Besiedlungsgeschichte Amerikas verschwundene Hunde

Als Europäer nach Amerika kamen, brachten sie Krankheiten mit, die Millionen Ureinwohner das Leben kosteten. Die Hunde der Ureinwohner starben sogar ganz aus - hinterließen aber ein tödliches Erbe.

Del Baston / Center for American Archeology

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Zu keinem Tier hat der Mensch eine so alte, innige Beziehung wie zum Hund: Seit Zehntausenden von Jahren ist er Wächter, Jagdgefährte und Freund des Menschen. Keine Weltgegend, wohin er dem Menschen nicht folgte. Und das schließt, einer aktuellen, im Fachmagazin "Science" veröffentlichten Studie zufolge, auch die amerikanischen Kontinente ein: Die Hunde, die Indigene in Süd- und Nordamerika hielten, stammten von Vorfahren ab, die Jahrtausende zuvor mit Menschen über die Beringstraße gekommen waren.

Bisher war das keineswegs klar. Die Domestizierung des Hundes fand über Zehntausende von Jahren wiederholt an verschiedenen Orten statt. Es war denkbar, dass auch die Hunde der später fälschlich "Indianer" genannten Menschen erst in Amerika domestiziert wurden - Wölfe gab es auch dort.

Wann genau es erstmals gelang, Wölfe handzahm zu machen, ist heiß umstritten - die Schätzungen variieren wild. Die ältesten gesicherten Funde domestizierter Vertreter der Gattung Canis lupus familiaris werden auf circa 40.000 Jahre datiert. Auf der sogenannten molekularen Uhr beruhende Hochrechnungen deuten darauf hin, dass die Partnerschaft aber schon vor bis zu 100.000 Jahren begründet worden sein könnte.

Eng verwandt mit sibirischen Wölfen

Nicht minder umstritten ist, wann der Mensch die amerikanischen Kontinente erschloss. Homo sapiens kam wohl spätestens vor 18.000 Jahren nach Alaska. Doch es gibt Forscher, die Indizien dafür entdeckt haben wollen, dass es bereits früher Einwandererwellen gab, möglicherweise auch von anderen Menschenarten - vor bis zu 131.000 Jahren.

Als gesichert gilt jedoch, dass Amerikas heute lebende Indigene meist vom sogenannten Clovis-Volk abstammen - und dass Amerikas Urhunde ihnen gehörten. Sie stammten von sibirischen Schlittenhunden ab, die wiederum eng mit sibirischen Wölfen verwandt waren. Gut möglich, dass es gerade die starken, flinken Begleiter des Menschen waren, die ihm unter den harten Bedingungen der Eiszeit erst die Eroberung Amerikas möglich machten.

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Ausgestorben: Amerikas erste Hunde

Die Schicksale der menschlichen und caninen Einwanderer blieben auch auf andere, bittere Weise verknüpft: Als Europäer ab dem 15. Jahrhundert begannen, die amerikanischen Kontinente zu okkupieren, litten darunter Hunde wie Herrchen in ähnlicher Weise - sie erkrankten und starben an eingeschleppten Krankheiten, gegen die sie keine Resistenzen besaßen.

So erklärt die aktuelle Studie das vollständige Aussterben der ersten amerikanischen Hundepopulation: Hauptgrund dafür dürfte der Kontakt zu aus Europa mitgebrachten Hunden gewesen sein, mit denen sie sich paarten.

Dass dies geschah, erkennt man indirekt an vielen heute lebenden Hunden. Der Beleg ist ein Gen, das ein tödliches Erbe transportiert und nicht ihnen gehört, sondern einem lang verstorbenen Vertreter der amerikanischen Urhunde.

Denn bevor diese Tiere ausstarben, gaben sie ihrerseits eine Krankheit an die aus Europa stammenden Hunde weiter: Das Sticker Sarkom, ein infektiöser Tumor, der sich durch per Geschlechtsakt transportierte Krebszellen von Hund zu Hund überträgt. Dabei wird Fremd-DNA zwischen den Hunden übertragen - und die lässt sich, zeigt nun die aktuelle Studie, auf einen Hund aus der aus Sibirien stammenden, amerikanischen Urhundpopulation zurückführen.

Man glaubte seit längerem, dass Sticker in sibirischen Wolfspopulationen seinen Anfang genommen haben könnte. Doch jetzt zeigt sich, dass es nicht Wölfe waren, sondern deren vor Urzeiten domestizierte Nachfahren, deren DNA man im Sticker Sarkom erkannt hatte: Spuren der Schlittenhunde, die ihren Weg von Sibirien über die Beringstraße nach Amerika fanden. Und einer von denen könnte vor bis zu 11.000 Jahren erstmals am Sticker Sarkom erkrankt sein und die Krankheit weitergegeben haben.

So wirkt diese letzte Spur von Amerikas Urhunden fast wie ein finaler Racheakt an den Arten, die ihnen den Tod brachten. Sticker Sarkom begann vor rund 500 Jahren, also kurz nach der Neuentdeckung Amerikas durch die Europäer, sich unter europäischen Hunden zu verbreiten. Heute findet man es weltweit. Immerhin gibt es gute Heilungschancen, sofern der Tumor rechtzeitig behandelt wird - entweder mit Chemotherapie oder mit Bestrahlung.



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