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Erderwärmung: Forscher identifizieren neun kritische Klima-Krisenzonen

Grönland, Amazonien, Arktis: Wenn das Klima hier kippt, hat das weltweit dramatische Folgen. Wissenschaftler haben jetzt erstmals neun kritische Regionen im globalen Klimasystem benannt - SPIEGEL ONLINE zeigt die Problemzonen der Erde.

Kleine Dinge können riesige Folgen haben - und genau darum geht es bei den "Tipping Points". Jenen kritischen Stellen auf der Welt, an denen das Klima umschlagen könnte. Stellen, an denen schon winzige Veränderungen reichen, um global einen unabsehbaren, unumkehrbaren Klimawandel auszulösen.

Wissenschaftler haben jetzt erstmals gebündelt neun solche Schlüsselstellen benannt: vor allem das Arktis- und das Grönlandeis, aber auch die Amazonaswälder und sechs weitere Regionen (siehe Fotostrecke).

An ihnen können die Klimasysteme leicht kippen, warnen der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, sein Mitarbeiter Stefan Rahmstorf und britische Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS). Sie sprechen statt von "Tipping Points" lieber von "Tipping Elements" - also Kippelementen des Klimas.

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Im Überblick: Kipp-Punkte des Weltklimas
Das Meereis der Arktis und der Grönländische Eisschild seien besonders anfällige Systeme, berichten die Forscher. Wenn das arktische Meereis schmelze, komme darunter die dunklere Wasseroberfläche hervor. Da sie mehr Sonnenstrahlen aufnehme als weiße Eisflächen, werde die Erwärmung verstärkt. Das übrige Eis schmelze schneller. Die kritische Grenze könnte bei 0,5 bis 2 Grad Celsius Erwärmung liegen, sodass die Arktis bereits in wenigen Jahrzehnten im Sommer eisfrei sein könne.

Beim Grönländischen Eisschild trügen schmelzende Gletscher zunächst den Rand des Schildes ab, was zu weiterer Erwärmung und Eisverlust führe. "Wird die kritische Grenze von drei Grad Celsius lokaler Erwärmung überschritten, könnte der Eisschild schlimmstenfalls schon innerhalb von 300 Jahren abschmelzen. Dies würde den Meeresspiegel um bis zu sieben Meter ansteigen lassen", warnen die Wissenschaftler. Auch der Westantarktische Eisschild könnte in dieser Zeit abtauen. Dessen Kipppunkt liege bei einer Erwärmung der Region von fünf bis acht Grad.

Amazonas, Monsun, El Niño

Die Klimaforscher aus Potsdam und Großbritannien hatten die Ergebnisse eines Workshops mit 36 führenden Klimaforschern, eine Befragung von 52 Experten und wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema berücksichtigt.

Die Borealwälder im Norden der Erde werden den Forschern zufolge bei drei bis fünf Grad Erwärmung durch Trockenheit, Sommerhitze und Krankheiten innerhalb von 50 Jahren großenteils absterben. Der Regenwald im Amazonas werde durch Entwaldung und Erwärmung derart geschädigt, dass er nach Modellaussagen in dieser Zeitspanne ebenfalls großflächig zerstört sein könne.

Für die Sahara, die Sahelzone und die Region südlich davon sei noch unklar, ob sie trockener oder feuchter werden als bislang. Weitere Kippelemente seien das Klimaphänomen El Niño, der indische Sommermonsun und der große Wasserkreislauf im Atlantik, die sogenannte thermohaline Atlantikzirkulation.

Die neun jetzt benannten Kippelemente sind freilich nicht alle - sondern nur die nach Meinung der Wissenschaftler besonders wichtigen. Schellnhuber geht beispielsweise von weltweit 16 Kippprozessen aus, darunter das Ozonloch über der Antarktis. Als "bereits gekippt" gelten nach Angaben der Potsdamer Klimaforscher das Schmelzen des Eises in der Arktis und auf Grönland sowie das antarktische Ozonloch.

Angesichts der potentiell dramatischen Auswirkungen der "Tipping Elements" setzen die Autoren darauf, dass der Klimaschutz verstärkt wird. Sie fordern unter anderem bessere Anpassungsstrategien an den Klimawandel als die "bisherigen Schritt-für-Schritt-Konzepte".

Über die Frage, ob das globale Klima bereits einen oder mehrere "Tipping Points" erreicht hat oder nicht, debattieren Wissenschaftler schon länger. "Ich denke, wir haben den kritischen Punkt beim Klimawandel schon überschritten", sagte im Dezember James Hansen, Direktor des Goddard Institute for Space Studies der Nasa.

Das System habe einen Zustand erreicht, an dem es auch ohne weitere Einflüsse von außen zu einem schnellen, umfassenden Klimawandel komme. Unumkehrbar seien die Veränderungen noch nicht, sagte Hansen - aber zumindest beim Eis in der Arktis sei der "Point of no return" nicht mehr weit entfernt.

hda/AP/dpa

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Klimawandel: Gefährliche Kipppunkte

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