Evolution Wie wurden Wale von Jägern zu Sammlern?

Bartenwale gehören zu den größten Tieren, die diesen Planeten je bevölkerten. Doch ihre Evolution wirft Rätsel auf. Eines wollen Forscher nun gelöst haben: Wie die Meeresbewohner ihre Zähne verloren.

Coronodon havensteini (Vordergrund): Halb Jäger, halb Sammler
Alberto Gennari

Coronodon havensteini (Vordergrund): Halb Jäger, halb Sammler

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Die Vorfahren der Wale lebten an Land, das weiß man: Ihre engsten Verwandten waren Huftiere. Zu ihren heute lebenden Verwandten gehören so unterschiedliche Lebewesen wie Flusspferde, Giraffen, Pferde, aber auch Spitzmäuse oder Maulwürfe.

Da fragt man sich unwillkürlich, wie die Evolution von A nach B kommt. Doch es gibt eine Erklärung: In der Zeitleiste zurück teilen all diese Tiere Vorfahren, die sich zur Zeit der verwandtschaftlichen Nähe weit ähnlicher waren als ihre Nachfahren heute. So, wie auch heutige Fische und Menschen verwandt sind - wenn man nur weit genug zurückgeht.

Die Evolution der Wale denkt man sich so: Vor mehr als 50 Millionen Jahren durchliefen räuberisch lebende Paarhufer, die nah am Wasser jagten, eine sukzessive, immer weiter gehende Anpassung an das Wasser als Jagd- und Lebensraum. Es fällt uns leicht, uns vorzustellen, wie sie immer bessere Schwimmer und Taucher wurden; wie sich Gliedmaßen zurückbildeten; wie aus Beinen Flossen wurden. Dass Eigenschaften abgelegt werden, die für das Überleben nicht mehr nützlich sind - wie beispielsweise Hufe zu besitzen - ist gut nachvollziehbar. Größere Fragen wirft aber auf: Wie entwickelte ein Tier im Laufe seiner Evolution neue Eigenschaften, die im ersten Augenblick kontraproduktiv erscheinen?

Bei Walen ist das beispielsweise die Bartenfrage: Wann, wie und warum verloren manche Wale ihre Zähne und ersetzten sie quasi durch natürliche "Netze"?

Rund 90 Arten umfasst die Ordnung der Wale, und die lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Wale mit Zähnen und solche mit sogenannten Barten - Hornplatten, deren Enden zu feinen, federartigen "Kämmen" ausgebildet sind. Wenn man so will, sind die Zahnträger unter den Walen die Räuber, während die Bartenwale die Sammler sind: Sie filtern mit ihren Barten das Zooplankton und den in riesigen Schwärmen lebenden Krill (kleine Krebstiere) aus dem Wasser, indem sie die Flüssigkeit so aus ihrem Maul hinausdrücken, dass sich alles Fressbare an der Innenseite der Barten sammelt.

Schädel: Ein Tier mit quasi zwei Gebisstypen
Geisler et al.

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Es ist ein Rezept für Größe, denn tendenziell sind Bartenwale auch die Giganten unter den Walen - die Tiere mit der kleinsten Nahrung bringen es zur größten Größe. Verwunderlich ist das nur auf den ersten Blick: Plankton macht mehr als 90 Prozent der Biomasse in den Meeren aus - und nach Erkenntnissen eines Forschungsprojektes ist das je zur Hälfte tierisches und pflanzliches Plankton.

Walen ist es also gelungen, sich mit den winzigen Pflanzen und Tieren das größte Nahrungsangebot zu erschließen. Nur wie?

Die Antwort darauf, glaubt eine Forschergruppe, könnte das Fossil des Ur-Wales Coronodon havensteini liefern. Vor rund fünfzehn Jahren erstmals entdeckt hatten Forscher sofort erkannt, dass Coronodon eine Art Zwischending war: Sein Kopf war im Verhältnis zum Körper schon größer als bei den meisten Zahnwalen. Dazu verfügte er über ein quasi in der Mitte geteiltes Gebiss: Vorn mit Zähnen, die offensichtlich fangen und zupacken sollten, hinten mit eigentümlich blattförmig geformten Zähnen.

Kein Schneider mehr: Ein Zahn, der "absichtlich" Lücken lässt
Geisler et al.

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Und denen rückten die Forscher nun mit neuen Methoden zu Leibe: Sie rekonstruierten mögliche Kau-, Schneide- oder sonstige Nutzungen. Was sie fanden: Zahnreihen, deren obere und untere Reihe aufeinanderliegend kleine Lücken ließen.

Coronodon, folgern sie in einer Studie, die in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Current Biology" veröffentlicht wurde, war wahrhaft ein Zwischenschritt zwischen Zahn- und Bartenwal: Der Wal nutzte sowohl sein spitzes Vordergebiss, um zu jagen, als auch ein "Sieb" am Ende des Maules, in dem er kleine Beutetiere sammelte. Barten, glauben die Forscher, seien das Endresultat der über Jahrmillionen fortlaufenden Optimierung dieses "Sammel-Gebisses" zu dem mächtigen Käscher heutiger Bartenwale.

Und Barten gehören zu den effektivsten Nahrungssammel-Methoden im ganzen Tierreich. Bis zu dreieinhalb Tonnen Kleinstlebewesen, schätzt man, holt ein einziger Blauwal damit täglich aus dem Wasser. Die braucht er auch: Wenn man 200 Tonnen wiegt, muss man schon was tun, um sein Gewicht zu halten.

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