CO2-Ausstoß EU sperrt sich gegen strengere Klimaziele

Die Welt hat in Paris eine striktere Begrenzung der globalen Erwärmung beschlossen. Die EU will ihre Klimaziele aber nicht ändern - Umweltverbände sind entsetzt.

EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete
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EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete

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Der Klimavertrag, den die Weltgemeinschaft im Dezember in Paris beschlossen hat, ist eine historische Abmachung. Alle Staaten einigten sich auf ehrgeizige Ziele, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu bremsen. Die Erwärmung des Klimas soll damit möglichst bei 1,5 Grad über dem Niveau des 19. Jahrhunderts gestoppt werden.

Ein Grad ist allerdings bereits erreicht - umso dringlicher fordern Umweltaktivisten von den reichen Industrienationen eine raschere Senkung ihrer CO2-Emissionen.

Die EU jedoch wird als Reaktion auf die Beschlüsse von Paris keine ehrgeizigeren Klimaziele beschließen. In ihrem Bewertungspapier zum Paris-Abkommen, das die EU-Kommission am Mittwoch veröffentlicht hat, beharrt sie auf ihren vor zwei Jahren beschlossenen Klimazielen. Umweltverbände sind entsetzt.

Angst vor Polen

"Die Kommission scheitert bereits an der ersten Hürde nach dem Pariser Abkommen", sagt Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender von Germanwatch. "Mit ihrer Selbstgefälligkeit unterminiert sie die internationale Aufbruchstimmung beim Klimaschutz, die Paris erzeugt hat", meint er.

Die bestehenden EU-Klimaziele seien "in Übereinstimmung mit den Zielen des Paris-Abkommens", heißt es hingegen in dem Papier der EU-Kommission - und mehr noch: "Das Paris-Abkommen bestätigt den EU-Ansatz."

Für die EU wäre die Erneuerung ihrer Ziele ein erheblicher Kraftakt, ein Kompromiss aller EU-Staaten erschiene unwahrscheinlich. Die neue polnische Regierung etwa hat ihren Widerstand bereits angekündigt, ihr gehen schon die aktuellen Klimaziele zu weit.

Die wichtigsten Klimaziele der EU lauten seit 2014:

  • Die EU-Mitgliedstaaten haben sich verpflichtet, bis 2020 ihre Treibhausgasemissionen um mindestens 20 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, die Energieeffizienz um 20 Prozent zu erhöhen und einen Anteil von 20 Prozent erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch zu erreichen.
  • Bis 2030 will die EU ihre Treibhausgasemissionen auf mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 senken.
  • Bis 2030 sollen erneuerbare Energien einen Anteil von mindestens 27 Prozent am Energieverbrauch in der EU haben.
  • Bis 2030 soll die EU 27 Prozent ihrer Energie einsparen, indem sie den Verbrauch effizienter gestaltet.

Die Ziele der EU waren allerdings orientiert am Ziel, die Klimaerwärmung bei zwei Grad zu stoppen. Das in Paris avisierte 1,5-Grad-Ziel erfordere zwar "höhere Ambitionen", räumt die EU-Kommission in ihrem Papier zwar ein.

Ein "klares Verständnis der politischen Implikationen" des 1,5-Grad-Ziels müssten indes "noch entwickelt werden". Der Uno-Klimarat IPCC sei beauftragt worden, bis 2018 einen "Spezialbericht" zu der Frage zu erstellen.

Eine Änderung der EU-Ziele in Anbetracht des ehrgeizigen Pariser 1,5-Grad-Ziels komme frühestens 2023 in Betracht, wenn die Weltgemeinschaft die erste Revision der Klimaziele aller Länder für die Zeit nach 2030 ansetzt.

Interne Proteste

Die EU spricht sich nun dafür aus, das Paris-Abkommen "schnellstmöglich" zu unterzeichnen. Mitte April wollen Staatschefs aus aller Welt in New York das Dokument unterschreiben.

Umweltverbände protestieren seit Tagen in E-Mails, in denen sie entsetzt auf den Entwurf des EU-Dokuments reagierten. "Schockierend", "sehr schlecht" sei das Papier, heißt es. Es handele sich um "einen gefährlichen, unverantwortlichen Schritt".

Die EU-Kommission hat ihr Papier kurz vor der Veröffentlichung noch abgeschwächt. In einer ersten Version etwa stand, es gebe "keine Notwendigkeit" für neue EU-Klimaziele. Es seien offenbar noch gefälligere Formulierungen gesucht worden, meint ein Insider. An der Position der EU hat das aber nichts geändert.


Zusammengefasst: Die EU-Kommission hat eine Bewertung des im Dezember beschlossenen Weltklimavertrags verfasst. Darin beharrt sie auf den alten EU-Klimazielen. Gleichwohl räumt die EU ein, dass der CO2-Ausstoß eigentlich strenger beschränkt werden müsste.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 296 Beiträge
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Seite 1
xaindsleena 02.03.2016
1. Ja, die lieben Umweltverbände...
...die sind immer entsetzt. Erst wenn die letzte Industrie abgewandert ist werden die Umweltverbände erkennen, dass man saubere Luft nicht essen kann. Die Welt wird ohnehin an der Überbevölkerung zugrunde gehen. Bevor dieses Problem nicht nachhaltig angegangen wird sind sämtliche "Miniaturversuche" insbesondere Deutschlands, das Weltklima zu retten, ohnehin vergebene Liebesmüh.
at.engel 02.03.2016
2.
In Brüssel werden eben nur noch die Interessen von Lobbys umgesetzt. Und das ist ja nichts neues. Wenn da Volkswagen und Co. auch nur seufzt, rennt Merkel los und macht alles rückgängig. Und wenn die eben keine Lust haben, die EU-Grenzen einzuhalten, werden eben die Grenzen wieder versetzt. So einfach ist Umweltpolitk. Das Problem ist da aber nicht nur Merkel - das machen alle anderen natürlich genauso.
bilderbergbasher 02.03.2016
3. Eine Rechnung...
Was stimmt wohl an der CO2-Geschichte nicht (ich rede nicht vom Klimawandel, den es immer schon gab - er ist nicht Menschengemacht), wenn man das nüchtern betrachtet: 0,038 % (Null Komma Null Drei Acht Prozent) Kohlendioxid (CO2) befinden sich in der Luft der irdischen Atmosphäre gleichmäßig verteilt (nicht als "dichte Schicht" wie ein "Kochtopf-Deckel"!) DAVON entstehen 96 % (Sechsundneunzig Prozent) auf natürliche Weise NUR 4 % (vier Prozent) werden künstlich vom Menschen erzeugt. 4 % (vier Prozent) von 0,038 % sind 0,00152 % (Null Komma Null Null Eins Fünf Zwei Prozent). Von diesen 0,00152 % stammen 3,1 % (Drei Komma Eins Prozent) aus Deutschland. 3,1 % von 0,00152 % sind 0,00004712 % (Null Komma Null Null Null Null Vier Sieben Eins Zwei Prozent). Angenommen Deutschland würde den CO2-Ausstoß KOMPLETT,also auf NULL herunterfahren, hätte das gerade einmal einen Effekt von 0,00004712% auf die Zusammensetzung der Luft auf der Erde. Tja, wer spielt denn hier Pinocchio? Die Machtelite!
SIBBESIBBE 02.03.2016
4. Warum den, sagt die EU:
Vielleicht weil prominente Klimaforscher inzwischen einsehen, dass es doch nicht so schlimm ist mit der Erwärmung der Erde durch CO2? Trotz steigender Emissionen so stagniert die Temperatur, meinen u.a. M."Hockeystick" Mann seit fast 20 Jahren http://www.nature.com/nclimate/journal/v6/n3/full/nclimate2938.html! Das Jahr 2015 war also doch nicht das wärmste sonder es hörte auf wärmer zu werden 1997?
Boomerang 02.03.2016
5. Wie bitte?
"Bis 2030 soll die EU 27 Prozent ihrer Energie einsparen, indem sie der Verbrauch effizienter geht." In punkto Rechtschreibung bin ich nicht pingelig. Aber irgendwie verständliche Sätze wären schon wünschenswert. "Bis 2030 will die EU ihre Treibhausgasemissionen auf mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 senken." Hier nehme ich an, es soll "um" statt "auf" heißen. Richtig? Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
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