Erdstöße in Neuseeland: Warum die Menschen dem Beben entkamen

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Das Beben in Neuseeland ähnelte verblüffend dem auf Haiti: Es hatte dieselbe Stärke, ereignete sich flach unter der Erde nahe einer Großstadt und entstand auf ähnliche Weise. Doch diesmal starben nicht Hunderttausende Menschen, es blieb bei Gebäudeschäden - das hat Gründe.

Erschütterter Inselstaat: Schweres Beben in Neuseeland Fotos
AP/ NZPA

Hamburg - Ein starkes Erdbeben hat in Neuseeland große Zerstörungen angerichtet; mehrere Menschen wurden verletzt. Schwer getroffen wurde die Stadt Christchurch im Südosten des Landes, wo etliche Häuser einstürzten. In der mit 400.000 Einwohnern größten Stadt der Südinsel wurde der Notstand ausgerufen. Die Stadt habe gewackelt wie von einem riesigen Eisberg getroffen, sagte der Bürgermeister von Christchurch, Bob Parker. Das Beben war auf der gesamten Südinsel des Landes zu spüren.

Das Beben traf die Stadt um halb fünf Uhr morgens. Viele Bewohner liefen in Schlafanzügen auf die Straße. Andere wurden nach Angaben der Feuerwehr in ihren beschädigten Häusern eingeschlossen. Das Strom- und Mobilfunknetz brach zusammen, Trümmer verschütteten Autos und blockierten Straßenzüge. Auch die Gas- und Wasserversorgung wurde unterbrochen. Plünderungen wurden gemeldet. Nach ersten Schätzungen entstand durch die Erdstöße ein Schaden von 1,1 Milliarden Euro.

Und doch: Angesichts der Stärke der Erdstöße muss von einem glimpflichen Ausgang gesprochen werden. Das Beben schüttelte Städte mit ähnlicher Wucht wie jenes in Haiti im Januar, als 260.000 Menschen starben. Beide Naturereignisse ähnelten sich wie Geschwister:

  • Beide Beben hatten die gleiche Stärke: 7,0.
  • Beide Beben ereigneten sich nur wenige Kilometer unter der Erdoberfläche, weshalb ihre Erschütterungen kaum gedämpft wurden.
  • Beide Beben wurden von einer ähnlichen Bewegung der Erdkruste ausgelöst, einer sogenannten Seitenverschiebung: Haiti und Neuseeland sind innerlich zersprungen wie Glasscheiben, Gesteinsnähte durchziehen beide Länder - Erdplatten schrammen seitlich aneinander vorbei. Ruckeln sie voran, bebt die Erde. Die Erschütterungswellen solcher Beben sind besonders zerstörerisch, weil sie den Boden S-förmig verformen. Die meisten Erdbeben in anderen Ländern hingegen ereignen sich an Orten, wo Erdplatten übereinander schrammen.
  • Beide Beben verblüfften die Wissenschaft - sie ereigneten sich an unbekannten Nähten in der Erdkruste. Geoforscher rätseln sogar, ob das Beben in Neuseeland eigentlich aus drei Schlägen bestand.
  • Beide Beben schlugen in unmittelbarer Nähe einer Großstadt zu. Doch während in Port-au-Prince in Haiti Hunderttausende starben, gab es in Christchurch in Neuseeland nur wenige Verletzte.

Der Vergleich beweist: Die Neuseeländer verdanken ihr Überleben der Architektur ihrer Häuser. Zwar begünstigte der Zeitpunkt des Bebens in der Nacht den Ablauf - zur Hauptverkehrszeit wären vermutlich viele auf den Straßen von Trümmern getroffen worden. Viele Häuser wurden schwer beschädigt. Doch entscheidend war, dass die meisten Bauten stehenblieben, die Bewohner nicht verschüttet wurden.

Seit 1855, als ein Starkbeben die Hauptstadt Wellington verwüstete, gelten in Neuseeland Vorschriften für erdbebensicheres Bauen. In Haiti jedoch wurden die meisten Bauten ohne Vorsichtsmaßnahmen errichtet.

Hundertmal größeres Risiko

Die glimpflichen Folgen des schweren Bebens der Stärke 7,0 in Neuseeland belegen ein fatales Gesetz: Naturkatastrophen suchen zumeist arme Länder heim. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Entwicklungsland durch ein Naturereignis zu sterben, sei etwa hundertmal größer als in reichen Staaten, hat der Geologe John Mutter von der Columbia Universität in New York berechnet.

In wirtschaftlich starken Nationen werden hohe Summen in die erdbebensichere Architektur der Gebäude investiert. In Neuseeland wurden die Bestimmungen stetig verschärft. Nach dem Wellington-Beben 1855 gab es die Maßgabe, möglichst Holzhäuser zu bauen. Deren Einsturz ist weitaus weniger gefährlich als herabstürzender Beton.

Mitte des letzten Jahrhunderts verbesserten sich die technischen Möglichkeiten, auch Betongebäude mit Stahlstreben zu stabilisieren. Gerade an der Universität in Christchurch haben Ingenieure die architektonischen Möglichkeiten verbessert; die Uni erlangte internationales Renommee.

Der Kollaps muss verhindert werden

Insbesondere größere Gebäude wie Krankenhäuser, Schulen, Hotels und Geschäftsgebäude müssen gesichert werden. Denn große offene Räume im Erdgeschoss müssen viele Stockwerke tragen, schon leichte Erschütterungen können solche Hochhäuser einstürzen lassen.

Seit den sechziger Jahren wurden die Baugesetze in Neuseeland kontinuierlich verschärft. Die wichtigste Maxime der aktuellen Bestimmungen von 1992 lautet: Schwere Schäden im Beton lassen sich bei Starkbeben nicht verhindern - aber der Kollaps eines Gebäudes muss verhindert werden. Die Vorsorge hat nun Tausenden das Leben gerettet.

Auch die neuseeländischen Versicherungsgesetze tragen der Gefahr Rechnung. Beim Abschluss nahezu jeder Versicherung fallen Erdbebenabgaben an. Mit ihnen sollen im Ernstfall Schäden rasch behoben werden. Die Aufräumarbeiten in Christchurch haben bereits begonnen.

Nun geht es darum, die wirtschaftlichen Folgeschäden in Grenzen zu halten. Hier sind auch reiche Länder gefährdet: Auch wenn Gebäude standhalten - nach starken Erdbeben wie jetzt in Neuseeland fallen oft Kommunikations- und Verkehrswege aus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ähnelte verblüffend demjenigen auf Haiti
joe sixpack 04.09.2010
Zitat von sysopDas Beben in Neuseeland am Samstag ähnelte verblüffend demjenigen auf Haiti: es hatte die gleiche Stärke, ereignete sich flach unter der Erde nahe einer Großstadt und entstand auf ähnliche Weise. Doch diesmal starben nicht hunderttausende Menschen - es blieb bei Gebäudeschäden. Warum? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,715698,00.html
Na, dann warte ich jetzt gespannt auf Behauptungen, die USA haetten das Beben ausgeloest weil sie NZ erobern wollen.
2. Warum...
giespel 04.09.2010
...sterben Menschen beim Berühren unisolierter elektrischer Leitungen, und warum bei isolieren nicht? Kommt ungefähr auf's selbe raus. Da kommt der Unterschied zwischen einem in seit Jahrzehnten in Anarchie und Chaos versunken Land und einem zivilisierten Staat zum Tragen. Zum Glück haben wir in Deutschland nur weniger starke tektonische Ereignisse zu erwarten. Es bricht hier nur mal was in Köln zusammen, auch ganz ohne Erdbeben.
3. unsinn
Gertrud Stamm-Holz 04.09.2010
Zitat von joe sixpackNa, dann warte ich jetzt gespannt auf Behauptungen, die USA haetten das Beben ausgeloest weil sie NZ erobern wollen.
Beim Tsunami seinerzeit haben Stimmen das eine mit dem anderen in Verbindung gebracht. Nein, nicht die USA war gemeint. Auf Indonesien spuckt ein Vulkan, in Neuseeland rumst es und das alles ohne Zusammenhang.
4. Warum?
mavoe 04.09.2010
Zitat von sysopDas Beben in Neuseeland am Samstag ähnelte verblüffend demjenigen auf Haiti: es hatte die gleiche Stärke, ereignete sich flach unter der Erde nahe einer Großstadt und entstand auf ähnliche Weise. Doch diesmal starben nicht hunderttausende Menschen - es blieb bei Gebäudeschäden. Warum? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,715698,00.html
Weil es halt gerade in tropischen Regionen so fruchtbare Länder gibt, welche von den Europäern 500 Jahre lang gnadenlos ausgebeutet wurden und danach sich selbst überlassen wurden. Resultat ist eine allgemeine Armut dort bis heute. Mit kleiner einheimischer Ausbeuterklasse, welche korrupt und despotisch regiert, und noch mehr Profite macht wieder mit Hilfe der Europäer, Amerikaner und zunehmend auch der Chinesen. Das ist sehr oft der Fall. Da bleibt dem Normalbürger nichts anderes übrig als mit billigsten Mitteln irgendwie zurechtzukommen. Wenn dann noch eine Naturkatastrophe stattfindet folgt zwangsläufig das was in Haiti, Pakistan,... schon stattgefunden hat. Den großen Tsunami Ende 2004 lass ich jetzt mal außenvor, der hätte in Neuseeland ähnliche Verwüstungen hervorgerufen. Nun ist Neuseeland ja von Engländern kolonisiert worden, nach einem dubiosen Vertrag mit den Maori vor Ort (Waitangi), was im Nachhinein gesehen zu der damaligen Zeit die "beste" Option für die war. So wurde NZ für die Weißen ein zweites England und blühte und prosperierte, und da konnte man halt dann vernünftig bauen, wenn auch nicht ganz erdbebensicher, jedoch zumindest lebensrettend. Darum!
5. Liegt auf der Hand!
RuleBritannia, 04.09.2010
Zitat von sysopDas Beben in Neuseeland am Samstag ähnelte verblüffend demjenigen auf Haiti: es hatte die gleiche Stärke, ereignete sich flach unter der Erde nahe einer Großstadt und entstand auf ähnliche Weise. Doch diesmal starben nicht hunderttausende Menschen - es blieb bei Gebäudeschäden. Warum? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,715698,00.html
Ganz einfach: New Zealand ist ein zvilisertes, hochentwickeltes Land, hat eine funktionierende Demokratie, (immer noch eine Monarchie,von den Briten vererbt), wo law & order gelten und Gestze und Bestimmungen respektiert werden. Haiti faellt leider ins andere Extrem: Korrupt, arm, unterentwickelt, wo Law und Gesetz nicht existieren und franzoesische. In Haiti wurden bestimmt 90% aller Bauten nicht nur ohne Sicherheitsbestimmungen, sicherlich auch ohne jegliche Genehmingung.
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