Erdbeben von San Francisco: Auf der Überholspur in den Untergang

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Wächst die Spannung im Gestein unter San Francisco im Stillen? Oder wird sich das nächste Jahrhundertbeben durch anschwellendes Rumpeln ankündigen? Zum Jahrestag des Bebens von 1906 versuchen Forscher die Kalifornier aufzurütteln. Denn fest steht: Der nächste "Big One" wird kommen.

Die Geschäftigkeit und betonte Lässigkeit der Kalifornier deuten manche als Anzeichen einer kollektiven Psychose. "Verdrängung einer bevorstehenden Katastrophe" lautet die Diagnose. Am kommenden Dienstag begeht San Francisco den 100. Jahrestag jenes Erdbebens, das am 18. April 1906 die Stadt zerstörte. Bei unzähligen Veranstaltungen präsentierte Bilder der Katastrophe führen den Einwohnern vor Augen, was ihr Schicksal ist, wenn die Katastrophe sich wiederholt. Vorsorge muss dringend getroffen werden - denn das nächste große Beben, "The Big One", wird kommen.

In der Morgendämmerung des 18. April 1906 um kurz nach 5 Uhr riss Kalifornien auf halber Länge auf. Die Erdkruste brach entlang einer von Norden nach Süden verlaufenden Nahtzone auf einer Länge von 1280 Kilometern. Der Bruch war örtlich 500 Meter breit. Konservativen Schätzungen zufolge starben 3000 bis 4000 Menschen, Hunderttausende wurden obdachlos. Niemand hatte mit dieser Katastrophe gerechnet.

Geophysiker rekonstruierten in einer Computeranimation jetzt die genauen Erschütterungen von 1906.Angesichts des nahenden Jahrestags haben Wissenschaftler in Dutzenden Studien vor neuen, verheerenden Beben in Kalifornien gewarnt. Im Mittelpunkt ihrer Berechnungen steht die San-Andreas-Störung, jene Nahtzone, die Kalifornien in gesamter Länge durchzieht. An ihr schrammen die Nordamerikanische und die Pazifische Erdplatte vorbei, verhaken sich - und entladen den angestauten Druck gelegentlich in Erdbeben.

Immerhin, der vor 100 Jahren gebrochene Abschnitt könnte noch einige Jahrzehnte standhalten, meinen die Seismologen. Andere Brüche in der Erdkruste sind gefährlicher für San Francisco - die Region wird von Gesteinsschollen regelrecht eingezwängt. Die seit 138 Jahren unter Spannung stehende Hayward-Nahtzone etwa verläuft mitten durch dicht besiedelte Geschäfts- und Wohngebiete.

Für ihre Analysen haben Forscher die Häufigkeit von Starkbeben in der Vergangenheit entlang der Brüche untersucht. Es gilt: Je länger die Ruhephasen, desto größer die Gefahr. Diese sogenannte Spannungstheorie wurde bei der Erforschung des San-Francisco-Bebens zu Beginn des 19. Jahrhunderts geboren, der Gründerzeit der Erdbebenkunde.

Spannungstheorie gegen "Erwachen der Erdkruste"

Doch der Untergrund Kaliforniens ist zu komplex für derart einfache Regeln. Der Boden gleicht einer gesprungenen Glasscheibe - das erschwert die Vorhersagen. Ein Beben in der Hayward-Störung etwa würde vermutlich auf die benachbarte Calaveras-Falte überspringen und damit die Erschütterungen verstärken, schrieben Seismologen um Robert Williams vom Geologischen Dienst der USA, dem US Geological Survey (USGS), kürzlich im Fachblatt "Geophysical Research Letters". Bisweilen entdecken Forscher gar neue Risse in der Erde. Vor sieben Jahren fanden sie eine Erdbebenlinie, die mitten durch Los Angeles verläuft - das Bebenrisiko wurde umgehend nach oben korrigiert.

Sollte "The Big One" am Nachmittag zuschlagen, könnte es in Los Angeles nach offiziellen Schätzungen 18.000 Tote, 250.000 Verletzte und mehr als 700.000 Obdachlose geben. San Francisco erwartet eine ähnlich verheerende Katastrophe. Die Münchner Rückversicherung kalkuliert für beide Metropolen Schäden von bis zu 200 Milliarden Euro. Der Abzug amerikanischen Kapitals könnte die Finanzmärkte weltweit in eine Krise stürzen.

Die Möglichkeit, dass San Francisco in den nächsten 30 Jahren von einem Starkbeben getroffen werde, sei doppelt so groß, als dass die Stadt verschont bleibe, bilanziert der USGS. Die Seismologen alarmiert insbesondere, dass die Gegend um San Francisco in den letzten Jahren häufiger leicht erzitterte. Ein ähnliches Erwachen der Erdkruste nach Jahrzehnten der Ruhe gab es auch vor dem großen Beben vor 100 Jahren, dem einige schwere Schläge der Stärke 6 vorausgingen.

Vorhersage schwierig, Bevölkerung lässig

Wann das nächste große Beben kommen wird, ist unklar - eindeutige Warnsignale für Erdbeben konnten Seismologen noch immer nicht ausmachen. Alle vor Ort messbaren Anzeichen wie die elektrische Spannung des Untergrundes, die Dehnung der Erdkruste oder Veränderungen des Grundwasserspiegels erwiesen sich als unzuverlässig. Deshalb entschieden sich die Forscher zu einem kühnen Vorstoß: In der Wüste Kaliforniens nahe des Örtchens Parkfield, auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Francisco, wühlt sich erstmals ein Bohrer durch die Nahtzone zweier Erdplatten - mitten hinein in den San-Andreas-Graben.

Letztes Jahr drang der Meißel mit diamantharten Zähnen aus Wolframkarbid in eine Erdbebenzone in drei Kilometer Tiefe vor. Von nun an erhalten die Wissenschaftler aus unterirdischen Langzeit-Labors im Bohrloch permanent Daten direkt aus dem Herd kleinerer Erdbeben. Möglicherweise gehen den Stößen messbare Veränderungen im Gestein voraus. Die Forscher hoffen Alarmsignale für Erdbeben zu finden, bevor ein großes Beben eine Großstadt trifft.

Mit Statistik zur täglichen Erdbebenprognose

Manche Wissenschaftler jedoch haben diese Hoffnung aufgegeben. Sie setzen stattdessen auf statistische Vorhersagemethoden, die auf der Vermutung gründen, dass sich über die Jahrhunderte Regelmäßigkeiten in der Verteilung von Erdbeben zeigen sollten. In Kalifornien gibt es seit Mai sogar eine offizielle Erdbebenprognose für den folgenden Tag. Sie gründet auf der Vorhersage von Nachbeben, die einem Hauptbeben oft jahrelang folgen und sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in bestimmten Gebieten ereignen. Die angegebenen Werte liegen allerdings selten höher als 1:10.000 - kein Grund für die lässigen Kalifornier, ihre Stadt zu verlassen.

Eine Evakuierung gilt unter Experten ohnehin nicht als realistisch, also sorgt man anders vor. In den letzten 15 Jahren sind nach Angaben der California Seismic Safety Commission (CSSC) für Renovierungen von Gebäuden umgerechnet etwa 20 Milliarden Euro ausgegeben worden. Als Erdbeben-Vorkehrung genügt das aber bei weitem noch nicht.

Zahllose Bauten sind dem CSSC-Bericht zufolge nicht erdbebensicher: Hochhäuser, vierstöckige Stadtautobahnen, Gebäude an Hängen oder auf aufgeschüttetem Bauland. Ob sie standhalten werden, ist unklar. "Das Szenario wurde seit 100 Jahren nicht mehr getestet", betont Susan Hough vom USGS.

Im Ernstall wären Rettungsmannschaften in San Francisco nur bedingt einsatzfähig, argwöhnt die Zeitung "New Republic". Hohe Grundstückspreise hätten die Feuerwehren an den Stadtrand gedrängt. Welche Probleme im Notfall auftreten können, offenbarte das Erdbeben von 1994 in Northridge: Es ereignete sich nur am Rand von Los Angeles, setzte aber 23 Krankenhäuser außer Betrieb.

Das Unausweichliche scheint viele Kalifornier kaum zu beunruhigen. Appelle der Behörden, man möge Medikamente, Kleidung, Batterien und Konserven für den Ernstfall bereithalten, verhallen meist unbeachtet. Thomas Jordan, Direktor am California Earthquake Center, wählt kurz vor dem "Centennial" des Jahrhundertbebens deutliche Worte: "San Francisco", sagt er, "nähert sich seinem Untergang auf der Überholspur."

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