Verknappung von Gerste Erderhitzung wird Bier teurer machen

Nach Wasser ist Bier das weltweit meistkonsumierte Getränk, sagen Forscher. Und warnen davor, dass die Erderhitzung künftig auf den Preis durchschlägt.

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Eine aktuelle Studie hat das Zeug, die Erderhitzung zum Thema am sprichwörtlichen Stammtisch und Trinker zu Klimaaktivisten zu machen: Eine in der aktuellen Ausgabe der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Nature Plants" veröffentlichte Studie prognostiziert einen deutlichen Rückgang der Gerste-Ernten durch kommende Hitze- und Dürreperioden.

Das klingt abstrakt, lässt sich aber auf eine einfache Formel hinunterbrechen: Das Bier wird teurer.

Die Forscher rechneten die

Konsequenzen für verschiedene, von deutlichen Temperaturerhöhungen geprägte Klima-Szenarien auf die Bierproduktion und -vermarktung in allen Weltregionen durch. Basis sind die vier sogenannten RCP-Szenarien des Weltklimarats, die verschiedene mögliche Entwicklungen des Weltklimas bis 2099 prognostizieren.

In all diesen Szenarien, schreiben die Forscher, käme es demnach zu Gerste-Ernterückgängen und einem daraus resultierenden Preisanstieg. Zwar dürfte der Klimawandel auch neue Anbauzonen für die Gerste erschließen, unter dem Strich aber würde die weltweite Produktion im Durchschnitt der berechneten Extreme um 15 Prozent fallen.

Das klingt nicht viel, aber die Zahl allein führt in die Irre: Zurzeit werden nur rund 17 Prozent der weltweiten Gerste-Ernte zu Bier oder bierähnlichen Destillations-Vorprodukten etwa für Whisky verarbeitet. Der Ernterückgang werde sich jedoch überproportional auf das verfügbare Angebot für die Produktion solcher "Luxuslebensmittel" auswirken, glauben die Forscher. Und das ist ein riesiger Markt: Abgesehen von Wasser sei Bier weltweit das meistkonsumierte Getränk.

Je höher die Temperaturen, desto höher der Bierpreis

Ein klimabedingter Ernterückgang hätte in allen Szenarien erhebliche Konsequenzen: Global gesehen, glauben die Forscher, werde sich der Bierpreis verdoppeln. Regional werde das - je nach verfügbarem Gerste-Angebot - aber sehr stark variieren: In manchen Weltregionen könne der Preis über 600 Prozent steigen.

Das hängt nicht nur davon ab, in welchem Maße eine Region für die Bierproduktion von Gerste-Importen abhängig ist. Entscheidend für die Teuerungsrate des Bieres sei auch der Ausgangspreis des Produkts: Wo Bier bisher sehr billig verkauft wird, würde die Preissteigerung der Zutaten im Verkaufspreis stärker fühlbar werden. In Ländern wie Australien, wo die Flasche Bier heute fast schon so viel kostet wie in Deutschland ein ganzer Kasten Billigbier, würde das wohl weniger auffallen.

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Klimawandel: Mit den Temperaturen steigt der Bierpreis

Auch für Europa prognostiziert die Studie deshalb erhebliche Preisanstiege. Kein Wunder, ist doch auch die Biernachfrage nirgendwo höher als in Mitteleuropa: Spitzenreiter unter den Bierkonsumenten sind Iren und Tschechen, gefolgt von Österreichern, Esten, Deutschen, Polen und Belgiern.

Die klimatische Bierkrise wäre unsere: keiner trinkt mehr

Acht der Top-10-Bier-Konsumländer liegen in Mitteleuropa. Nur noch in Australien (Platz 8) und den USA (Platz 9) wird ähnlich viel konsumiert, etwas abgeschlagen auf Platz 10 folgen die Briten.

Was der Gerste-Ernterückgang konkret bedeuten könnte, rechnet die Studie am Beispiel Irland durch. Im Durchschnitt der vier Klimamodelle werde dort der Bierpreis um 193 Prozent steigen. Das mögliche Preisspektrum reicht von günstigstenfalls 43 Prozent bis zum Worst-Case-Szenario von 338 Prozent.

Kein Wunder, dass die Studie auch einen massiven Rückgang des Bierkonsums erwartet - und das vor allem dort, wo Bier heute billig und massenhaft genossen wird. In Mitteleuropa, prognostiziert die Studie, dürfte der Bierkonsum um rund 30 Prozent fallen.

Dass sich der Klimawandel massiv auf die Produktion verschiedener Nahrungsmittel auswirken wird, wurde in zahlreichen Studien untersucht. Die aktuelle Studie ist allerdings die erste, die das für Gerste leistet. Die Bierverteuerung und der Rückgang des Konsums, schreiben die Autoren, dürfte sich zwar gesundheitlich positiv auswirken, aber gerade in den "Bier-Nationen" als einschneidende Veränderung wahrgenommen werden.

Muss es denn unbedingt Gerste sein?

Bier ist ein Getränk, das auf der Vergärung von Malz beruht. Das gewinnt man, indem man ein stärkehaltiges Getreide keimen lässt und dann trocknet. Unter Zugabe von Hefe und Wasser vergärt das zu einem alkoholhaltigen Bier - und das entdeckten Menschen möglicherweise schon, bevor sie herausfanden, dass man aus den Körnern alternativ auch Brot backen könnte.

Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die ersten Biere vor rund 10.000 Jahren gebraut wurden. Und je nach Weltgegend nahm man dafür, was auch immer man an Stärke-Lieferanten zur Hand hatte: Bier lässt sich prinzipiell aus so ziemlich jedem Getreide brauen, bis hin zu Mais und Reis.

In Deutschland ist die Akzeptanz solcher Gerste-freien Biere gering - abgesehen vom Weizenbier. Grund dafür ist nicht zuletzt das angeblich uralte "Deutsche Reinheitsgebot von 1516", das wahrscheinlich um 1918 aus Werbezwecken von deutschen Brauern erfunden wurde. Seitdem gilt, dass als einzige Zutaten des Bieres Malz, Wasser, Hefe und Hopfen zulässig seien. Dass dieses Malz aus Gerste gewonnen werden muss, ist zwar nicht festgeschrieben, aber tradiert.

Prinzipiell ließe sich Gerste in der Bierproduktion also ersetzen - es würde allerdings auch den Geschmack verändern. Auch beim Whisky, der aus einer Gerstenbier-Maische destilliert wird, prägt diese Zutat den geschmacklichen Charakter des Getränks - zumindest bei schottischen und irischen Sorten. In anderen Ländern destilliert man gern auch Alkoholika aus Roggen oder Mais-Malz, die dann Whiskey, Rye oder Bourbon heißen - Varianten mit teils deutlich anderem Geschmack.

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