstürme bestimmt. Ihren Analysen zufolge kommen die Desaster häufiger vor als vermutet.
Auf Grundlage der Daten über Naturkatastrophen aus den vergangenen zwei Jahrhunderten berechnete der Geophysiker Jeffrey Love vom Geologischen Dienst der USA (USGS), wie häufig schwere Desaster im Durchschnitt auftreten. Die vergleichsweise kurze Bemessungszeit führe zwar zu einiger Unsicherheit bei den Ergebnissen, betont der Forscher in seiner Studie im Fachblatt "Geophysical Research Letters". Doch die Zahlen gäben einen Eindruck davon, dass schwerste Naturkatastrophen weitaus öfter passieren als bislang angenommen:
Einer der intensivsten Sonnenstürme ging womöglich im Jahr 774 auf die Erde nieder. Jahresringe von Bäumen aus dieser Zeit enthalten 20-mal mehr radioaktive Kohlenstoffatome (C14) als normal, berichten Forscher um Fusa Miyake jetzt im Wissenschaftsmagazin "Nature". C14 entsteht in der Luft, wenn kosmische Strahlung die Erde trifft. Doch was passierte 774?
Eine Supernova, also eine riesige Sternenexplosion, wäre eine mögliche Strahlungsquelle. Allerdings müssten die Reste des sterbenden Sterns noch heute am Himmel glimmen, schreibt Miyake. Wahrscheinlicher scheint ein anderes Szenario: Möglicherweise sei damals ein gewaltiger Sonnensturm eingeschlagen, meint der Astrophysiker Daniel Baker von der University of Colorado in Boulder.
Historische Quellen bestätigten die Theorie, berichtet der Klimaforscher Mike Baillie von der University of Belfast im "New Scientist". In Großbritannien seien Schlangen "zum Erstaunen aller" aus dem Boden gesprungen, während der Nachthimmel gespenstisch geleuchtet habe, zitiert Baillie aus einer Chronik.
Rätselhafte Fernwirkung
Auch Vulkanausbrüche lassen Experten rätseln - offenbar hängen manche zusammen: Der Zeitpunkt einer Eruption lasse zwar keinen Rückschluss auf den nächsten Ausbruch zu, betont Jeffrey Love - seine Angaben zur Häufigkeit der Naturkatastrophen sind lediglich Durchschnittswerte. Jedoch kann der Ort einer Eruption offenbar eine Warnung sein, wo als nächstes Gefahr droht, wie eine weitere Studie zeigt, die in Kürze im Fachblatt "Geophysical Research Letters" erscheinen wird.
Die beiden Geoforscher Danilo Palladino von der Sapienza-Universität in Rom und Gieanluca Sottili vom Forschungsinstitut IGAG-CNR in Rom haben alle bekannten 143 Vulkanausbrüche mit mindestens der Stärke 4 seit 1750 ausgewertet. Das erstaunliche Resultat: Nahe beieinander liegende Vulkane brachen auffällig häufig kurz nacheinander aus - obwohl ihre Magmakammern nicht verbunden waren.
Acht Vulkanpaare, die zwischen 159 und 500 Kilometer entfernt lagen, explodierten der Studie zufolge im Durchschnitt im Abstand von nur knapp anderthalb Jahren mit mindestens Stärke 4. Der Zusammenhang sei dermaßen auffällig, dass die Forscher nicht an Zufall glauben. Jetzt rätseln sie, welche Art von Fernwirkung im Spiel sein könnte.
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