Europas Spinne des Jahres Ehrung für geringelten Sonderling

Sie ist haarig, hat geringelte Beine, wohnt in Röhren, ist gut zu Fuß und sehr groß für Ihresgleichen: Die Flussufer-Riesenwolfspinne, kurz Sandtarantel, ist Europas Spinne des Jahres 2007.


Es gibt Ehrentitel, von deren Existenz selbst ihre Träger nichts ahnen und die folglich vor allem das Publikum beeindrucken sollen. Die "Europäische Spinne des Jahres" ist so ein Titel, und 2007 ist die Gewinnerin die Flussufer-Riesenwolfspinne. Wem ein solches Wortmonstrum für ein so kleines Tier zu wuchtig ist, kann es auch Sandwolfspinne oder Sandtarantel nennen.

Sandwolfspinne: Europas Spinne des Jahres 2007
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Sandwolfspinne: Europas Spinne des Jahres 2007

Denn mit großen Vogelspinnen Amerikas, die oft fälschlicherweise als Taranteln bezeichnet werden, hat Arctosa cinerea wenig gemein, zumindest was die Größe betrifft. Die neue Preisträgerin wird nur knapp zwei Zentimeter lang, womit sie freilich immer noch zu den größeren Spinnen Europas zählt.

Arctosa cinerea ist ein Sonderling unter den Spinnen: Sie webt keine Netze und versteckt sich tagsüber in Röhren, die sie unter Steinen oder Treibgut in den sandigen Untergrund gräbt. Dank ihrer raffinierten Hell-Dunkel-Zeichnung ist sie für Menschen oder Beutetiere kaum zu erkennen. Ihre Beute - Laufkäfer, Heuschrecken oder andere Spinnen - überfällt sie aus dem Hinterhalt, und zwar blitzschnell, da sie ihre Opfer auf Sicht und zu Fuß jagen muss. Zu ihren Artgenossen ist sie dagegen milder: Im Unterschied zu anderen Spinnen verzichten die weibliche Sandtaranteln nach dem Paarungsakt auf das Verspeisen der Männchen.

Solcherlei Gnade wird ihr durch die Menschen nicht zuteil. In weiten Teilen Deutschlands ist die Sandwolfspinne bereits ausgestorben. Ihr natürlicher Lebensraum, regelmäßig freigespülte Kies- und Sandufer, ist durch Verbauungen und Hochwasserschutzmaßnahmen weitgehend verschwunden. In Deutschland kommt die Spinne nur noch an der Nord- und Ostsee sowie an Flussabschnitten des Rheins und der Elbe vor. Laut Martin Kreuels von der Arachnologischen Gesellschaft sind die Populationen aber sehr klein: Auf fünf Quadratmetern lebten nur bis zu sechs Tiere dieser Art.

Mit der Preisverleihung soll für eine oftmals verkannte Tierart Verständnis geweckt werden, teilte die Arachnologische Gesellschaft mit. Kreuels zitierte eine Hochrechnung, der zufolge beispielsweise England ohne Spinnen schon nach einem Jahr mit einer 30 Zentimeter hohen Schicht von Insekten bedeckt wäre. Vielleicht sollten sich die Spinnen deshalb ein Beispiel an den Gewerkschaften der Menschen nehmen - und einfach mal streiken.

mbe/ddp/dpa/AP



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