Erdbebenrisiko in Istanbul Die Katastrophe wird tatsächlich kommen

Rund 15 Millionen Menschen leben in der größten Metropole der Türkei - in extrem erdbebengefährdetem Gebiet. Bei starken Erdstößen könnte es Zehntausende Tote geben.

Getty Images

Von


Er wird unweigerlich kommen, der Tag, für den Murat Nurlu plant. Niemand kann wissen, wann genau es so weit ist. Aber dann wird kaum etwas in Istanbul noch so sein wie es einmal war. Viele Menschen werden am Ende dieses Tages gestorben sein, noch viele mehr verletzt, Häuser werden dem Erdboden gleichgemacht sein, Brücken eingestürzt, Wohnungslose werden durch zerstörte Straßen ziehen.

Die türkische Megacity befindet sich in geologisch extrem problematischem Gebiet. Unmittelbar vor den Toren der Stadt, unterhalb des Marmara-Meeres, verläuft die sogenannte Nordanatolische Verwerfungszone. Dort haben sich die eher kleine Anatolische Erdplatte im Süden und die weit größere Eurasische Erdplatte im Norden ineinander verhakt.

Eigentlich würden sich die Platten im Untergrund mit etwa zwei Zentimetern pro Jahr aneinander vorbeibewegen wollen - doch weil das offenbar seit einem Erdbeben von 1766 nicht möglich ist, staut sich immer mehr Energie im Untergrund auf.

Die Gefahr verheerender Tsunamis

Über kurz oder lang wird sich diese Energie entladen, dann könnten sich die Platten um ganze fünf Meter auf einmal vorwärtsbewegen. Vielleicht entlädt sich die Spannung mit einem einzigen infernalischen Ruck, vielleicht gibt es auch mehrere etwas schwächere Beben, bei denen dann aber womöglich das Risiko von verheerenden Tsunamis höher wäre.

Anatolische Platte, Nordanatolische Verwerfungszone und Erdbebenverteilung
GFZ

Anatolische Platte, Nordanatolische Verwerfungszone und Erdbebenverteilung

In jedem Fall sind katastrophale Folgen zu erwarten, wenn sich die Spannung im Boden löst. Die Frage ist nur, wann dies geschieht. Nurlus Aufgabe als Chef der Katastrophenschutzbehörde AFAD ist es, Antworten auf die drängenden Fragen zu finden: Welche Verwüstungen kann solch ein Erdstoß in der 15-Millionen-Metropole genau anrichten? Mit welchen Opferzahlen ist zu rechnen? Und wie können die Überlebenden am besten versorgt werden?

Die Behörde will den Kampf im Fall der Fälle aus einem gut ausgerüsteten Hauptquartier führen, mit eigener Energieversorgung, Wasser und Lebensmitteln für zwei Wochen. Man hat Depots mit Hilfsgütern in verschieden Stadtteilen angelegt, will im Fall eines Bebens gar mithilfe von Echtzeitkarten schnell die schwersten betroffenen Gebiete identifizieren.

Dramatisch, erschreckend, fürchterlich - das sind die realistischen Szenarien

Bei einem Workshop in dieser Woche präsentierte der AFAD-Chef ein durchaus dramatisches Szenario: Ein Beben der Magnitude 7,6 könnte demnach 26.000 bis 30.000 Todesopfer fordern, weitere 60.000 Schwerverletzte könnten zu versorgen sein. Das allein klingt schwer vorstellbar, doch es gibt sogar noch extremere Szenarien. Sie gehen von bis zu 90.000 Todesopfern aus. Neben San Francisco und Tokio gehört Istanbul zu den am stärksten durch ein Erdbeben gefährdeten Städten der Welt.

Aussichtsplattform eines Hochhauses in Istanbul (Archivbild)
AP

Aussichtsplattform eines Hochhauses in Istanbul (Archivbild)

Doch dass die Bewohner bei einem Beben rechtzeitig einen Hinweis auf die unmittelbar drohende Gefahr bekommen, ist unwahrscheinlich. "Die Warnzeit liegt in der Größenordnung von wenigen Sekunden", sagt Marco Bohnhoff vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam. Das Problem: Die geologische Störungszone befindet sich - im Gegensatz etwa zu Mexico-Stadt, wo es ebenfalls regelmäßige Erdbeben gibt - in unmittelbarer Nähe der Metropole. "Da schafft man es nicht, noch irgendjemand aus dem Haus zu scheuchen", so Bohnhoff.

"Problem der nationalen Sicherheit"

Das "Istanbul Earthquake Early Warning and Rapid Response System", kurz IEEWRRS, verschickt auch gar keine Warnhinweise an die Öffentlichkeit - zumindest sollen aber zum Beispiel möglichst viele Gasleitungen noch automatisch geschlossen oder Ampeln auf Rot geschaltet werden. Wenn alles nach Plan läuft.

Fotostrecke

5  Bilder
Istanbul: Gefahr aus dem Untergrund

Der Bauingenieur Sükrü Ersoy von der Yildiz Teknik Üniversitesi nannte die Bebengefahr auf dem Workshop in dieser Woche ein "Problem der nationalen Sicherheit". Dabei gilt der türkische Katastrophenschutz als vergleichsweise gut organisiert, Istanbul ist allemal besser vorbereitet als ebenfalls erdbebengefährdete Großstädte wie Teheran in Iran oder Quito in Ecuador.

Prestigeträchtige Bauprojekte wie die neue Bosporus-Brücke, der ebenfalls neue Tunnel unter der Meerenge, aber auch der neue Flughafen bekommen von Fachleuten gute Noten beim Erdbebenschutz. Auch die türkischen Bauvorschriften sind nach Ansicht von Experten durchaus ambitioniert, vergleichbar mit denen in Kalifornien oder Japan.

Helfer bei Erdbebenübung in Istanbul (Archivbild)
REUTERS

Helfer bei Erdbebenübung in Istanbul (Archivbild)

Allerdings erfüllt nur ein Bruchteil der Gebäude in der Stadt die Vorschriften. Selbst neu gebaute Hochhäuser drohen so bei einem Beben einzustürzen. Der türkische Ingenieur- und Architektenverband warnte im vergangenen Jahr, in Istanbul seien zwei Millionen Wohnungen gefährdet.

Außerdem seien viele Flächen, die eigentlich als Sammelpunkte nach einem Erdbeben vorgesehen waren, längst bebaut, etwa mit Einkaufs- und Geschäftszentren. Von 470 Sammelpunkten stünden 300 in Wahrheit nicht mehr zur Verfügung. Dabei sollten auf diesen Flächen die Menschen nicht nur kurzfristig Schutz finden, sondern im Fall der Fälle sogar Containerdörfer für Wohnungslose errichtet werden.

Eine Lücke von 30 Kilometern

Zusammen mit Kollegen hat Geoforscher Bohnhoff den Untergrund vor Istanbul mit Seismometern untersucht, die sie in 300 Meter tiefen Bohrlöchern versenkt haben. Die Daten der Forscher zeigen eindrücklich: Südlich von Istanbul gibt es eine 30 Kilometer lange Lücke im Untergrund, wo sich die Spannung zwischen den Erdplatten lange Zeit nicht entladen hat. Dort wird er wohl seinen Ausgang nehmen, der nächste mächtige Erdstoß.

Das könnte Sie auch interessieren

Doch was wird dann passieren? Nun, womöglich wird Istanbul zumindest etwas Glück im Unglück haben. Denn die Bruchausbreitung, so legen es jedenfalls die aktuellen Erkenntnisse der Geoforscher nahe, könnte von der Stadt weg in östlicher Richtung verlaufen. Darauf deuten die Daten zahlreicher kleinerer Erdbeben in der Region hin. Sie scheinen zu belegen, dass westlich von Istanbul die zwei Erdplatten zumindest partiell langsam aneinander vorbeikriechen können - und damit zumindest ein Teil der Spannung abgebaut wird. Östlich der Metropole fehlen diese Beben dagegen komplett. Dort droht nach aktuellem Stand die größte Gefahr.

Dass Istanbul wohl als nächstes dran ist, belegen auch die schwersten Erdstöße der jüngeren türkischen Geschichte. Sie ereigneten sich beinahe auf den Tag genau vor 19 Jahren, als am 17. August 1999 ein Beben der Stärke 7,5 die dicht besiedelte Region um Izmit erschütterte, rund 100 Kilometer von Istanbul entfernt. Damals waren um die 18.000 Menschen gestorben, etwa 250.000 verloren ihr Zuhause.

Die betroffene Region liegt auch an der Nordanatolischen Verwerfungszone. An ihr entlang hatten sich über die Jahre die Zentren der schweren Beben von Osten nach Westen bewegt - von 1939 in der Osttürkei bis 1999 in Izmit. Westlich davon liegt nun Istanbul. Doch wann könnte die Katastrophe nun dort auftreten? Einer Schätzung zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Beben der Magnitude 7 oder mehr bis zum Jahr 2040 bei ungefähr 50 Prozent.

Istanbul muss und wird sich vorbereiten. Dem großen Beben wird die Stadt kaum entgehen können.

Mehr zum Thema


insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nomadas 19.08.2018
1. Planet Erde
Ja, die Erde wird immer wieder beben, eben, dort, wo wir wissen, dass es ganz sensible Stellen sind. Und die Menschen? Nun, die wissen es -meist- aber tun so, als sei nichts. Wenn es dann da ist, das Übel, dann ist die Not groß. Auch Italien soll, wenn es stimmt, zerfallen, erbebenbedingt. In Kalifornien ist "The big one" ständig ante portas. Kein Mensch zieht aber deshalb dort weg. Tja, dann! Schicksal ist es nicht. Es ist vielmehr die Folge des eigenen Handelns. deus lo vult - ist auch passé! Das sogenannte erbebensichere Bauen, ein Placebo der Wirtschaft, die damit gigantische Profite macht. An diesen Stellen der Erde wäre echt Völkerwandeung nötig, doch diese wird von ganz anderen Zwängen, in ganz anderen Regionen verursacht. Okay im Falle Japan bzw. Tokio hat man das Inseldasein als conditio sine qua non. Dort wird es auch sicher noch beben. Diese Urgewalten haben wir Menschlein nicht im Griff. Doch, die Übel des menschengemachten Klimawandels müssen wir voll verantworten. consumo ergo sum
r_saeckler 19.08.2018
2. Tja, wenn man halt wüßte wann ...
Das Problem ist an jedem Punkt der Erde stets genau dasselbe: DASS eine Katastrophe kommen wird, eine große Katastrophe mit furchtbar vielen Opfern (oder der langzeitigen Unbewohnbarkeit des betroffenen Orts, oder ...) ist absolut sicher. Seien es Erdbeben, Tsunamis, mönströse Überflutungen, Bergstürze, Vulkanausbrüche, ... jeder - buchstäblich JEDER - Punkt der Erde wurde in der Vergangenheit und wird irgendwann in der Zukunft von einer oder mehrerer dieser oder anderer Katastrophen heimgesucht werden. Nur: WANN genau ist leider, leider nicht zu sagen. Ja, es ist noch nicht einmal mit vernünftiger Sicherheit einzugrenzen, welche Gebiete der Erdoberfläche mit so hoher Wahrscheinlichkeit in so, geologisch gesehen, kurzen Zeiträumen von einer oder mehreren solcher Katastrophen heimgesucht werden als dass eine vollständige Absiedlung und Räumung der betreffenden Zonen eine sinnvolle Option wäre. Praktisches Beispiel gefällig? Gemäß den Vorgaben der WENRA (des Clubs der westeuropäischen nationalen Atomaufsichts- und Sicherheitsbehörden) dürfen kerntechnische Anlagen (Kernkraftwerke, Brennelementfabriken usw.) nur an solchen Standorten und in der sicherheitsmäßigen Auslegung gebaut werden, dass sie jede dort mit einer Wiederkehrenshäufigkeit von einmal alle 10.000 Jahre zu besorgende Einwirkung durch äußere Einflüsse (also z. B. Hochwasser, Erdbeben, und und und) ohne Schäden für die Umgebung abkönnen. Würde man dasselbe für alle Industrieanlagen und alle Städte vorschreiben wollen dann wäre Mitteleuropa weitestgehend unbesiedelbar... Also bleibt nur, nach dem besten Stand von Wissenschaft und Technik VORSORGE zu treffen. Durch erdbeben- oder tornadosichere Auslegung von Gebäuden, durch Deiche, durch ... und durch durchdachte Notfall- und Rettungspläne.
MyMoon 19.08.2018
3. Medienkampagne
Jeden Tag ein oder zwei negative Artikel zur Türkei. Erdbeben sind in vielen Gebieten möglich vor allem warten alle schon ewig auf das Jahrhundertbeben in den USA. Und passiert ist bisher nichts. In die Zukunft schauen kann niemand. Und der Zeitpunkt solcher hypothetischen Artikel ist schon offensichtlich. Passt gegen die Medienkampagne gegen die Türkei.
hr.lich-daemlich 19.08.2018
4. Irgendwann
ja, irgendwann wird dieser Planet in Gänze vernichtet. Das ist perspektivisch weit Außerhalb meines Lebensbereiches und nicht worüber man sich jetzt Sorgen machen müsste. Worüber wir uns jetzt Sorgen machen müssen sind Gebiete, die vielleicht zukünftig langfristig über 42°C Außentemperatur haben werden. Das werden unhabitable Zonen und nach Überschlag von Wissenschaftlern kann es sogar die Iberische Halbinsel betreffen. Dann bleibt uns nichts anderes als mit Technik zu kompensieren, da die Landflächen zwar reichen um alle Menschen aufzunehmen, aber nicht um alle auch noch zu ernähren. In den unhabitablen Zonen werden auch nicht so viele Nahrungsmittel produziert werden können. Energie haben wir dann genug um Strom zu produzieren und den brauchen wir um Lebensräume zurück zu gewinnen. Was das jetzt mit Erdbeben zu tun hat? Bisher ist es nicht anerkannt, dass der Klimawandel auch erhöhte Tektonik zur Folge hat, aber es gibt ein recht simplen Grund warum es wahrscheinlich ist. Meines Wissens nach ist der Erdkern wärmer als die Erdoberfläche. Als Folge bedeutet es, dass die Erde von außen nach innen abkühlt. Alle Erdschichten zwischen Kern und Oberfläche haben eine bestimmte Temperatur, die dem Energiefluss entspricht und diese schwankt bestimmt auch, aber im sehr sehr geringen Bereich (ein paar Milligrad). Wenn jetzt die Oberfläche um volle Grade erhöht wird der Energiefluss verändert. Der Erdkern ist genauso warm wie vorher, aber durch die höhere Temperatur an der Oberfläche ist der Energieausgleich langsamer, da die Differenz geringer ist. Dadurch erwärmen sich die inneren Erdschichten um einen Bruchteil der angestiegenen Oberflächentemperatur. Die Energieveränderung verschiebt Schmelzzonen und erhöht die physikalische Ausdehnung der beteiligten Materialien. Zu geringer Einfluss wurde mir mal gesagt. Schauen wir mal sage ich. Bezüglich Istanbul ist das natürlich eine schlechte Nachricht, besonders weil hier wohl schon sehr viel Energie in der Spannung der Platten gespeichert ist. Hier kann man nur hoffen, dass zusätzliche Energie vielleicht etwas die Materialbiegsamkeit beeinflusst und somit etwas Energie aus der Wirkung nimmt. Ich drücke die Daumen, dass es höchstens mehrmals klappert, aber nicht knallt. Irgendwo muss die Energie ja hin.
phboerker 19.08.2018
5. historische Gebäude
Es wäre wünschenswert, dass exakte Vermessungen und photographische Dokumentation der zahlreichen bedeutenden historischen Gebäude in Istanbul zu dem Maßnahmen gehören, damit sie ggf. nach einem verheerenden Erdbeben wiederaufgebaut werden können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.