Erstmals gefilmt Tiefsee-Tintenfisch blitzt und blinkt verblüffend flink

Noch nie hatten Forscher ein Tier dieser Art beim Jagen beobachtet, geschweige denn gefilmt. Japanischen Zoologen schwamm nun ein Tiefsee-Tintenfisch vor die Kamera, der sein eigenes Licht erzeugen konnte - und offenbar mit den Lämpchen des Köders flirtete.


Nur die Schwebeteilchen im Scheinwerferlicht zeigen, dass da draußen nicht tiefschwarze Nacht herrscht, sondern die ewige Unterwasser-Finsternis des Pazifik. Im Blickfeld hängt ein Köder, sonst ist nichts zu erkennen - bis ein roter, flatternder Fleck durchs Bild schwimmt und wieder verschwindet. Beim nächsten Mal erkennt man einen länglichen, röhrenförmigen Körper mit Flossen an der Seite, die sich wellenförmig bewegen.

Das Tier umschwimmt den Köder, greift sogar den Tauchschlitten mit der Unterwasserkamera an, und schnappt sich schließlich die Beute. "Weit entfernt vom faulen, herumtreibenden Tiefsee-Tintenfisch, den man früher vermutete", schreiben drei japanische Meeresforscher um Tsunemi Kubodera in der britischen Wissenschaftszeitschrift "Proceedings of the Royal Society B". Doch die fachliche Sensation steckt nicht in ihrem Aufsatz, sondern liegt auf den Servern der Zeitschrift: Dorthin haben die Forscher die Videos ihres Tauchschlittens geladen, damit sich auch andere Meeresbiologen die Aufnahmen anschauen können. Es sind die ersten Livebilder eines ausgewachsenen Tintenfischs der Art Taningia danae.

Wie diese Tiere jagen, konnten Wissenschaftler vorher höchstens spekulieren. Tintenfische, die auf offener See in großen Tiefen leben, sind nahezu unerforscht. Dementsprechend gehörten sie Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang eher ins Reich der Sagen und Legenden, denn in den zoologischen Stammbaum.

Erfolgreicher Tintenfisch-Jäger

Tsunemi Kubodera jagt nach kurzen Blicken auf diese Tiere: Erst im Dezember ging ihm ein Riesentintenfisch an den Haken, rund dreieinhalb Meter lang und 50 Kilogramm schwer. Lange waren diese Wesen für reines Seemansgarn gehalten worden. Gut ein Jahr zuvor, im September 2005, gelang es Kubodera erstmals, einen lebenden Riesenkalmar zu fotografieren. Außer wenigen toten Exemplaren hatten Wissenschaftler bis dahin keines dieser Tiere auch nur in Augenschein nehmen können.

Doch der Zoologe vom National Science Museum in Tokio folgte mit dem Forschungsschiff Pottwalen durch den westlichen Nordpazifik. Die Meeressäuger, soviel wissen Forscher von Untersuchungen ihres Mageninhalts, machen Jagd auf die Weichtiere. Im Vergleich zu seinen Rekordfängen, ist der jetzt gefilmte Tintenfisch jedoch geradezu moderat.

"Es ist kein Riesen-Tintenfisch, nur ein großer", sagte Kubodera zu SPIEGEL ONLINE. Immerhin zwei Meter misst das Tier, das dem Forscher in Tiefen zwischen 240 und 940 Metern vor der japanischen Insel Ogasawara vor die Linse geriet. In den "Proceedings" beschreiben Kubodera und seine Kollegen: Bis zu knapp zehn Stundenkilometer schnell sei der Tintenfisch geschwommen und habe seinen Körper behände gebogen, um die Richtung zu ändern. "Er kann aktiv sowohl vorwärts als auch rückwärts schwimmen", berichten die Forscher.

Blinken, Blitze - Baltz in der Dunkelheit?

Am überraschendsten für sie war jedoch, dass T. danae offenbar auch Licht erzeugen kann - und gezielt einsetzt. Auf seinen acht Greifarmen habe das Tier sogenannte Photophoren sitzen, Organe aus einem Gewebe, das Licht aussenden kann. Dieser Vorgang wird als Bioluminiszenz bezeichnet.

Bevor sich das Tier der Beute näherte, beobachteten die Forscher kurze, intensive Lichtblitze. Kubodera schlägt gleich zwei Erklärungen für dieses Jagdverhalten vor: Erstens, der Tintenfisch will seine Opfer verwirren, blenden oder ablenken. Zweitens, er orientiert sich selbst mit Hilfe der Blitze, leuchtet das Opfer also kurz an, um die Entfernung besser abschätzen zu können.

Dann jedoch entdeckten die Forscher etwas Eigentümliches auf ihren Videobändern: Während das Tier um den Köder-Haken herumschwamm, an dem zwei kleine Lämpchen leuchteten, sandte es längere und kürzere Leuchtsignale aus, die von unterschiedlich langen Intervallen getrennt waren. Zur Jagd passt ein solches Verhalten nicht wirklich. Daher schlagen Kubodera und seine Kollegen noch eine dritte Interpretation vor: Es könnte sich dabei um Balzverhalten handeln. Dann würde zu den geheimnisvollen Eigenschaften des Wesens aus der Tiefe auch gehören, dass es Unterwasser-Taschenlampen anbaggert.

stx



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