Eruption Mysteriöser Vulkanausbruch enträtselt

Die infernalische Eruption des Reventador stellte Experten vor ein Rätsel: Noch nie war ein Vulkan auf diese Art ausgebrochen und hatte so schnell Tod und Verwüstung über seine Umgebung gebracht. Jetzt, dreieinhalb Jahre nach dem Ausbruch, scheint das Rätsel gelöst.

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Dass der Reventador gefährlich ist, war bekannt. Die Aschewolke jedoch, die der ecuadorianische Vulkan am 3. November 2002 ausspuckte, erschreckte die Experten. Zwar verlief die Eruption glimpflich, sie ging in unbesiedeltem Gebiet 100 Kilometer östlich der Hauptstadt Quito nieder und zerstörte lediglich Ölleitungen, Brücken und Straßen.

Doch nie zuvor hatten Vulkanologen einen ähnlichen Ausbruch gesehen: Die Eruption breitete sich krakenartig nach allen Seiten aus und fiel binnen Sekunden über die Landschaft her. Andere Ausbrüche hingegen kollabieren nicht so plötzlich und sind weniger massereich. Nach langem Rätseln präsentieren die Forscher nun eine Erklärung für das Geschehen. Demnach können auch Vulkane wie der Vesuv auf ähnlich gefährliche Weise explodieren.

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Ausbruch: Die mysteriöse Eruption des Reventador

Typische Vulkaneruptionen bilden einen riesigen Pilz: Eine heiße Mischung aus Asche, Lava und Gestein schießt mit bis zu 600 Metern pro Sekunde aus dem Schlot. In mehreren hundert Metern Höhe kommt das Inferno kurz zum Stillstand - und holt neuen Schwung: Wie eine glühende Herdplatte erhitzt die Wolke die Luft über ihr und lässt sie aufsteigen. Es entsteht ein Asche-Lava-Sturm, der kontinuierlich Luft ansaugt und bis zu 30 Kilometer weit in die Höhe schießt. Erst wenn die Luft zu dünn wird, breitet sich die Asche zur Seite hin aus wie ein Schirm.

Vom Pilz zur Muschel

Auch der Ausbruch des Reventador begann mit einer dieser sogenannten Plinianischen Eruptionen: Der Vulkan schickte seine Asche 17 Kilometer hoch in die Atmosphäre. Doch plötzlich war es, als ob der Berg Schluckauf hatte: Der Höhensturm kam nicht mehr richtig in Gang, das Asche-Lava-Gemisch brach in sich zusammen. Die Form der Aschewolke ähnelte nun einer Kamm-Muschel statt einem Pilz, schreibt eine Gruppe um Pinaki Chakraborty von der University of Illinois jetzt im Fachblatt "Geophysical Research Letters". Zum Vergleich präsentieren sie in ihrer Studie ein Foto des Schalentieres.

Was war bei dem Ausbruch geschehen? Die Eruption habe nicht die normale Betriebstemperatur erreicht, meinen die Forscher, die Fotos des Ausbruches ausgewertet hatten. Deshalb konnte die Asche nicht wie üblich aufsteigen. Stattdessen herrschten Bedingungen wie in einer Lavalampe: Luftblasen drangen von unten her in die Eruptionswolke, während die Asche Portionsweise absank und schließlich kollabierte. Der Vorgang lasse sich mit mathematischen Gleichungen für turbulente Flüssigkeiten beschreiben, schreiben die Forscher.

Auch wenn die Eruption im Nachhinein berechenbar sein sollte - sie ist gefährlicher als andere Vulkanausbrüche, wie die Wissenschaftler betonen. Denn im Umkreis von mehreren Kilometern bestehe keine Fluchtmöglichkeit: Der Auswurf des Feuerberges entweiche nicht nach oben, sei mithin massereicher als üblich und stürze binnen Sekunden zu Boden.

Glutlawinen töten in Sekunden

Die Glutlawinen - sogenannte "pyroklastische Ströme" - dieser Art von Eruption stellen alle bisher beobachteten in den Schatten, rasen fast lautlos die Vulkanflanken kilometerweit hinab. Die Asche zementiert binnen Sekunden die Atemwege von Lebewesen. Kurz darauf verbrennt die Glutwolke alles Organische.

Über die Entstehung des Infernos am Reventador spekulieren die Forscher, dass Magma vor dem Ausbruch mit außergewöhnlich viel Grundwasser in Kontakt gekommen sein könnte. Das Wasser habe den explosiven Stoff abgekühlt und ihm die Energie für den Aufstieg genommen. "Ein plausibles Szenario", meint Hans-Ulrich Schmincke vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, Autor des Vulkanologie-Standardwerks "Volcanism", im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch er schränkt ein: "Die Autoren der Studie sind Theoretiker." Erforderlich sei die Untersuchung der Ablagerungen des Ausbruchs.

Das ist jedoch nur möglich, wenn sich jemand in die Nähe des Vulkans traut. Immerhin gibt der Reventador wie die meisten Feuerberge vor dem Ernstfall eine Vorwarnung: Seine Eruption im November 2002 kündigte sich mit einem stundenlangen Erdbeben-Tremolo und Dampferuptionen an. Ob der Vulkan aber wieder so ungewöhnlich ausbrechen könnte, lässt sich nicht vorhersagen.

Unklar ist, ob der krakenartige Auswurf auch aus anderen Vulkanen kommen kann. Möglich wäre es, meinen die Forscher. Trotz jahrzehntelanger Forschung wurde diese Art der Eruption jedoch nie zuvor beobachtet. Sie könnte also äußerst selten sein. Möglich wäre aber auch, dass sie oft vorkommt und einfach nur sehr schnell abläuft, so dass Beobachter das Spektakel leicht verpassen. Denn die Asche kann einen Berg in Sekunden unter sich begraben - was bei einem Vulkan wie dem Vesuv, dessen Umgebung dicht besiedelt ist, zur Katastrophe führen könnte.



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