EU-Radikalreform "Der Fisch gehört nicht den Fischern"

Wissenschaftler bestimmen die Fangquoten, Beifang darf nicht mehr über Bord gekippt werden: Die EU hat die Fischereibranche mit einer radikalen Reform gegen sich aufgebracht. EU-Kommissarin Damanaki gibt sich im Interview kompromisslos, die Zeit für politische Manöver sei vorbei.

Makrelen: Auch kleine Fische dürften künftig nicht wieder ins Meer geworfen werden
DPA

Makrelen: Auch kleine Fische dürften künftig nicht wieder ins Meer geworfen werden


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    Maria Damanaki ist seit 2009 EU-Fischereikommissarin. Bis zu ihrer Ernennung hatte sich die heute 61-Jährige in vier Jahrzehnten als Politik nie mit Fisch befasst. Ihre Kritiker, vor allem Fischerverbände in Frankreich und Spanien, werfen ihr deshalb Ahnungslosigkeit vor. Als Studentin rief Damanaki über einen verbotenen Radiosender zur Revolte gegen die griechische Militärdiktatur auf, wurde verhaftet und im Gefängnis gefoltert. Nach dem Sturz der Junta schloss sie sich den Kommunisten an, machte dort als jüngste Parlamentsabgeordnete, erste weibliche Vizepräsidentin sowie als Kämpferin für Frauenrechte und Umwetlschutz von sich reden. Später wechselte sie zu den Sozialisten.
SPIEGEL ONLINE: Frau Kommissarin, mögen Sie "Dab in a bap"?

Damanaki: Wie bitte? Entschuldigung, das kenne ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: "Dab in a bap", Kliesche im Brötchen mit Kapern-Petersilien-Mayonnaise, ist eines der Rezepte, die Ihr Verbündeter erdacht hat: der britische Fernsehkoch Hugh Fearnley-Whittingstall. Er und Sie selbst wollen Europas Bürger dazu bringen, mehr Beifang zu essen - also den Plattfisch Kliesche oder andere ungeliebte Fische, die den Fischern ins Netz gehen und die sie wegen Ihrer EU-Fischereireform künftig nicht mehr ins Meer zurückwerfen dürfen.

Damanaki: Als ich kürzlich zu Besuch in London bei Prinz Charles war, haben wir Kliesche gegessen, und sie hat uns sehr gut geschmeckt. Wir beobachten, dass die Konsumenten in Europa, vor allem die Briten, immer mehr von diesen bisher unbekannten Fischen essen. Das ist wichtig, denn wir können uns nicht mehr leisten, sie einfach wegzuwerfen. Die Menschheit braucht immer mehr Fisch: Laut Welternährungsorganisation wird sich der Bedarf bis Ende der nächsten Dekade verdoppeln. Wenn wir jetzt nicht umsteuern und nach Alternativen suchen, wird Fisch zum Luxusgut.

SPIEGEL ONLINE: Viele Fischer wehren sich lautstark gegen die neuen Beifang-Regeln. Sie klagen, sie müssten versehentlich gefangene Jungtiere künftig sinnlos anlanden und töten, statt ihnen die Freiheit zu schenken.

Damanaki: Die meisten Fische sind tot oder halbtot, wenn sie wieder über Bord geworfen werden. Da werden riesige Netze an Deck gehievt, und dort wird dann stundenlang selektiert: Welche Fische können wir gebrauchen, wofür kriegen wir am meisten Geld? Nur wenige Arten wie etwa Haie haben überhaupt eine Chance, diese Auswahlprozedur zu überleben. Der Rest wird dabei zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Künftig wird der Großteil des unerwünschten Beifangs wohl zu Fischmehl verarbeitet. Ist das besser?

Damanaki: Wir müssen die Fischer dazu bringen, den Beifang zu minimieren. Dies können sie schaffen, indem sie sich neue Fanggeräte und Netze zulegen, mit denen sie genauer fischen können. Die EU finanziert bis zu 85 Prozent der Kosten für neue Ausrüstung und stellt dafür Hunderte Millionen Euro bereit - mitten in der Wirtschaftskrise.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie überhaupt kontrollieren, dass die Fischer nicht heimlich doch den Beifang über Bord kippen?

Damanaki: Wir werden auf den großen Schiffen Kameras anbringen, und es wird auch auf hoher See Kontrollen geben. Aber wir können nicht jedem kleinen Kutter unsere Inspektoren hinterherschicken. Wir müssen die Fischer überzeugen. Und dazu brauchen wir die Macht der Verbraucher, die nachhaltig gefangenen Fisch verlangen müssen. Deutschland ist ein gutes Beispiel. Hier kaufen immer mehr Konsumenten nur noch Produkte mit MSC-Siegel (mit dem die Organisation Marine Stewardship Council nachhaltig gefangenen Fisch auszeichnet - d. Red.).

SPIEGEL ONLINE: Viele Fischer in Europa, gerade in Mittelmeernationen wie Spanien oder Frankreich, haben Sie noch nicht überzeugt. Vor allem Ihr neuer Ansatz, die Fangquoten fast nur noch nach dem Rat der Meeresbiologen festzulegen, sorgt hier für Aufruhr.

Damanaki: Ich stamme selbst von der Insel Kreta und weiß, wie hart das Leben für viele Fischer geworden ist. Aber der Fisch gehört nicht den Fischern. Er ist Allgemeingut. Und wenn wir jetzt auf die Wissenschaftler hören und nachhaltig denken, gibt es in Zukunft mehr Fisch für alle. So haben es die USA oder Australien vorgemacht. Sie haben teilweise schon zwei Jahrzehnte vor uns angefangen, und die Bestände sind wieder gesund. In Europa sehen wir auch schon teilweise eine Erholung, seit wir strengere Quoten festgelegt haben. Als ich angefangen habe, waren drei von vier Arten im Atlantik überfischt, heute sind es weniger als 50 Prozent. Unser Ziel ist es, dass der Bestand aller Fischarten bis 2020 gesichert ist. Das unterstützen auch viele Fischer - gerade in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Und doch warnen Fischerverbände, Ihre Reform werde Fisch erheblich verteuern. Was passiert, wenn die Preise hochschnellen? Dann tanzen doch bestimmt die Mitgliedstaaten in Brüssel an - und die Kommission wird am Ende doch wieder weich.

Damanaki: Nein. Alle sind gezwungen, die Quoten einzuhalten. Wir haben keinen Spielraum mehr für politische Manöver, das haben die Mitgliedsländer selbst so festgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Jahrzehntelang haben sich die Fischerei- und Agrarminister der EU-Staaten einmal im Winter in Brüssel getroffen, um die Fangquoten untereinander auszuschachern - ganz egal, was die Wissenschaftler geraten haben. Jetzt lassen sie sich auf so eine radikale Reform ein. Wie haben Sie das hinbekommen?

Damanaki: Ich habe mich bei meinem Amtsantritt auf diesen Kurs festgelegt und ihn entschlossen verteidigt. Aber es lag nicht daran, dass ich so exzellente Ideen gehabt hätte. Diese Reform kam zur richtigen Zeit. Immer mehr Bürger - Verbraucher, Händler, Politiker und auch viele Fischer - haben erkannt, dass es nicht wie bisher weitergehen kann, weil es sonst irgendwann keinen Fisch mehr gibt. Die öffentliche Meinung war auf unserer Seite, sie hat letztlich alles entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie allen Ernstes, dass der ewige Streit über die Aufteilung der Fangquoten jetzt für immer vorbei ist?

Damanaki: Nein. Aber die Einsicht wächst. Neulich kam die dänische Fischereiministerin zu mir und sagte: "Wir wollen nächstes Jahr in der Ostsee weniger Hering fischen." Das hatte ich noch nie gehört, das war eine Revolution. Ich war so froh, da habe ich die Ministerin spontan in die Arme genommen.

Das Interview führte Claus Hecking



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insgesamt 13 Beiträge
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megaptera 12.02.2014
1. Fischermans Enemy
Man muß die Fischer umerziehen, damit diese von ihrem hohen Ross runterkommen. Vor Neufundland wartet man seit über 20 Jahren, dass der Dorsch zurückkehrt - Fehlanzeige! Die Bestände würden sich wohl erst erhohlen wenn die Erde keine Menschen mehr hat.
Tod_den_Wäldern 12.02.2014
2.
man darf die EU-Administration auch mal loben, wenn sie etwas richtig macht. Die gemeinsame Fischereipolitik war über Jahrzehnte hinweg real praktiziertes Politikversagen. Hier scheint es endlich zu substantiellen Verbesserungen zu kommen. Ein kleines Dankeschön an Maria Damanaki und alle Beteligten.
spibufobi 12.02.2014
3. Optional
Hahahahahaha zu witzig... Klar der beifang ist ja meistens sowieso tot oder so geschwächt das er kurz danach stirbt... Warum sollte man auch Tote Fische und andere Tiere zurückwerfen??? Die eh schon an Deck bzw unter Deck sind... Und nochmal hahahahahahaha die Fischerei gehört stark eingeschränkt!!! Dorsch, Thunfisch und auch Aal vom aussterben bedroht. Meere in unserem Breitengraden überfischt deshalb plündert die EU die Küsten vor Afrika und den Afrikanern geht's noch schlechter!!! Und nochmal hahahahahaha da kann man ja nur noch lachen!
agua 12.02.2014
4.
Fisch wird zu Luxus.Ich habe heute morgen auf dem Markt die Preise gesehen.Dank EU Regulierungen gibt es an der Küste in Portugal, zwar noch sogenannte Fischerorte, aber nur noch wenige, die mit dem Boot rausfahren.Hinzu kommt, dass das Meer zu wild war,in den letzten Wochen. Das Meer gehört den Fischfabriken . "Der Fisch gehört nicht den Fischern, sondern der Allgemeinheit" Den Satz wünsche ich mir bezogen auf das Wasser, welches wirklich allen Menschen zur Verfügung stehen sollte.Aber in Brüssel werden eben die Gesetze so gemacht, dass sie denen nutzen, die am meisten Schaden an der Umwelt anrichten und natürlich den meisten Profit.
distar99 12.02.2014
5. Chapeau! Danke, Frau Damanaki.
Es gibt sie eben doch! Sogar in Form einer EU-Kommissarin. Politiker/innen die nicht ausschließlich die Wirtschaftsinteressen vertreten, sondern für ein Europa der Menschen und der Natur arbeiten. Doppelt schön, dass es eine Griechin ist, denn zu Unrecht werden alle griechischen Politiker und - noch unverständlicher - alle Griechen unter Generalverdacht der Steuerhinterziehung gestellt.
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