Erderwärmung Meeresspiegel könnte viel schneller steigen als erwartet

Bis Ende des Jahrhunderts könnte der Meeresspiegel um bis zu eineinhalb Meter ansteigen, befürchten Wissenschaftler. Die Schätzungen des Weltklimarats seien zu konservativ - weil sie die Eisschmelze in Grönland und der Antarktis nicht ausreichend berücksichtigen.


Wien - Die Meeresspiegel steigen - nur wie schnell? 18 bis 59 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts, schätzte der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change). Es könnte drei mal so viel sein, sagen nun Wissenschaftler um Swetlana Jewrejewa vom britischen Proudman Oceanographic Laboratory. Bis zum Jahr 2100, so haben die Forscher ausgerechnet, könnte der Meeresspiegel um bis zu eineinhalb Metern steigen. Ihre Erkentnisse stellten die Wissenschaftler auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien vor.

Eisfjord in Grönland: Eisschmelze lässt Meeresspiegel schneller steigen.
AP

Eisfjord in Grönland: Eisschmelze lässt Meeresspiegel schneller steigen.

Der Grund für den unerwartet dramatischen Anstieg: Aufgrund der beschleunigten Erderwärmung drängen zunehmend Wassermassen von den schmelzenden Eismassen Grönlands, der Antarktis und den weltweit schneller schmelzenden Gletschern in die Ozeane. Zusätzlich schwelle der Meeresspiegel durch die Ausdehnung des Wassers aufgrund der Erwärmung der Meere an, sagte Steve Nerem von der Universität in Boulder im US-Bundesstaat Colorado.

Die Studie des Proudman Oceanographic Laboratory steht allerdings noch unter einem Vorbehalt: Sie durchlaufe derzeit ein sogenanntes Peer-Review-Verfahren, wie Jewrejewa in Wien berichtete. Die These vom dramatisch höheren Meerespiegelanstieg muss also erst noch von Forscherkollegen überprüft und bewertet werden.

"Unter den Wissenschaftlern gelten die Schätzungen der IPCC als konservativ", meint Simon Holgate vom Proudman Oceanographic Laboratory in Liverpool. Grönland war bisher die große Unbekannte in den Vorhersagen des Meeresspiegel-Anstiegs. Bereits in der Vergangenheit hatten Wissenschaftler vermutet, dass die Eisschmelze vom IPCC unterschätzt worden war. Eine neue Studie eines US-amerikanischen Forscherteams um Bea Csatho von der University of Buffalo hatte im Februar das Schmelzverhalten und die Dynamik der Grönland-Gletscher erstmals genau untersucht. Csatho und seine Kollegen kamen ebenfalls auf weit höhere Meeresspiegel-Anstiegswerte als der IPCC

Inzwischen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass zum Beispiel der gesamte Eisschild über Grönland bereits innerhalb der nächsten 1000 Jahre und nicht erst in 8000 Jahren geschmolzen sein wird. Schnell fließendes Schmelzwasser "schmiere" gleichsam den Boden und beschleunige damit die Wanderung von Gletschern. Während der Meeresspiegel in den vergangenen zwei Jahrtausenden lediglich um rund 20 Zentimeter schwankte, dürfte er allein in diesem Jahrhundert um 80 bis 150 Zentimeter anschwellen. "Wir haben in den vergangenen 15 Jahren bereits einen Anstieg um 3,5 Millimeter pro Jahr registriert", meint etwa Steve Nerem von der Universität Boulder im US-Staat Colorado. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass sich der Anstieg beschleunige.

Wie sich die dramatische Anhebung des Meeresspiegels im Einzelnen auswirken wird, können die Experten noch nicht absehen. Klar ist: Durch den Anstieg sind Millionen Menschen vor allem in den Entwicklungsländern gefährdet. Treffen die Berechnungen der Forscher zu, dann sind im Jahr 2100 rund 90 Prozent des dicht besiedelten Landes Bangladesch überflutet. Afrika und Asien würden durch einen höheren Meeresspiegel am schlimmsten getroffen. Die Volksrepublik China müsste etwa 72 Millionen Menschen umsiedeln.

lub/dpa



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