Kraftstoffe: EU-Umweltausschuss fordert Begrenzung von Biosprit

Deckel drauf: Künftig soll in der EU weniger Biokraftstoff in den Autotank Zur Großansicht
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Deckel drauf: Künftig soll in der EU weniger Biokraftstoff in den Autotank

Stoppschild für das vermeintliche Öko-Benzin: Der EU-Umweltausschuss will den Anteil von Biosprit im Verkehrssektor begrenzen. Der Bauernverband tobt, Umweltschützer sind erleichtert - denn Biotreibstoffe genießen inzwischen einen äußerst zweifelhaften Ruf.

Biosprit könnte in der EU in Zukunft eingeschränkt werden: Bis 2020 sollen Biokraftstoffe, die etwa aus Mais, Raps oder Palmöl hergestellt werden, nur 5,5 Prozent der erneuerbaren Energien im Verkehrssektor ausmachen. Das hat der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments heute in einer Vorentscheidung beschlossen.

Nach dem Beschluss werden Biokraftstoffe, deren Produktion mit unerwünschten Nebeneffekten für Nahrungsmittelsicherheit und die Umwelt verbunden sind, mit einem Malus belegt. Das erschwert ihre Anrechnung auf die Ziele der EU-Richtlinien. Bis 2020 sollen insgesamt zehn Prozent der im Transportsektor eingesetzten Energie aus erneuerbaren Quellen stammen.

Die Regelung soll verhindern, dass die Treibstoff-Produktion die Herstellung von Nahrungsmitteln beeinträchtigt. Denn Land, das zum Beispiel für den Anbau von Ethanol-Mais benutzt wird, steht folglich nicht mehr für den Anbau von Nahrungsmitteln zur Verfügung. Eine Studie hatte erst kürzlich gezeigt, dass die Hälfte des Landes, das inzwischen für den Anbau für Ethanol-Mais benutzt wird, vorher für den Anbau von Nahrungsmitteln genutzt wurde. Beim Weizen liegt diese Quote sogar bei 60 Prozent.

Auch in anderen Bereichen gilt Biosprit inzwischen als diskreditiert. In Sachen Klimaschutz schadet er mehr als er nützt, und auch zur Energiewende in Deutschland kann er kaum beitragen, wie eine Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ergeben hat. Auch die Autofahrer möchten sich mit dem Biosprit nicht anfreunden: Obwohl der E10-Kraftstoff mit zehn Prozent Bioethanol-Anteil Anfang 2011 eingeführt wurde, haben Tankstellen 2012 schätzunsgweise sechsmal mehr E5-Benzin verkauft.

Umweltverbände wie der WWF begrüßen die Entscheidung des EU-Ausschusses: "Biosprit, so wie er heute hergestellt wird, muss an Europas Tankstellen ausgelistet werden", sagt Jenny Walther-Thoß vom WWF Deutschland. "Der Ausschuss hat durch die Deckelung des Einsatzes von landnutzungsbasierten Kraftstoffen den ersten grundsätzlichen Entschluss für mehr Nachhaltigkeit gefasst."

Noch Raum zum Schummeln

Auch der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen lobte das Abstimmungsergebnis: "Wir beenden die Flächenkonkurrenz von Nahrungsmitteln und Treibstoffen, und dadurch sinken die Treibhausgas-Emissionen." Zudem fördere man so die Nutzung "wirklich klimafreundlicher Biokraftstoffe der zweiten Generation". Dazu zählten Rohstoffe, die nicht als Nahrungsmittel dienten – zum Beispiel Abfälle, Algen und Bakterien. Der aktuelle EU-Vorschlag sieht vor, dass bis 2020 zwei Prozent der Kraftstoffe aus solchen Quellen stammen.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) kritisierte dagegen das Votum: Er sprach von einem "faktischen Rückwärtsgang für heimische Biokraftstoffe". Der Umweltausschuss habe auf die "ideologisch geführte Debatte" um "Teller oder Tank" reagiert. Tatsächlich verbinde Agrarwirtschaft die Lebensmittel- und Energieversorgung miteinander.

Die Beschlussvorlage geht nun ins Plenum, das nach der Sommerpause darüber abstimmen soll. Das Europaparlament ist in der Frage gespalten. Nach der Abstimmung im Plenum beginnen die Verhandlungen mit dem Rat, in dem die 28 EU-Staaten vertreten sind. Auch dort gehen die Meinungen auseinander. Die Grünen-Vorsitzende Rebecca Harms erwartet schwierige Verhandlungen, nicht zuletzt wegen der "massiven Agrar-Lobby".

dal/AFP

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insgesamt 32 Beiträge
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1. rinn in die Kartoffeln,
si tacuisses 11.07.2013
Zitat von sysopStoppschild für das vermeintliche Öko-Benzin: Der EU-Umweltausschuss will den Anteil von Biosprit im Verkehrssektor begrenzen. Der Bauernverband tobt, Umweltschützer sind erleichtert - denn Biotreibstoffe genießen inzwischen einen äußerst zweifelhaften Ruf. EU-Umweltausschuss deckelt Biokraftstoffe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/eu-umweltausschuss-deckelt-biokraftstoffe-a-910637.html)
raus aus den Kartoffeln. Wat denn nu ??
2. E10
marlboro87111 11.07.2013
war wohl jemandem zu günstig :D
3. Das wird Zeit!
opa klaus 11.07.2013
Ich war im Juni in SO-Bayern und war erschüttert! Was sieht man auf den Feldern? Mais oder Solarzellen! Das gibt es bei uns in NRW nicht! Ich persönlich tanke nur den normalen Super, nicht den billigeren Super10. Wenn durch diese Monokulturen die Bienen aussterben, erleben wir ein blaues Wunder!
4.
ironassi 11.07.2013
Das wurde auch höchste Zeit!
5. Freiwillige Maßnahme Biosprit
Jörg Dürre 11.07.2013
gut - die EU fordert 10% Ökoenergie und nicht wie früher immer behauptet 10% Biosprit, das ist in den Medien angekommen. Nächster Schritt: Die EU Richtline fordert 10% Ökoenergie *ab* 2020 nicht bis - sonder AB! Bis dahin regel die EU überhaupt nichts zwingend. Wenn also FDP Niebel fordert, E10 soll abgeschafft werden, wer als ein Regierungsmitglied soll es denn tun? Bis 2020 kann die Zwangsbeimischung durch einfaches Gesetz geändert werden. Die Bundesregierung könnte auch Ökostrom als Ersatz von Biosprit zählen aber eins nach dem anderen. Aktuelles Hintergrundwissen von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung: http://www.ble.de/DE/08_Service/03_Pressemitteilungen/2013/130711_Nachhaltige_Bioenergie_2012.html Das Ziel regionale Wertschöpfung wurde offensichtlich nicht betrachtet.
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Alle Informationen zum neuen E10-Benzin
Was ist E10 und warum wird es eingeführt?
Das "E" steht für Ethanol, die "10" für den künftig zehnprozentigen Anteil von Bioethanol im Benzin. Mit Erhöhung der Beimischung von fünf auf zehn Prozent setzt die Bundesregierung EU-Vorgaben um. Hintergrund ist das Ziel, den CO2-Ausstoß von Autos zu senken.
Das neue, E10 genannte Benzin vertragen allerdings nicht alle Autos.
Fahrer sollten sich also informieren, ob ihr Wagen betroffen ist.
Warum kann E10 für ein Auto gefährlich sein?
Laut ADAC kann E10 aggressiv mit Metall- und Kunststoffteilen reagieren. Im schlimmsten Fall sind auch Motorschäden denkbar. Der Alkohol kann Aluminium zersetzen, das auch in Motoren oder in Benzinpumpen verwendet wird. Daneben kann E10 den Kunststoff von Kraftstoffschläuchen oder Dichtungen angreifen. Werden Leitungen löchrig, kann sich Benzin an heißen Motorbauteilen entzünden.
Welche Autos vertragen E10 - und welche nicht?
Laut Bundesumweltministerium (BMU) können 90 Prozent der Autos mit Benzinmotor "ohne Einschränkungen" E10 tanken. Über vier Millionen der in Deutschland zugelassenen Autos vertragen den Sprit demnach nicht. Informationen zur Verträglichkeit geben Händler und Hersteller. Aus dem Alter eines Autos lässt sich dies nicht ableiten, teils ist E10 auch für neuere Modelle ungeeignet. Eine Liste mit Autos, die den neuen Sprit nicht tanken sollten, hat die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Informationen gibt es auch beim ADAC.
Was tanken künftig Autos, die kein E10 vertragen?
Für die gibt es an allen Tankstellen auch weiter E5 mit fünf Prozent Bioethanol - laut BMU "zeitlich unbefristet". E10 selbst wird künftig als "Super E10" an den Zapfsäulen gekennzeichnet sein, E5 wie bisher als "Super".
Wie viel kostet E10?
Das BMU schließt nicht aus, dass Benzin durch die Einführung von E10 teurer wird. Auf die Ölkonzerne kämen zusätzliche Kosten etwa für die Herstellung von Ethanol zu. Zudem steigt demnach auch der Benzinverbrauch durch E10 um knapp zwei Prozent wegen des geringeren Energiegehalts von Alkohol im Vergleich zu Benzin.
Weitere Informationen im Internet