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Erdbebensicheres Bauen: Bambusstöcke hätten Tausende retten können

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Satellitenbilder enthüllen jetzt das Ausmaß der Verwüstung in Haiti. Dass Erdbeben in bitterarmen Ländern so zerstörerisch sind, liegt an Bauherren, die selbst grundlegende Regeln der Gebäudekonstruktion missachten - dabei können schon einfachste Mittel die Sicherheit erhöhen und Tausende Leben retten.

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Vorher-nachher-Bilder: Was das Beben in Haiti angerichtet hat
Haiti war gewarnt. Studien der Vereinten Nationen zeigten schon längst, dass die Erdbebengefahr in Ländern Mittelamerikas weitaus größer ist als in den USA oder Japan, wo der Untergrund ähnlich fragil ist. Wirtschaftlich starke Nationen investieren seit Jahrzehnten hohe Summen in die erdbebensichere Architektur. Arme Länder hingegen vernachlässigen das Problem.

Eigentlich gelten in fast allen Ländern Vorschriften für erdbebensicheres Bauen. Oftmals werden sie jedoch in betrügerischer Absicht gebrochen - mit katastrophalen Folgen. Dass bei dem verheerenden Beben in Pakistan 2005 so viele Hochhäuser zusammenstürzten, lag beispielsweise daran, dass beim Bau massenhaft an Stahlstreben gespart wurde.

Dabei muss erdbebensicheres Bauen keinesfalls teuer sein. Die Bewohner von kleineren Häusern könnten sich schon mit einfachen Mitteln auf eigene Faust schützen. "Bereits kleine bauliche Veränderungen können ein Haus deutlich sicherer machen", sagt Thomas Schwabe, Bauingenieur bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ.

Simple Anleitungen gibt es - die GTZ versucht seit Jahrzehnten, sie im Auftrag der Bundesregierung in armen Ländern bekanntzumachen. Doch die Erfahrungen sind ernüchternd: "Erdbebengerecht zu bauen ist in armen Gegenden nur ein Problem von vielen", sagt Schwabe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Leute sind froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben."

Um das Wissen in der Bevölkerung zu verbreiten, bedürfe es der Mithilfe lokaler Behörden, betont Schwabe. Doch die sorgten selten für eine konsequente Umsetzung der lebenserhaltenden Maßnahmen. Es gebe viele Gründe, warum die Anleitungen nicht umgesetzt würden, ergänzt sein Kollege Hans Stehling: Pfusch, Korruption, Fatalismus, Ignoranz, Sparzwang seien einige Ursachen. "Je länger die letzte Erdbebenkatastrophe in einer Region zurückliegt, umso mehr wird Erdbeben-Architektur vernachlässigt", sagt Schwabe. Womöglich könne nur ein versierter Filmregisseur helfen, der das Thema für eine dramatische Fernsehserie aufarbeite. Im Kampf gegen Aids sei diese Strategie bereits erfolgreich gewesen, so Schwabe.

Einfache Grundregeln verringern das Risiko erheblich

Die technischen Einzelheiten fernsehgerecht zu erzählen, dürfte nicht weiter schwierig sein. Die Grundregeln erdbebensicheren Bauens lauten: runde Häuser, Schwerpunkt nach unten - und alles miteinander verzahnen. Denn symmetrische Bauten, deren Hauptlast nahe des Bodens liegt, geraten weniger schnell aus der Balance.

Ziegel- und Lehmhäuser in Asien, Afrika und Südamerika werden oft im Eigenbau gemauert - meist mit zu wenig Zement. Damit die Mauersteine bei Erschütterungen miteinander verbunden bleiben, empfehlen Bauingenieure wie Bijan Samali von der University of Sydney in Australien Bambus-Korsetts als preisgünstige Lösung für Gebäude: Draht, durch handgebohrte Löcher zwischen den Steinen verlegt, wird an der Außenwand mit einem Geflecht aus Bambusstäben verknüpft. Die elastischen Streben nehmen einen Gutteil der Energie eines Bebens auf, sagt Samali.

Ein Stützkorsett aus Hanf, Jute, Draht oder Flachs wäre ebenfalls möglich. Die simpelste Stabilisierungsmaßnahme sind jedoch schmale Stützmauern, die mit der Hauswand verzahnt werden. Bei Häusern, die nicht im Boden gründen, empfehlen Experten eine weitere Notoperation: Die Mauerstützen im Erdreich zu verankern.

Besonders von oben droht bei einem Beben Gefahr: Dächer können regelrecht zu Grabplatten werden. Ingenieure raten, Dächer auf separate Stützen zu stellen, die im Boden verankert sind. Als Dachstuhl empfehlen Bauingenieure der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover ein Rechteck aus Holzbalken, das auf den Oberkanten der Außenwände befestigt wird; die Streben stabilisieren das Haus. Ziel sei es, Erschütterungen möglichst gleichmäßig auf alle Gebäudeteile zu verteilen.

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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone
Auch Balkone, Giebel und Kuppeln erhöhen die Gefahr: Ohne Sicherheitsmaßnahmen sollten sie abgerissen werden, appelliert die Deutsche Gesellschaft für Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik.

Noch besser wäre es, ganz auf Mauerwerk zu verzichten, betonen Forscher der Universitäten in Wuppertal und Kassel. Sie haben exemplarisch Fachwerkhäuser gebaut, als Vorbild für arme Regionen: Querstreben aus Holz halten dabei runde Lehmwände zusammen. Das Holzskelett wird in einem Betonsockel im Boden verankert. Reichlich Lehm solle verbaut werden, empfehlen die Experten - dicke Wände seien stabiler.

"Die meisten Erdbebenopfer könnten nach konsequenten Renovierungen vermieden werden", meint der Seismologe Jochen Zschau vom Geoforschungszentrum Potsdam. Dabei brauchen sich die Menschen eigentlich nur auf ihre Traditionen zu besinnen: Nach dem verheerenden Tsunami-Beben vor fünf Jahren seien auf der indonesischen Insel Nias fast nur Holzhäuser im alten Baustil stehengeblieben, berichten Architekten der Technischen Universität Wien. Moderne Bauten hingegen hielten den Erschütterungen meist nicht stand.

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Karte: Haiti mit der Hauptstadt Port-au-Prince

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Hintergrund Haiti
Geografie
Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.
Wirtschaft
Der Staat mit mehr als neun Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Etwa 80 Prozent der Haitianer müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, die Hälfte der Bevölkerung hat sogar weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Trotz internationaler Hilfen liegt die Wirtschaft des Staates am Boden. 80 Prozent der staatlichen Investitionen und 40 Prozent des Staatsetats werden international finanziert.
Armenhaus Amerikas
Misswirtschaft und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Zyklone haben aus der einst reichen französischen Kolonie Haiti das Armenhaus Amerikas gemacht. Wegen oft gewalttätiger Unruhen und ausufernder Kriminalität, aber auch wegen verheerender Tropenstürme wird immer wieder vor Reisen nach Haiti gewarnt.
Uno-Friedenstruppen
Seit 2004 sorgen Uno-Friedenstruppen für Sicherheit und Ordnung in Haiti. Die Einheit setzt sich aus rund 7000 Soldaten aus 18 Ländern zusammen.

+++ LESERAUFRUF +++
AFP/ Daniel Morel

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