Berlin - Das Gefühl trügt: Zwar jagte in den vergangenen Wochen eine Regenfront nach der anderen mit Gewitter und Sturm über Deutschland - doch betrachtet man das gesamte bisherige Jahr 2011, hat sich Deutschland bisher von seiner trockenen Seite gezeigt. Am Dienstag hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Berlin seine Bilanz für das erste Halbjahr vorgelegt. Das Wetter war demnach weitaus wärmer, trockener und sonniger als im langjährigen Durchschnitt. Das erste Halbjahr sei im Schnitt 1,5 Grad zu warm und das zweitsonnigste seit Beginn der Messungen 1881 gewesen.
Wenn es weiterhin so warm bleibe, so Gerhard Müller-Westermeier, Leiter des Bereichs Klimaanalyse beim DWD, werde 2011 das drittwärmste Jahr seit 1881 werden, übertroffen nur noch von den Jahren 2000 und 2007. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt in Deutschland bei 8,2 Grad.
Nach Ansichten der Meteorologen liegt 2011 mit seiner warmen ersten Hälfte im langfristigen Trend, denn der kennt sowohl national als auch global nur eine Richtung: nach oben. DWD-Präsident Gerhard Adrian forderte deshalb, den Klimaschutz weltweit zu verstärken. Die derzeitigen Zusagen der Staaten zur Minderung ihres Kohlendioxidausstoßes reichen nicht aus, die Erderwärmung bis 2100 auf zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, sagte er.
Beim Klimaschutz auf Grund laufen
"Wenn wir das Ruder nicht schnell herumreißen - und zwar international verbindlich vereinbart - werden wir beim Klimaschutz auf Grund laufen", warnte Adrian. Dann müssten die kommenden Generationen die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen der Klimaveränderung tragen.
Das Jahr 2010 war nach Angaben des DWD zwar rund 0,4 Grad kälter als der langjährige Mittelwert. Doch obwohl die vergangenen Winter in Deutschland überdurchschnittlich kalt und lang waren, ist die Bundesrepublik von der weltweiten Erderwärmung betroffen. Denn lokale Temperaturausreißer ändern nichts am globalen Trend, sagte Müller-Westermeier. "Weltweit war das Jahr 2010 sogar eines der drei wärmsten seit Mitte des 19. Jahrhunderts."
"Markant" nannte er die Durchschnittszahl der Tage mit starkem Niederschlag, also mit mindestens 30 Litern pro Quadratmeter in 24 Stunden. Mit 1,9 Tagen lag sie 2010 deutlich höher als der langjährige Schnitt von 1,4. In Brandenburg und Sachsen seien nie zuvor so viele dieser Extreme gemessen worden. "Wir konnten dort Häufigkeiten extremer Niederschläge erleben, wie sie Mitte oder Ende des Jahrhunderts durch den Klimawandel in Deutschland zur Regel werden könnten", sagte Müller-Westermeier.
2010 war kein gutes Jahr
Bis zum Jahr 2100 rechnen die DWD-Experten mit einer Erwärmung Deutschlands um zwei bis vier Grad. Insgesamt erwarten sie trockenere Sommer, nassere Winter und mehr extreme Wetterereignisse. Der internationale Klimaschutz kommt zugleich kaum von der Stelle. Der Treibhausgasausstoß ist 2010 nicht etwa gesunken, sondern schneller als je zuvor gestiegen, und die Temperaturen der vergangen Jahre belegen den Erwärmungstrend eindrucksvoll.
Der Klimawandel habe auch Folgen für die Bauwirtschaft und erfordere ein Umdenken bei Stadtplanern, so die DWD-Experten. Gebäude würden wesentlich durch Lufttemperatur, Niederschlag, Luftfeuchte, Sonneneinstrahlung und Windgeschwindigkeit beeinflusst, sagte DWD-Vizepräsident Paul Becker. "Die häufigeren und intensiveren Hitzeperioden werden vor allem städtische Ballungsgebiete betreffen." Die möglichen Maßnahmen dagegen reichten vom Ausbau von Frischluftschneisen über mehr Grün- und Wasserflächen bis zu einer aufgelockerten Bauweise. Es gebe aber auch Vorteile: "Unterm Strich wird der Klimawandel die Bauwirtschaft beim Thema Schlechtwettertage voraussichtlich eher entlasten."
Derweil gibt es einen schwachen Hoffnungsschimmer auf die Rückkehr des Sommers: Anfang nächster Woche schiebt sich voraussichtlich ein Hochdruckgebiet nach Deutschland. Ob es eine stabile Wetterlage bringt, ist aber offen. "Das steht noch auf wackeligen Füßen", sagte DWD-Meteorologe Simon Trippler.
Geduld ist also gefragt, in der laufenden Woche ist eine durchgreifende Wetteränderung nämlich nicht in Sicht. "Regentief 'Otto' hat jetzt ausgespielt", sagte Trippler. Dennoch seien teils kräftige Schauer und Gewitter weiterhin an der Tagesordnung. "Allerdings wird es insgesamt etwas wärmer, und die Sonne kommt auch immer wieder mal durch."
cib/dpa/AFP/dapd
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