Erderwärmung Klima-Index sagt Industriestaaten gewaltige Aufgaben voraus

Die Deutschen sehen sich gern als Klima-Musterschüler - doch die Zahlen einer neuen Studie relativieren das. Deutschland hat demnach zwar einiges getan, um seinen Treibhausgas-Ausstoß in den Griff zu bekommen. Aber bei den anstehenden gewaltigen Aufgaben liegt die Bundesrepublik zurück.

AFP

Frankfurt am Main - Deutschland hat zwar beim Klimaschutz mehr erreicht als andere Industriestaaten, liegt aber hinter den gesetzten Zielen zurück. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC), die am Dienstag in Frankfurt am Main vorgestellt wurde.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat dazu zwei Indizes entwickelt: Einer zeigt, welche Fortschritte die G-20-Staaten seit 2000 bei der Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen gemacht haben ("Low Carbon Achievement Index"). Der zweite gibt an, wie weit die Wegstrecke bis zu einem nachhaltigen Emissionsniveau noch ist ("Low Carbon Challenge Index"). Als Ziel nahmen die Statistiker an, dass die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre bis zum Jahr 2100 unter 450 ppm (parts per million) bleibt. Dies gilt unter Wissenschaftlern als Limit, will man die Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzen und so katastrophale Folgen verhindern.

Das Ergebnis der Studie: Zwar konnte die Mehrzahl der G-20-Staaten seit 2000 ihre CO2-Emissionen relativ zur Wirtschaftsleistung senken. Absolut betrachtet haben sie sich in den vergangenen zehn Jahren aber weiter von einem nachhaltigen Emissionsniveau entfernt (siehe Fotostrecke oben).

Deutschland bekommt bei den bisherigen Errungenschaften gute Noten: Es schneidet im Achievement-Index besser ab als die meisten anderen G-20-Staaten. Bei den noch anstehenden Aufgaben, dem Challenge-Index, liegen die Deutschen dagegen zurück. Vor dem Hintergrund seiner hohen Wirtschaftsleistung müsste Deutschland seine Kohlenstoffintensität - die CO2-Emissionen, die im Verhältnis zu seinem Bruttoinlandsprodukt anfallen - bis 2050 um fast 90 Prozent senken. Damit stehe die deutsche Wirtschaft vor größeren Herausforderungen als die meisten anderen Volkswirtschaften der G20. Im Durchschnitt müssten die 20 größten Industriestaaten ihren CO2-Ausstoß in Relation zur Wirtschaftsleistungbis bis 2050 um 85 Prozent senken, um den Klimawandel gerade noch beherrschbar zu halten.

Dies sei nur zu erreichen, wenn sich die führenden Industrienationen - USA, China, Indien und die EU - schnell auf verbindliche Emissionsziele einigten. "Je länger die Regierungen zögern, desto schwieriger und schmerzhafter wird es, den Rückstand aufzuholen", betonte Alfred Höhn von PwC. "Der Gipfel von Kopenhagen muss daher zumindest eine Einigung auf mittelfristige Emissionsbudgets bringen."

Studie: EU kann CO2-Ausstoß bis 2050 um 80 Prozent senken

Eine weitere Studie ergab indes, dass eine starke Senkung der Treibhaus-Emissionen in Europa durchaus möglich ist. Bis 2050 könnte, gemessen an 1990, bis zu 80 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen werden, heißt es in der Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag der Europäischen Kommission.

Damit sei es "technisch und wirtschaftlich umsetzbar", den weltweiten Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu beschränken, berichtete das Institut am Dienstag in Karlsruhe. Dazu sei es unter anderem notwendig, einen Preis für die Emissionen festzulegen. Das reiche jedoch nicht aus, betonten die Projektleiter Eberhard Jochem und Wolfgang Schade. Ein "breites Portfolio" an politischen Maßnahmen müsse neue klimafreundliche Technologien auf den Markt bringen und Verhaltensänderungen in der Gesellschaft bewirken.

Alle für Treibhausgase verantwortlichen Sektoren müssten in die Pflicht genommen werden, so die Forscher. Industrie und Transport sollten ihren CO2-Ausstoß - diesmal gemessen an 2005 - um 40 Prozent bis 2050 reduzieren. Haushalte, Dienstleistung und Stromerzeugung sogar um fast 90 Prozent. "Wir müssen jetzt mit dem Klimaschutz anfangen", obwohl die negativen Effekte des Klimawandels jetzt noch wenig zu erkennen seien, betonte Schade. Schwerpunkte seien der Ausbau erneuerbarer Energien, bessere Isolierung von Gebäuden und der Einsatz von energieeffizienten Technologien.

Fossile Brennstoffe wie Kohle und Öl würden im Szenario der ADAM-Europa-Studie durch vermiedene Energienachfrage und erneuerbare Energien ersetzt, die bei der Stromerzeugung auf bis zu 75 Prozent ausgebaut werden könnten. Ein Ausbau der Kernenergie oder die unterirdische Lagerung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage; CCS) im Energiesektor wären dann nicht erforderlich.

Die wirtschaftliche Entwicklung würde von solchen Strategien nicht verändert, sondern manchmal sogar verbessert, betonen die Studienautoren. Das Konzept des "Green New Deal" kombiniere wirtschaftliche Stimulierung mit grüner Technologie. "Man erzeugt Wirtschaftswachstum, indem man auf Material- und Energieeffizienz sowie Klimaschutz setzt - eine Win-Win-Situation", erläuterte Schade. Auf wirtschaftlicher Seite entstünden neue Arbeits- und Absatzmärkte, auf ökologischer Seite nütze der "Green New Deal" dem Klimaschutz.

mbe/dpa/ddp

Forum - Was bringt der Klimagipfel in Kopenhagen?
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Seite 1
yubi 28.10.2009
1. Was bringt der Klimagipfel?
Er bringt viel inhaltsloses Geschwätz, vollmundige (und windelweiche) Absichtserklärungen, Forderungen an "die Anderen", endlich auch etwas zu tun (bevor man selber was tut), .... Gut, daß die mal wieder drüber gesprochen haben ..... Ausser Spesen wieder nichts gewesen, und .... dann bis zum nächsten mal.
Maschinchen, 28.10.2009
2.
Bleiben seitens der EU finanzielle Zusagen für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern weiterhin aus, wird es schwer, diese mit ins Boot zu holen. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin utopisch, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Klimaschützer werden sich zunehmend mit dem ungeliebten Wort adaptation anfreunden müssen.
Edgar, 28.10.2009
3.
Wird wohl auf die übliche Verzögerunstaktik hinaus laufen, Aussitzen, bis die Klimahysterie vorbei ist, bis da hin Valium verteilen. Gut so! Wird nämlich trotzdem noch viel zu viel Geld sinnlos verbrannt. Deutschland wird wohl leider wieder als letzter Staat merken, dass die Party vorbei ist, und brav 'Vorbild' spielen.
Internetnutzer 28.10.2009
4. Atomkraft
Alle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Maschinchen, 28.10.2009
5.
Zitat von InternetnutzerAlle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Nun, was schlagen Sie vor? Anreise im Schlauchboot, Übernachtung auf dem Campingplatz?
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