Evolution: Dschungeltiere nutzen Röntgenblick

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Affe, Löwe und Bär durchleuchten ihre Umgebung: Die parallel angeordneten Augen helfen ihnen, Gefahren selbst hinter Blättern und Bäumen zu erkennen. Auch der Mensch verfügt über diese Röntgensicht. Dabei würden wir eher von einem Panoramablick profitieren, wie ihn Feldhasen haben.

Halten Sie mal Ihre gespreizten Finger mit ausgestrecktem Arm vor Ihre Augen. Was dahinter liegt, können Sie sehen, oder? Auch Sie haben den Röntgenblick. Der bringt Ihnen zwar nicht mehr viel, wohl aber anderen Säugetieren: Tiger, Affen, Bären, Löwen oder Hunde können dadurch in der Wildnis erkennen, was sich hinter Hindernissen wie Bäumen, Blättern oder Gräsern versteckt. Aus diesem Grund haben sich ihre Augen im Lauf der Evolution nach vorne verlagert, so die Theorie des US-Forschers Mark Changizi vom Rensselaer Polytechnic Institute in New York.

Bislang gingen Wissenschaftler davon aus, dass zwei gleichgerichtete Augen vor allem dem räumlichen Sehen dienen. Nicht alle Tiere haben diese Fähigkeit: Die Augen von Fischen, Fröschen, Vögeln, Insekten oder Krokodilen stehen weit auseinander an jeweils einer Seite des Kopfes. Auch bei einigen Säugetieren ist das so. Dadurch überblicken sie, was vor, neben und hinter ihnen passiert. Mit diesem Panoramablick können sie schnell auf Angriffe reagieren oder nach Nahrung schnappen. Ihre sogenannte binokulare Region, der Bereich also, den beide Augen sehen, ist relativ klein.

Im Gegensatz dazu sehen viele Säugetiere mit beiden Augen nach vorne und verlieren so den Überblick darüber, was hinter und neben ihnen geschieht. Dieser Verlust muss eine Ursache haben - und sich vor allem lohnen, vermutete Kognitionsforscher Changizi. Er untersuchte bei 319 Säugetierarten genauer, ob sie mit beiden Augen nach vorne blicken. Gleichzeitig überprüfte er, in welcher Umgebung sie zu Hause sind: Leben sie im Dschungel, im Wald, auf dem Feld oder in der Steppe? Wie ist ihr Revier beschaffen und wie groß sind die Hindernisse, die sie umgeben im Vergleich zu ihrer Körpergröße und zu ihrem Augenabstand?

Changizi entdeckte eine erstaunliche Regelmäßigkeit, wie er gemeinsam mit Shinsuke Shimojo vom California Institute of Technology in Pasadena im Fachmagazin "Journal of Theoretical Biology" berichtet: Leben Tiere in der freien Ebene und sind demnach von allen Seiten angreifbar, tragen sie ihre Augen meist seitlich am Kopf. "Tiere außerhalb von blätterreichen Regionen müssen nicht mit visuellen Hindernissen zurechtkommen", sagte Mark Changizi dem Wissenschaftsdienst ScienceDaily. "Deshalb hätten sie keinen Vorteil von einem Röntgenblick."

"Der Mensch ist wie eine kleine Maus im Wald"

Leben Tiere hingegen im Dschungel zwischen Bäumen und Blättern, haben sie ihre beiden Augen meist nach vorne gerichtet. Zusätzlich spielt offenbar auch die Größe des Tieres eine Rolle: "Je größer das Tier in einer blätterreichen Umgebung, desto mehr blicken beide Augen nach vorne und erzielen so den besten Röntgeneffekt", sagte Changizi. "Das hilft ihnen dabei, vor Verfolgern zu flüchten, durchs Dickicht zu schleichen und zu jagen."

Das gilt allerdings nur unter einer Bedingung: Die sichtbehindernden Blätter müssen kleiner sein als der Abstand zwischen den Pupillen des Tieres. Ein simpler Vergleich verdeutlicht diese Regel: Hält man sich einen schmalen Stift vor beide Augen, scheint der Blick durch den Stift hindurchzugehen - die Gegenstände dahinter bleiben nahezu vollständig sichtbar. Hält man hingegen beide geschlossenen Hände an den ausgestreckten Armen vor die Augen, funktioniert das nicht mehr - die Hände sind breiter als der Abstand zwischen den Augen des Betrachters.

Dass auch der Mensch mit beiden Augen nach vorne blickt, ist Changizis Meinung nach heute sinnlos, besser wäre es, wenn wir wieder zu beiden Seiten blicken könnten. "Menschen haben heute mehr gemeinsam mit einer kleinen Maus im Wald als mit einem großen Tier im Dschungel", erklärte Changizi ScienceDaily. Der Röntgenblick reiche nicht aus, um durch Autos und Hochhäuser zu sehen, weil sie deutlich breiter sind als der Augenabstand eines Menschen. "Wenn man sich heute einfrieren und erst in einer Million Jahre wieder aufwachen würde, könnte es eventuell wieder schwierig werden, den Menschen in die Augen zu sehen, weil diese dann vielleicht wieder seitlich am Kopf liegen", mutmaßt Changizi.

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