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Knochensplitter

Evolution der Vögel Öde Vielfalt

Prähistorische Vögel: Alles Uniform, oder was? Fotos
Allison Elaine Johnson

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Schwere Strauße, kleine Kolibiris, ausdauernde Mauersegler - die Vogelwelt ist erstaunlich vielfältig. Versteinerungen aber zeigen nun: Trotz vieler Arten war sie einst verarmt - bis zum großen Knall.

Ein Ei gleicht dem anderen, weiß der Volksmund. Und über Millionen Jahre, behauptet eine neue Studie, habe das auch für die Eierleger gegolten: Trotz zahlreicher Arten gab es bei prähistorischen Vögeln kaum Varianz und Abwechslung.

Moderne Vögel sind von beeindruckender Vielfalt. Strauße wiegen soviel wie 75.000 Kolibris, Kaiserpinguine jagen in 500 Meter Tiefe im Eismeer, während Küstenseeschwalben auf ihren Wanderwegen 50.000 Kilometer im Jahr pendeln. Wie viele Monate am Stück ein Mauersegler ohne Landung in der Luft verbringt, weiß bis heute niemand genau - die kleinen Flitzer schlafen sogar im Fliegen. Und in puncto Nahrung gilt, dass es nichts gibt, was nicht von irgendeinem Vogel gefressen wird.

Obwohl die rund 10.600 bekannten Vogelarten prinzipiell einem sehr einheitlichen Bauplan folgen - zwei Beine, Vorderglieder zu Flügeln umgewandelt, Federn, Schnabel ohne Zähne etc. - wird deshalb wohl kaum jemand darauf kommen, die Federtiere als uniform zu beschreiben.

In Bezug auf ihre prähistorischen Vorfahren aber könnte einem das durchaus einfallen. "Da gab es keine Schwäne, keine Schwalben oder Reiher", sagt dazu Jonathan Mitchell, Co-Autor einer soeben im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlichten Studie: "So gut wie alle lagen irgendwo zwischen Spatz und Krähe."

Einheitslook in der Kreidezeit

Dass die "Karriere" der Vögel mit kleinen Tieren begann, hat gute Gründe. Die Forscher von der Universität Chicago und vom dortigen Field Museum wollen aber herausgefunden haben, dass sich die Flattermänner auch noch weitgehend gleich ernährten. Möglich wurde das durch die fossile Überlieferung von Mageninhalten bei einigen besonders gut erhaltenen Fossilien aus den 125 Millionen Jahre alten Sedimenten der Jehol-Gruppe in China.

Mitchell und sein Co-Autor Peter J. Makovicky verglichen alles, was dort an Vögeln bisher gefunden wurde und kamen zu einem eindeutigen Urteil. Die Tiere seien "ökologisch verarmt" gewesen, sprich: sie hätten auf eine enge ökologische Nische reduziert mit sehr vergleichbaren Ernährungs- und Lebensweisen gelebt. Einer vergleichsweise großen Zahl von Arten stand demnach eine auffallend geringe Varianz der Lebensweisen und Körperformen gegenüber.

Vögel hatten zu diesem Zeitpunkt bereits eine mindestens 25 Millionen Jahre dauernde Evolution hinter sich. Die Kreidezeit gilt als ihre erste Hochzeit, die mit der Ausprägung besonders vieler neuer Arten einherging. Das aber war offenbar ein Boom mit streng abgesteckten Grenzen. Größere Vögel oder solche mit variierenden Lebensarten fanden die Forscher nicht. Mitchell: "Die ähnelten sich alle sehr. Sie waren alle Boden- oder Baumbewohner, die Insekten oder Samen fraßen."

Oder liegt das nur daran, dass bisher schlicht keine Gegenbeispiele gefunden wurden? Prinzipiell ist es denkbar, dass bestimmte Körperformen und Lebensweisen eine Fossilisierung begünstigen und Fossilien eines bestimmten Typus darum überrepräsentiert erscheinen.

Als die Konkurrenz ausfiel, explodierte die Vielfalt

So eine Verzerrung des Fossilbefundes meinen die Forscher aber ausschließen zu können: Zwar seien solche Effekte im fossilen Befund von Vögeln tatsächlich messbar, aber dann eher zugunsten von großen Tieren und solchen, die am oder auf dem Wasser lebten. Gerade solche Vögel aber wurden im untersuchten Zeitfenster bisher überhaupt nicht gefunden - offenbar herrschte beim Federvieh also wirklich uniformer Einheitslook.

Einer der wichtigsten Gründe dafür dürfte Konkurrenz gewesen sein. Im Luftraum tummelten sich zu diesem Zeitpunkt neben Vertretern der gefiederten Dinosaurier, aus denen die Vögel hervorgegangen waren, auch noch Pterosaurier. Am Boden und im Geäst mussten sich Vögel auch in Nahrungskonkurrenz zu Säugetieren, Reptilien und kleinen Raptoren behaupten. Unter dem Strich habe den Vögeln in diesem harten Konkurrenzumfeld womöglich vor allem die Zeit gefehlt, sich erfolgreich auch in andere, neue Nischen auszubreiten, glauben die Forscher.

Rund 60 Millionen Jahre später, am Ende der Kreidezeit, schafften sie das im Wortsinn schlagartig, als durch den Einschlag eines Meteoriten, der wohl so gut wie alle Landtiere über einen Meter Körpergröße vernichtete, viele ökologische Nischen frei wurden: Vögel sollten in vielen Weltgegenden für etliche Millionen Jahre so gut wie jede ökologische Nische dominieren.

Sie prägten dabei schnell eine Vielfalt aus, deren Superlative noch weit über das hinaus gingen, was die Vogelwelt heute zu bieten hat. Neben Dromornis stirtoni etwa, dem Größen-Rekordhalter unter den Vögeln, hätte sogar ein Strauß wie ein Stubenküken neben einem Truthahn gewirkt. Um im hohlspiegelig-schrägen Bild zu bleiben: Dromornis wog soviel wie 278.000 Kolibris, was dem Gewicht einer Ente entsprochen hätte. Einer von Citroën, versteht sich.

2 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
plasmopompas 28.05.2014
Hasenbein 28.05.2014

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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