Expedition Wenn Forscher zu Bergen abtauchen

Die Bergwelt ist auch unter Wasser faszinierend. In den Oasen der Ozeane haben sich artenreiche Ökosysteme entwickelt. Doch die Gebiete sind gefährdet. Eine Expedition soll den Reichtum dokumentieren.

Sarah Gotheil/ IUNC/ dpa

Es ist eine unwirtliche Meeresregion an einem 3000 Meter hohen unterseeischen Berg, in die das französische Forschungsschiff "Marion Dufresne" die Wissenschaftler bringt. Am 23. April sticht das Schiff von La Réunion im Indischen Ozean aus in See. Das Ziel liegt südlich von Madagaskar.

An Bord der "Marion Dufresne" sind Wissenschaftler des französischen Museums für Naturgeschichte. Sie erforschen Wasserqualität, Salzgehalt, Fische, Quallen und andere Lebewesen in diesem Ökosystem.

"Diese Seeberge sind ein bisschen wie Oasen", sagt Aurelie Spadone, Meeresforscherin und Projektmanagerin der Weltnaturschutzunion (IUCN). "Das Meer ist zwar nicht wie eine Wüste, aber an diesen Bergen entwickeln sich ganz eigene, oft sehr artenreiche Ökosysteme."

Seeberge in Matterhorn-Qualität

Unterseeische Gebirge sind gigantische zerklüftete Landschaften. "Da haben schon einige Matterhorn-Qualität", sagt der Seeberg-Spezialist Bernd Christiansen von der Universität Hamburg. Manche Gipfel sind um die 5000 Meter hoch, es gibt riesige Plateaus, Tausende Meter abfallende Kliffs und steile Hänge.

Experten schätzen, dass es mindestens 200.000 Unterwasserberge gibt, die mehr als tausend Meter hoch sind. Nur ein Bruchteil davon ist je untersucht worden, drei Prozent, schätzt Spadone. Manche liegen in so unwirtlichen Gegenden, dass Expeditionen kaum möglich sind.

Die Expedition der "Marion Dufresne" geht an die Walters-Untiefen gut 800 Kilometer südlich von Madagaskar. Die Gipfel ragen dort bis zu 4750 Meter aus dem Meeresgrund. Zum Vergleich: Das Matterhorn ist 4478 Meter hoch.

Das Besondere ist hier, dass manche Bergspitzen kaum 20 Meter unter der Meeresoberfläche liegen. Das Wasser ist etwa 15 Grad warm. So können Wissenschaftler mit normaler Ausrüstung in den Ozean tauchen und die Hänge in Augenschein nehmen, auch wenn Hochseetauchen wegen der oft unberechenbaren Strömungen gefährlich sein kann.

IUCN will Schutzwürdigkeit belegen

Mit der Expedition will die IUCN belegen, wie einzigartig und deshalb schutzwürdig Seeberge sind. Bei den Vereinten Nationen wird gerade über neue Regeln beraten, um das Seerechtsübereinkommen von 1994 zu stärken. Es bestimmt etwa, wie viele Kilometer Küstengewässer Länder als exklusive Wirtschaftszonen beanspruchen können.

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Expedition: Bunte Artenvielfalt am Seeberg

"Aber in den internationalen Gewässern ist es ein bisschen wie im Wilden Westen", sagt Spadone. Jeder mache, was er wolle. Im Sommer ist das nächste Expertentreffen in New York. Da sollen die Expeditionsergebnisse vorgelegt werden.

"Seeberge sind besonders interessant, weil sie anders als der meist mit Schlick bedeckte Meeresboden Fels, Geröll, Algen und oft Seetang haben und dort ganz andere Lebensgemeinschaften leben", sagt Christiansen. "An den Seebergen entstehen auch spezielle Strömungen, und Auftrieb, mit völlig anderer Nahrungsversorgung der Lebewesen."

Gefährdetes Ökosystem

"In solchen entlegenen Ökosystemen gibt es oft einen ganz eigenen Artenpool", sagt Hauke Reuter vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen.

"Der Austausch mit anderen Ökosystemen ist sehr begrenzt. Da kann man zu grundlegenden Erkenntnissen kommen, etwa wie spezifische Artengemeinschaften und Nahrungsnetze funktionieren. Wenn der Berg sehr isoliert ist, kann man womöglich einmalige evolutionäre Entwicklungen dokumentieren."

"In diesen Ökosystemen gibt es Fische, die erst mit 30, 40 Jahren fortpflanzungsfähig sind", sagt Spadone. "Und es gibt Korallenbäume, die in tausend Jahren nur eineinhalb Meter groß geworden sind." Dieses Zeitlupentempo bedeute, dass eine Erholung praktisch unmöglich sei, wenn die Habitate einmal durch Schleppnetze zerstört oder die Lebewesen durch Überfischung dezimiert seien.

Auch Bodenschätze im Visier

An den Walters-Untiefen ist das besonders brisant. Weil die Bergspitzen nur wenige Meter unter der Meeresoberfläche sind, tummeln sich dort Fische und sogar Seevögel. Die reichen Fischgründe sind verlockend für kommerzielle Hochseeflotten.

Bei der Ausbeutung der Meere sind aber auch die Seeberge selbst im Visier, sagt Biologe Christiansen, der im Atlantik und im Mittelmeer schon selbst Seeberge erforscht hat. Im Pazifik gebe es in etwa tausend Meter Tiefe Berge mit Plateau, die einen Mineralienabbau möglich machten. Manche Berge hätten Ferromangankrusten, bei 20 Zentimeter Dicke werde der Abbau womöglich attraktiv.

Wenn man diese Krusten abbaut, würden alle Organismen in Bodennähe zerstört. Womöglich auch solche, die überhaupt noch nicht entdeckt worden seien, sagt er. Deshalb sei der Schutz so wichtig.

brt/Christiane Oelrich, dpa

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