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Erwärmung: Arktis-Meereis könnte in 13 Jahren verschwunden sein

Die Arktis taut offenbar schneller als erwartet. Schon 2020 könnte das arktische Meereis im Sommer ganz verschwinden, fürchten US-Forscher. Sie haben alte Daten verglichen - und offenbar Fehler in aktuellen Computermodellen entdeckt.

"Es sieht so aus, als wären wir 30 Jahre früher dran als erwartet", sagte der Eisforscher Ted Scambos. Viel eher als bisher berechnet werde es im Sommer kaum noch oder gar kein Meereis mehr um den Nordpol herum geben - möglicherweise schon im Jahr 2020. Diese Prognose geben Scambos und seine Kollegen vom National Snow and Ice Center im US-Bundesstaat Colorado in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" (Online-Vorabveröffentlichung) ab.

Ihren Erkenntnissen zufolge sind die Eismassen im arktischen Meer in den vergangenen 50 Jahren etwa drei Mal schneller geschwunden als von verschiedenen Computermodellen errechnet. Als Scambos und seine Kollegen Daten auswerteten, die Flugzeuge, Schiffe und Satelliten über fast sechs Jahrzehnte gesammelt hatten, fanden sie eine andere Entwicklung als gängige Computermodelle sie im Durchschnitt abbilden.

Auf solche Computerdaten hatte sich auch der Weltklimarat der Uno (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) gestützt. Im ersten Teil seines aktuellen Klimaberichts, der im Februar in Paris vorgestellt worden war, prognostizierten die IPCC-Gutachter einen komplett oder größtenteils eisfreien Nordatlantik und arktischen Ozean für den Zeitraum zwischen 2050 und 2100.

"Verwüstungen im Meereis"

Die Wissenschaftler aus Colorado ermittelten nun für die Zeit von 1953 bis 2006 einen Rückgang der spätsommerlichen Eisdecke von durchschnittlich 7,8 Prozent pro Jahrzehnt. Die Computersimulationen hatten für denselben Zeitraum nur 2,5 Prozent erwarten lassen. Aus dieser starken Abweichung schließen die Forscher, dass der Beitrag der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung am Verschwinden des Arktis-Eises unterschätzt wurde.

"Warmes Wasser, das in die Arktis strömt, in Verbindung mit milden Lufttemperaturen - das richtet im Meereis Verwüstungen an", sagte Julienne Stroeve, ein Mitglied von Scambos' Team, der "New York Times". Marika Holland, die ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat, sieht die Ergebnisse als Hinweis darauf, dass die Arktis sensibler auf Treibhausgas-Konzentrationen reagiert als bislang gedacht.

Das Meereis in der Arktis ist einem jährlichen Zyklus unterworfen: Am Ende des Winters, im März, erreicht die geschlossene Eisdecke ihre größte Ausdehnung. Im Sommer schrumpft sie dann bis zu einer Minimalbedeckung im September. Dass das Meereis - also jene Eisdecke, die auf offener See schwimmt und eine scheinbar feste Kappe über dem Nordpol bildet - im Winter wieder nachwächst, ist für diesen Kreislauf essentiell. Doch gerade in den vergangenen Jahren hatten Forscher beobachtet, dass das nicht mehr recht funktioniert. Der warme Winter 2006/2007 beispielsweise hat das Eis bereits merklich ausgedünnt.

2080, 2040, 2020: Die Prognose gehen immer weiter runter

Dass die Arktis aufgrund schwer kalkulierbarer Umkipppunkte sogar schon 2040 im Sommer eisfrei sein könnte, hatten Forscher um Marika Holland im Dezember in "Geophysical Research Letters" vorgerechnet. Deutsche Wissenschaftler hatten kurz vorher 2080 als Termin dafür ins Spiel gebracht. Die neue Prognose für das Jahr 2020 ist die bislang dramatischste.

Gegenwärtig gehört die arktische Eisbedeckung zu den Kühlsystemen der Erde: Sie reflektiert viel mehr Sonnenlicht zurück ins Weltall als dunkles Meerwasser. Außerdem bietet die unwirtliche schwimmende Eiswüste den inzwischen bedrohten Eisbären ein Zuhause und einen natürlichen Kreißsaal. Bereits jetzt leiden die Bären unter dem Eisschwund. Sogar Fälle von Kannibalismus wurden schon beobachtet.

Nur ein großer Vulkanausbruch mit einer nachfolgenden Abkühlung des Erdklimas könne den Trend kurzfristig stoppen oder wenigstens bremsen, sagte Scambos. Eine fortgesetzte Erwärmung sei für die kommenden Jahrzehnte jedoch unausweichlich.

stx/dpa/Reuters

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