Fischereireform: EU-Minister haben Angst vor dem großen Wurf

Europas Agrarminister trauen sich nicht, einen Vorschlag der EU-Kommission zur Reform der Fischereipolitik umzusetzen - und den Rückwurf von Beifang komplett zu verbieten. Auch langfristige Bewirtschaftungspläne kommen nur mit langer Verspätung. Umweltschützer sind enttäuscht.

Dorsch aus der Ostsee (Archivbild): Langfristige Bewirtschaftungspläne "soweit möglich" Zur Großansicht
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Dorsch aus der Ostsee (Archivbild): Langfristige Bewirtschaftungspläne "soweit möglich"

Luxemburg - Mehr als 18 Stunden haben die Agrarminister der Europäischen Union über eine Fischereireform verhandelt. Und doch haben sie sich nur auf einen Minimalkompromiss einigen können. Noch handelt es sich um eine informelle Verständigung. Umweltschützer sind trotzdem besorgt - denn zentrale Kernforderungen der Europäischen Kommission sind bei den Mitgliedstaaten durchgefallen.

Die EU-Kommission wollte zum Beispiel festlegen, dass unerwünschter Beifang anders als bislang grundsätzlich mit an Land genommen werden muss. Die Mitgliedstaaten konnten sich aber bloß zu einer schrittweisen Einführung eines solchen Rückwurfverbots durchringen.

Außerdem verständigten sich die EU-Länder zwar prinzipiell auf die Festlegung mehrjähriger Höchstfangmengen. Die sollen aber erst gelten, sobald verlässliche Daten über die Fischbestände vorliegen, ohne dass ein Datum dafür absehbar wäre. Umweltschützer hatten sich - ebenso wie Brüssel - weit mehr erhofft.

Die Kommission wollte bis zum Jahr 2015 einen "höchstmöglichen Dauerertrag" durchsetzen - also eine optimale Menge, bis zu der Fische unbegrenzt gefangen werden können, ohne dass der Bestand Schaden nimmt. Hier schoben die Regierungen die Formulierung "soweit möglich" ein, sodass die langfristigen Bewirtschaftungspläne nun spätestens ab 2020 greifen sollen.

Fast drei Viertel aller Bestände in Europa sind überfischt

Den ursprünglichen Vorschlag der EU-Kommission hatten Umweltverbände und Wissenschaftler im vergangenen Jahr als längst überfälligen "großen Wurf" begrüßt. Die langfristigen Managementpläne sollten nach wissenschaftlichen Kriterien festlegen, wie viel Fisch gefangen werden darf.

Bislang schacherten die Agrarminister diese Fangmengen jedes Jahr aufs Neue untereinander aus - und überschritten regelmäßig die Höchstmengen, die Meeresforscher für gerade noch vertretbar hielten. Die Folge: Fast drei Viertel aller Bestände in Europa sind überfischt, weltweit sind es nur 25 Prozent.

Außerdem werfen Fischer derzeit Schätzungen zufolge fast ein Viertel ihres Fangs wieder zurück ins Meer, um Quoten einzuhalten oder weil die Fische keinen Handelswert haben. Die meisten Tiere sind dann allerdings schon tot. Diese Ressourcenverschwendung wollte die EU-Kommission durch das Rückwurfverbot verhindern und die nationalen Regierungen zur Einführung handelbarer Fangquoten zwingen.

Fischer hätten dann untereinander Lizenzen verkaufen und tauschen dürfen, mit denen sie zu viel gefangene Fische noch auf den Markt bringen können. Die Mitgliedstaaten wollen dieses System nun lediglich "auf freiwilliger Basis" einführen.

Umweltschützer wie Karoline Schacht vom WWF sind mit dem Ergebnis höchst unzufrieden. Sie verweisen darauf, dass die EU schon im Jahr 2002 beim Umweltgipfel in Johannesburg versprochen hatte, bis zum Jahr 2015 die Nutzung aller Fischbestände auf einem gesunden Niveau zu sichern. "Statt sich an die selbst gestellten Hausaufgaben zu machen, schneiden die Minister Hintertürchen in die Reform. So konservieren sie die Überfischung bis ins nächste Jahrzehnt", beklagt Schacht nun. Die Vorentscheidung der Minister sei "das falsche Signal an das EU-Parlament" und eine "politische Fußfessel für alle Reformwilligen".

chs/dapd

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1. wohin führt das alles?
juergenwolfgang 13.06.2012
Zitat von sysopEuropas Agrarminister trauen sich nicht, einen Vorschlag der EU-Kommission zur Reform der Fischereipolitik umzusetzen - und den Rückwurf von Beifang komplett zu verbieten. Auch langfristige Bewirtschaftungspläne kommen nur mit langer Verspätung. Umweltschützer sind enttäuscht. EU-Fischereireform: Umweltschützer beklagen Kompromiss der Minister - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,838575,00.html)
In absehbarer Zeit, meine Kids werden es erleben, wird Fisch wie Kabeljau, Seelachs, etc. zum Luxusgut. Wir leben über unsere Verhältnisse. Das Schlimme ist das von 100kg gefangenem Fisch nur ein geringer Teil im Magen des Menschen landet. Alle reden von Wachstum auf der Welt. Wann reden wir von Nachhaltigkeit und Bevölkerungsrückgang! Wir können so nicht weiter machen denn die Resourcen unserer Erde sind begrenzt und wir leben schon sehr lange über unsere Verhältnisse!! Was hinterlassen wir unseren Kindern?? Traurig das alles mit anzusehen und nichts dagegen unternehmen zu können. Unsere Politik kriecht vor den Lobbyisten zu Kreuze. Nach uns die Sinnflut!
2. die Größe machts...
fritz_64 13.06.2012
warum nicht einfach die Größe der Fischkutter limitieren, weg vom Fabrikschiff und wieder hin zur kleinen Kutterfischerei...Netzfang stark reglementieren und für einige Fischarten ganz verbieten...steigert die Qualität, schafft mehr Arbeitsplätze, die Bestände können sich wieder erholen und der Gewinn landet nicht nur bei einigen Konzernen... aber daran hat die EU kein Interesse.
3.
Celegorm 13.06.2012
Zitat von juergenwolfgangIn absehbarer Zeit, meine Kids werden es erleben, wird Fisch wie Kabeljau, Seelachs, etc. zum Luxusgut.
Nicht wirklich, die bedeutenden Bestände der erwähnten Arten sind - zum Glück - dem Zugriff inkompetenter EU-Minister entzogen und werden bereits relativ gut bewirtschaftet. Wobei man da auch sagen muss: Ein Kabeljau sollte vielleicht kein "Luxusprodukt", aber halt auch kein Billigprodukt sein, als welches es von manchen offenbar noch betrachtet wird. ---Zitat--- Alle reden von Wachstum auf der Welt. Wann reden wir von Nachhaltigkeit und Bevölkerungsrückgang! ---Zitatende--- Tja, in einem System, dessen zentrales Paradigma jenes "Wachstum" ist, fällt das wohl schwer. ---Zitat--- Wir können so nicht weiter machen denn die Resourcen unserer Erde sind begrenzt und wir leben schon sehr lange über unsere Verhältnisse!! ---Zitatende--- Jein. Gerade bei der Fischerei sind wir in der bizarren Situation, dass sich mit einer optimalen nachhaltigen Befischung der Ertrag eigentlich sogar steigern liesse. Fisch ist in dem Sinn auch keine begrenzte, sondern eine erneuerbare Ressource und liesse sich darum unbefristet nutzen. Umso fataler ist es, wenn kurzfristige Übernutzung Bestände langfristig schädigt oder gar zerstört. Insofern ist es, wie so oft, eigentlich weniger ein Problem zu hohen Bedarfs, sondern vielmehr einer Ressourcenverschwendung.
4.
tylerdurdenvolland 13.06.2012
Zitat von juergenwolfgangIn absehbarer Zeit, meine Kids werden es erleben, wird Fisch wie Kabeljau, Seelachs, etc. zum Luxusgut. Wir leben über unsere Verhältnisse. Das Schlimme ist das von 100kg gefangenem Fisch nur ein geringer Teil im Magen des Menschen landet. Alle reden von Wachstum auf der Welt. Wann reden wir von Nachhaltigkeit und Bevölkerungsrückgang! Wir können so nicht weiter machen denn die Resourcen unserer Erde sind begrenzt und wir leben schon sehr lange über unsere Verhältnisse!! Was hinterlassen wir unseren Kindern?? Traurig das alles mit anzusehen und nichts dagegen unternehmen zu können. Unsere Politik kriecht vor den Lobbyisten zu Kreuze. Nach uns die Sinnflut!
Wohin führt das alles? fragen sie.... Nun, solche Regelungen sind gar nicht nötig, denn das Problem wird sich bald von ganz allein lösen. Wenn in den Netzen bald nichts mehr ist, als eben nur noch Beifang, dann lohnt sich die industrielle Fischfangflotte nicht mehr. Und sollten die Meere bis dahin noch nicht ganz verseucht sein, werden sich die Fischbestände auch wieder erholen können. Allerdings hier: "Unsere Politik kriecht vor den Lobbyisten zu Kreuze" hier liegen sie falsch.... Dazu benötigt man die Lopbby keineswegs, denn die vom deutschen Volk in freien demokratischen Wahlen gewählten Politiker sind nun mal die Interssenvertreter solcher Industrien. Die sind das Klientel der Regierungsparteien. Wenn den Deutschen dieser Zustand nicht gefällt, dann brauchen sie ja nur anders wählen. Dass sie das nicht tun, heisst doch wohl, dass Sie, Juergenwolfgang, mit ihrer Meinung in der Minderheit sind, oder?
5. Überfischung
astra1971 13.06.2012
Viele Gewässer, insbesondere die Meere sind überfischt. Viele Arten sind wegen zu hoher Fangquoten und umweltzerstörender Fangtechniken nahezu ausgerottet. Aquafarmen sind keine Alternative, da sie im höchsten Maße umweltgefährdend und tierquälerisch sind. Weltweit werden so ca. 16 Mio. Tonnen Fisch gezüchet. Meist wird nur eine einzige Art in Monokultur mit umfangreicher Technik und Chemikalien auf engstem Raum herangezogen. Kraftfuttercocktails sollen die Fische schnellstmöglich verkaufsreif wachsen lassen. Die Stoffwechselprodukte der Fische verursachen eine explosionsartige Ausbreitung der Algen und eine ökologische Zerstörung des Gewässers. In Anbetracht der Schadstoffbelastungen der Meere wird deutlich, daß Fisch kein gesundes Nahrungsmittel sein kann, denn aus verschmutzten Gewässern können keine "unverschmutzten" Fische kommen. Die in den Wassertieren abgelagerten Schadstoffe wie Arsen, Blei, Cadmium, Quecksilber und Pestizide werden mitgegessen, ebenso wie die in den Aquafarmen den Tieren zugeführten Wachstumshormonen und Antibiotika.
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Ipso-Bericht: Weltmeere vor dem Kollaps

Wie Fangquoten bestimmt werden
Was ist eine Fischfangquote?
Unter einer Fangquote versteht man eine festgesetzte Menge an Fischen oder anderem Meeresgetier, die in einem bestimmten Gebiet während eines festgesetzten Zeitraumes gefangen werden darf.
Wer legt die Fangmengen in Europa fest?
Für Europa erhebt der International Council for the Exploration of the Sea (ICES), eine zwischenstaatliche wissenschaftliche Organisation mit Sitz in Dänemark, wie es um die Bestände der einzelnen Fischsorten bestellt ist. Es wird anhand von Stichproben analysiert, wie sich Populationen entwickeln und wie viele Jungfische nachkommen. Auf Basis dieser Daten gibt der ICES Empfehlungen heraus, wie viel Fisch gefangen werden kann, ohne Raubbau an der Natur zu treiben. Über die Fangmengen, die sogenannten TACs (Total Allowable Catch) entscheiden aber die Agrarminister der Länder. Gingen diese früher oft über die wissenschaftlichen Empfehlungen hinaus, orientieren sich die Minister mittlerweile deutlich stärker daran, was der ICES rät.
Was bedeutet das für die einzelnen Länder?
Sind die jährlichen Höchstfangmengen einmal festgelegt, ergibt sich daraus die Fangmenge pro Land. Welchen Anteil an der Gesamtmenge eines Fisches ein einzelnes Land fangen darf, richtet sich nach einem Quotensystem. Dies stammt noch aus den achtziger Jahren. Es wurde damals auf Basis historischer Fangzahlen vereinbart und gilt weitgehend noch heute.
Wer legt fest, welche Mengen welcher Fischer fangen darf?
Wie die Gesamtmenge unter den Fischern eines Landes aufgeteilt wird, ist europaweit sehr unterschiedlich. Während einige Länder die Rechte nach bestimmten Quotensystemen auf die Fischer aufteilen, werden anderswo Fischereirechte auf dem freien Markt gehandelt. In Deutschland regelt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) die Verteilung der Fangrechte. Dabei orientiert sie sich an vergangenen Fangmengen der einzelnen Akteure. Wie auch immer die Länder die Verteilung regeln: Letztlich sind sie dafür verantwortlich, dass ihre Fischer die ihnen zugesprochenen Fangmengen nicht überschreiten.
Wie wird kontrolliert?
Die Art der Kontrolle ist europaweit sehr unterschiedlich. So gibt es beispielsweise Schiffe, die ihren Fang freiwillig per Kamera dokumentieren. Anderswo müssen Fischer Logbücher führen. Größere Schiffe sind zum Teil an Überwachungssysteme angeschlossen, mittels derer kontrolliert werden kann, wo sie sich aufhalten. Hilfestellung bei der Überwachung soll den Mitgliedsländern die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (CFCA) im spanischen Vigo leisten.
Gibt es trotzdem Streit?
Auch wenn die Fangquoten innerhalb der EU feststehen: Da Fische sich nicht an Grenzen halten, sind oft auch die Interessen anderer Staaten berührt. Aufgrund klimatischer Veränderungen befanden sich beispielsweise vor kurzem deutlich mehr Makrelen vor Island als noch in den Jahren davor, woraufhin die krisengebeutelte Isländische Regierung die Fangmenge massiv anhob. Die Schotten und Iren, die sich weiter an die innerhalb der EU vereinbarten Quantitäten halten mussten, hatten das Nachsehen.
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