Erkundung Australiens Das rätselhafte Verschwinden des deutschen Entdeckers

Im frühen 19. Jahrhundert ist das Innere Australiens weitgehend unbekannt - nur die Küsten sind von Europäern besiedelt. 1848 bricht der Deutsche Ludwig Leichhardt auf, den Erdteil als erster Weißer zu durchqueren. Er wird nie ankommen.

Von Insa Holst


Es ist sein Lebenstraum. Ein Wagnis, eine Pioniertat. Noch nie zuvor hat ein Europäer versucht, Australien von Ost nach West zu durchqueren. Ludwig Leichhardt, Naturforscher aus Preußen, will der Erste sein.

Sein Ziel ist die Stadt Perth im Mündungsgebiet des Swan River an der Südwestküste, mehr als 3500 Kilometer Luftlinie von Brisbane im Osten entfernt. Aber Leichhardt will nicht direkt gehen. Er plant, zunächst in Richtung Norden zu ziehen, um dort Flussläufe zu erkunden sowie die Flora und Fauna zu studieren. Später will er sich nach Südwesten wenden, das Innere des Kontinents erforschen und schließlich zum Swan River marschieren. Bei der Beschaffung der Ausrüstung wie auch bei ihrer Finanzierung hilft ihm der Kaufmann John Mackay aus Sydney.

Anfang April 1848 bricht Leichhardt von Macpherson's Station auf, einer Farm etwa 400 Kilometer nordwestlich von Brisbane. Die Zügel in der einen Hand, in der anderen den Kompass, reitet der 34-Jährige vornweg. Eine Hand voll Europäer und zwei Aborigines begleiten ihn zu Pferd. Zu ihren Vorräten gehören rund 350 Kilo Mehl, 50 Kilo Tee, 45 Kilo Salz, 30 Kilo Tabak sowie getrocknetes Rindfleisch und 49 Ochsen. 20 Esel tragen die Lasten, darunter auch Messgeräte, ein Zelt sowie Blei und Schießpulver für die Gewehre.

Dies ist Leichhardts zweiter Versuch. Ein Jahr zuvor ist eine Expedition bei anhaltenden Regenfällen etwa 750 Kilometer nordwestlich von Brisbane gescheitert: Die Männer fieberten, Stechfliegen und Maden hatten sich in die Körper gebohrt, halb verfaultes Fleisch hatte ihre Mägen verdorben. Dieses Mal scheint es zunächst besser zu laufen. "Wir sind sehr vom Wetter begünstigt, unsere Maulesel und Ochsen sind sehr friedlich", hat er kurz vor dem Aufbruch in einem Bericht für den "Sydney Morning Herald" geschrieben. Und an einen Freund: "Myriaden von Fliegen sind unser einziges Ärgernis."

Es sind die letzten Nachrichten von Ludwig Leichhardt, sein letztes Lebenszeichen ist eine von stampfenden Hufen aufgewirbelte Staubwolke. Nach Norden verschwindet er mit seinem Tross in der Wildnis. Für immer.

Leichhardts Expedition ist bis heute verschollen. Das Schicksal des Preußen im Outback gehört zu den großen Rätseln in der Geschichte der Entdeckungen. Was ist geschehen? Wo und wann scheiterte er? Und weshalb?

Etliche Suchtrupps haben im Laufe der Zeit nach der Gruppe geforscht. Haben Baummarkierungen entdeckt, Lagerüberreste, einige Knochen, hier und da ein wenig verwittertes Metall. Doch sind all diese Funde wirklich Überreste der verschollenen Expedition? Spekulationen ranken sich bis heute um die letzte Reise des Ludwig Leichhardt. Seine Geschichte beginnt in einem Dorf in der Niederlausitz. Dort wird Ludwig Leichhardt 1813 als sechstes Kind eines Torfinspektors geboren. Der Junge ist ein hochintelligentes, aber schwächliches Kind. Eisern und asketisch trainiert er seinen Körper - es soll Tage gegeben haben, an denen er auf jegliche Nahrung verzichtete. Bald lernt Ludwig zudem, Käfer und Schmetterlinge zu präparieren und Pflanzen zu züchten.

1834 beginnt er in Göttingen zu studieren. Nach ein paar Semestern Philologie wendet er sich den Naturwissenschaften zu. Seine "interessanteste Lektüre" seien aber nicht Fachbücher, sondern Reiseberichte, notiert er in seinem Tagebuch.

Leichhardts großes Vorbild ist Alexander von Humboldt. "Ich strebe", schreibt er, "nach freiem Studium in einer unbekannten Natur, dass ich vielleicht meinen Namen mit Ehren in der großen Unsterblichkeitstafel einschreiben möchte." Doch für weite Reisen fehlt ihm das Geld, bis er 1835 Freundschaft mit dem Medizinstudenten William Nicholson schließt. Der wohlhabende Engländer ermuntert Leichhardt, sich neben den Naturwissenschaften auch der Medizin zu widmen - und finanziert ihn.

Gemeinsam mit Nicholson zieht Ludwig Leichhardt durch Europa, studiert die naturkundlichen Sammlungen der Londoner und Pariser Museen, treibt geologische Studien, sammelt in Süditalien kistenweise Steine, Pflanzen, Seetiere.

Aber das Abendland reicht ihm nicht mehr. 1840 steht Leichhardts Entschluss fest: Er will nach Australien gehen, die "mir fremde Natur zu ergründen, zu erfassen, möglichst zu erklären". Das erzählt er auch Alexander von Humboldt, der ihm in Paris eine zehnminütige Audienz gewährt.

Australien. Von dem 7,7 Millionen Quadratkilometer großen Kontinent sind gerade erst die Küstenlinien vermessen und ein paar wenige Regionen bekannt. Nur im Südosten, um Sydney, sind die Europäer ein paar Kilometer ins Hinterland vorgestoßen und haben sich dort niedergelassen.

Es hat bereits erste Expeditionen ins Zentrum Australiens gegeben. Aber komplett durchquert worden ist der Kontinent noch nie - zumindest von keinem Europäer. So wird über das Landesinnere lediglich spekuliert: Von einem riesigen Binnensee ist die Rede, in den die landeinwärts strömenden Flüsse münden. Andere Forscher vermuten im Zentrum des Kontinents eine tropische Vegetation.

"Dieses Innere, dieser Kern der dunklen Masse ist mein Ziel, und ich werde nicht eher nachlassen, als bis ich es erreiche": Mit diesen Worten verabschiedet sich Ludwig Leichhardt im September 1841 von seiner Familie.

Am 14. Februar 1842 trifft er in Sydney ein - ohne Nicholson. Und bereits wenige Monate später ist er mit Botanisierbüchse und Geologenhammer im Küstengebiet unterwegs. In den Hütten der Viehzüchter, wo er zu Gast ist, diskutieren die Männer über eine Landroute zur Nordküste. Von dort könnten ihre Rinder und Schafwollballen schneller zu den Märkten in aller Welt gelangen.

Leichhardt hat sein erstes großes Forschungsprojekt gefunden: eine Landexpedition quer durch den Osten und Norden des Kontinents, von Brisbane an der Ostküste zur Bucht von Port Essington (nahe dem heutigen Darwin). Das sind etwa 3000 Kilometer Luftlinie durch unbekanntes Gelände - viele erklären ihn für verrückt.

Aber Leichhardt hält sich inzwischen für einen "ziemlich guten Buschmann", wie er in einem Brief schreibt. Und auch die Zeitung "The Australian" glaubt an seinen Erfolg: "Die Neider mögen Einwendungen haben, die Gerechten werden applaudieren." Nach einem Aufruf des Blattes spenden die Leser derart viel Geld, Proviant und Ausrüstung, dass Leichhardt das Abenteuer wagen kann.

So bricht er im Oktober 1844 in der Nähe von Brisbane auf. Fünf Monate, schätzt er, wird die Reise mit neun Begleitern, 17 Pferden und 16 Ochsen dauern.

Es werden mehr als 14 Monate.

Am 17. Dezember 1845 taucht die Expeditionsgruppe zerlumpt und ausgemergelt vor dem Militärposten in der Bucht von Port Essington auf. Mehr als 9000 Kilometer sind die Männer marschiert: eine weglose Strecke, die offenbar weit schwieriger war, als von Leichhardt erwartet - oft entlang gewundener Flussläufe, durch mörderisches Dickicht, über offene Grasebenen und zerklüftetes Tafelland bis in die Tropenwälder des Nordens. Lediglich neun Pferde sind den Abenteurern geblieben, ihre Lebensmittelreserve besteht nur noch aus einem einzigen Ochsen.

Am 25. März 1846 gleitet das Schiff mit dem Totgeglaubten in den Hafen von Sydney. Leichhardt trägt Bücher voller Notizen über die Flora und Fauna Nordostaustraliens an Land. Er hat Berge, Flüsse und Bäche verzeichnet und sie mit Namen von Gönnern versehen.

Entdecker: Bei seiner ersten Expedition in Australien durchquerte Leichhardt unbekanntes Gelände von Brisbane nach Port Essington. Der genaue Verlauf der Reise ist nicht bekannt
Geo Epoche

Entdecker: Bei seiner ersten Expedition in Australien durchquerte Leichhardt unbekanntes Gelände von Brisbane nach Port Essington. Der genaue Verlauf der Reise ist nicht bekannt

Triumphator über die Wildnis! Entdecker eines Australia Felix!, jubelt ihm die Kolonie zu. Leichhardt hat im Norden neben Trockenwäldern und Savannen auch fruchtbare Täler und fischreiche, von Enten bevölkerte Gewässer entdeckt. Wie verheißungsvoll sind doch seine Berichte - verglichen mit jenen, die kurz vorher der Abenteurer Charles Sturt aus der Wildnis mitgebracht hat.

"Mein Fuß hat die Grenzen überschritten zu der gottverlassensten, schrecklichsten Region, in die ein Mensch jemals eingedrungen ist", so berichtet Sturt. Er war von Adelaide im Süden Richtung Norden aufgebrochen und hatte sich unter anderem durch eine Steineinöde bis an den Rand der Simpsonwüste geschleppt. Gut 1000 Kilometer Luftlinie von Adelaide entfernt aber musste er umkehren.

Leichhardt schreckt das nicht. Er vermutet schon lange, dass der Kontinent in seinem Zentrum wüstenähnliche Gebiete birgt. Zwei bis drei Jahre, so schätzt er, wird die Reise von der Ost- an die Westküste dauern: da er nicht der direkten Luftlinie folgen wird, eine Route von vielleicht 10.000 Kilometern.

In den ersten Apriltagen des Jahres 1848 wird Leichhardt zum letzten Mal auf Macpherson's Station gesehen, der Farm am Rand der Zivilisation.

Der Deutsche ist zu diesem Zeitpunkt in schlechter Verfassung: Sein magerer Körper ist noch von den Strapazen seiner letzten Expedition geschwächt. Außerdem leidet er an Rheuma und Nierensteinen und klagt über Herzrasen.

Ist er nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt? Die Entdeckungsreisen sind eine körperliche Tortur. Allein das tägliche Satteln der Pferde, das Beladen der Esel. Die weiten Erkundungsritte, die wissenschaftliche Arbeit. Hitzepickel, Durchfall, Geschwüre.

Als seine Freunde in Sydney drei Jahre lang nichts von Leichhardt hören, werden sie unruhig: Spätestens jetzt müssten Proviant und Munition zu Ende gegangen sein. Das große Rätseln beginnt.

Im März 1851 finanzieren die Behörden in Sydney eine erste Suchexpedition. Sie erkundet die Nordküste. Denn dorthin, so die Vermutung, könnte sich Leichhardt zurückgezogen haben, nachdem auf seiner geplanten Route möglicherweise unerwartete Schwierigkeiten aufgetreten sind. Doch ohne Ergebnis.

Seither ist immer wieder nach dem Verschollenen geforscht worden. Manche der Suchteams sind auf Spuren gestoßen, die von der Leichhardt-Expedition stammen könnten. Vergleicht man die Lage mancher Funde mit Leichhardts vor Beginn gemachten Äußerungen über die geplante Route, lässt sich der Weg seiner Gruppe erahnen.

Zu den wichtigsten Spuren gehören Bäume, in die der Buchstabe "L" eingeritzt war. Leichhardt hatte so schon 1846 die Route seiner ersten gescheiterten Australiendurchquerung markiert. Diese Zeichen wurden in verschiedenen Teilen Ostaustraliens und im Northern Territory gefunden.

Eine dieser Wegmarkierungen entdeckt ein Abenteurer am Elders Creek, etwa 350 Kilometer nordöstlich vom Ayers Rock, dem Mittelpunkt Australiens, und mehr als 1500 Kilometer Luftlinie von Leichhardts Ausgangspunkt entfernt.

Der Entdecker John McDouall Stuart stößt im Inneren Australiens auf Fußspuren eines Weißen, Abdrücke von Pferdehufen und eine von Einheimischen bewohnte Hütte mit Grasdach. So etwas hat er bei den Aborigines noch nie gesehen. Und ihm fällt - knapp 700 Kilometer südlich der heutigen Stadt Darwin - in einer Gruppe von Ureinwohnern ein etwa zwölf Jahre alter Junge auf: Er hatte helle Haut. Ein Sohn Leichhardts oder eines seiner Männer?

Eines ist aufgrund der gefundenen "L"-Marken und anderer Indizien relativ sicher: Der Deutsche ist bis an die nördlichen Ausläufer der Simpsonwüste vorgedrungen, als erster Europäer überhaupt.



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