Erderwärmung Forscher hoffen auf Einsicht bei Klimawandel-Skeptikern

Das Geld für die Studie kam ausgerechnet von der Ölindustrie - doch das Ergebnis dürfte kaum in deren Sinne sein: In den letzten 50 Jahren sind die Temperaturen an Land um etwa ein Grad gestiegen. Nun hoffen die Autoren auf ein Einsehen bei den Zweiflern am Klimawandel.

Schornsteine eines Kohlekraftwerks: "Skeptiker respektiere ich"
AP

Schornsteine eines Kohlekraftwerks: "Skeptiker respektiere ich"


London - Die Daten sind eindeutig: Es ist immer wärmer geworden auf der Erdoberfläche - und zwar um rund ein Grad Celsius. Das ist das Ergebnis einer großen Studie, die ausgerechnet von Klimawandel-Skeptikern mitfinanziert wurde. Die umfangreichen Ergebnisse des Berkeley Earth Surface Temperature Projects wurden bereits im Oktober veröffentlicht, derzeit durchlaufen sie sogenannte Peer-Review-Verfahren - also eine Qualitätsprüfung durch Kollegen, die einer Veröffentlichung in Fachmagazinen vorausgeht.

Doch die Diskussion über die Daten ist bereits in vollem Gange. "Menschen, die sagen, es gibt keinen Klimawandel, wollen vielleicht auf unsere Daten blicken und ihre Meinung überdenken", sagt Richard Muller, Chef des Berkeley Earth Surface Temperature Projects, im Interview mit dem Fachblatt "Nature Climate Change". Die größte Überraschung sei gewesen, dass die neuen Ergebnisse so stark mit den Werten übereinstimmten, die zuvor von anderen Teams in den USA und Großbritannien veröffentlicht worden waren. Als nächstes wollen die Wissenschaftler die Ozeantemperaturen überprüfen. Sie hoffen, diese Arbeit 2012 abzuschließen.

Für die Studie waren namhafte Forscher angeheuert worden, etwa Nobelpreisträger Saul Perlmutter. Sie wurde unter anderem von der Charles G. Koch Charitable Foundation finanziert, die aus dem Öl- und Chemiekonsortium Koch Industries hervorging. Deren Mitbesitzer David Koch unterstützt auch die politisch rechts stehende Tea-Party-Bewegung in den USA.

Unterscheidung zwischen Skeptikern und Leugnern

Skeptiker hatten unter anderem behauptet, dass ein großer Teil der vorher von anderen Gruppen gemessenen Erwärmung seine Ursache im Standort der Messstationen in städtischen Gebieten habe. Diese seien mit ihren Straßen und Häusern regelrechte "Hitze-Inseln". Wie das kalifornische Forscherteam nun berichtet, verzeichneten jedoch auch die ländlichen Regionen Temperaturanstiege. "Wir haben sorgfältige Studien zu den legitimen Fragen unternommen, die von den Kritikern aufgeworfen wurden. Wir zeigen, dass keine dieser Einflussgrößen die Schlüsse anderer Gruppen nennenswert beeinflusst", sagte Muller.

Warum er von der Stiftung Geld angenommen habe, wollte das Journal von Muller wissen. "Sie haben uns das Forschungsgeld ohne jede Einschränkung gegeben. Ich denke, dass die Stiftung die Arbeit finanzierte, weil sie wirklich befürchtet hat, dass legitime Skepsis ignoriert wurde."

Die Forscher hatten rund 1,6 Milliarden Temperaturaufzeichnungen der vergangenen 200 Jahre ausgewertet. "Wir haben 15 verschiedene Datensammlungen einbezogen und alle unsere Änderungen sorgfältig dokumentiert", erklärt Muller. Eine andere Statistik habe es erlaubt, auch unvollständige Datensätze einzubeziehen. Zudem sei all jenes, was sein Team weggelassen habe, sorgfältig gekennzeichnet worden. Damit werde die Vorgehensweise seines Teams nachvollziehbar. Inzwischen sind vier wissenschaftliche Papiere mit den Resultaten bei wissenschaftlichen Journalen eingereicht, ergänzt Muller, zwei weitere seien in Vorbereitung.

Auf die Frage "Glauben Sie, dass die Resultate Skeptiker davon überzeugen werden, dass der Klimawandel real ist?" antwortet der Forscher: "Ich unterscheide zwischen Skeptikern und Leugnern. Die Skeptiker sind Leute, die ich respektiere - sie haben legitime Fragen aufgeworfen und sind nach meiner Erfahrung aufgeschlossen. Leugner sind Menschen, die mit einer Schlussfolgerung starten und nur jene Daten berücksichtigen, die diesen Schluss unterstützen. Ich glaube, dass die Resultate bei einigen Skeptikern die Meinung über die Realität des Klimawandels verändern können."

hda/dpa

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