Experimente Forscher fordern Gleichberechtigung bei Labortieren

Von echter Gleichberechtigung sind nicht nur die Führungsetagen vieler Firmen weit entfernt, sondern auch Labore: Bei Tierversuchen gibt es einen teils starken Männchen-Überschuss. Forscher fordern, das zu ändern - sie fürchten auf lange Sicht um die Gesundheit von Frauen.

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Bei Tierversuchen werden zu wenige Weibchen eingesetzt - diesen Vorwurf erheben zwei US-Forscher in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature". Männchen würden in den Laboren immer noch dominieren, schreiben Irving Zucker und Annelies Beery von der University of California in Berkeley. Weil die Ergebnisse vieler Experimente in die Therapie von Krankheiten einflössen, könne dies ernsthafte Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen haben.

Bei drei von vier Studien, die in renommierten Fachblättern im Bereich Immunologie erschienen, werde das Geschlecht der Versuchstiere nicht einmal angegeben. In acht von zehn biologischen Fachgebieten bestehe ein Männchenüberschuss bei Experimenten. Besonders groß seien die Unterschiede im Bereich Hirnforschung (5,5 Männchen auf ein Weibchen), Pharmakologie (5 zu 1) und Physiologie (3,7 zu 1).

Auch bei klinischen Versuchen am Menschen seien Frauen häufig in der Minderheit, schreiben Forscher von der Northwestern University in Chicago in einem "Nature"-Kommentar. Laut einer Metastudie aus dem Jahr 2004 seien nur 37 Prozent aller Versuchsteilnehmer Frauen. Dies sei nicht akzeptabel, weil viele Krankheiten je nach Geschlecht unterschiedlich ausgeprägt seien.

Selbst Krankheiten, die bei Frauen häufiger auftreten als bei Männern, würden in Tierversuchen häufig mit Männchen untersucht, kritisieren Zucker und Beery. Beispiel Depressionen: Frauen erkranken daran doppelt so oft wie Männer. Aber nur bei 45 Prozent der Tierexperimente seien laut Studienbeschreibung Weibchen eingesetzt worden.

Krankheiten unterschiedlich ausgeprägt

"Viele Wissenschaftler meiden weibliche Versuchstiere", schreiben die beiden Forscher. Meist werde dies damit erklärt, dass weibliche Mäuse oder Ratten wie Frauen einen Hormonzyklus haben, was angeblich zu stärker fluktuierenden Ergebnissen führen könne. Männchen gelten als stabiler.

Dem widerspricht Zucker: "Schmerzstudien bei vielen Mausstämmen haben gezeigt, dass Weibchen sogar etwas weniger variabel sind als Männchen", sagt der Wissenschaftler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Beim Schmerzempfinden, aber auch vielen anderen Eigenschaften gebe es beim Menschen substantielle Geschlechterunterschiede. "Deshalb ist es wichtig, in allen Stadien von Tierexperimenten mit beiden Geschlechtern zu arbeiten und die Ergebnisse getrennt auszuwerten."

Hans Hedrich von Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) kann die in "Nature" erhobenen Vorwürfe nicht ganz nachvollziehen - zumindest nicht für das von ihm geleitete Institut für Versuchstierkunde. "Bei uns ist das Geschlechterverhältnis der Mäuse eher ausgeglichen", sagt er. "Männchen vertragen sich oft nicht gut miteinander und verbeißen sich." Dann müsse man sie trennen. Das führe dazu, dass die Weibchen in der Überzahl seien.

Männliche Mäuse machen oft Probleme

Über das Geschlechterverhältnis entscheide natürlich auch der Versuch selbst: "Bei chirurgischen Eingriffen nimmt man eher Böcke, weil sie größer sind", sagt Hedrich. "Wenn man Prostatatumoren untersucht, muss man natürlich mit Männchen arbeiten, bei Eierstocktumoren mit Weibchen."

Bei pharmazeutischen Studien könne die Situation anders sein, erklärt der Forscher. "Dort wird meist noch mit Ratten gearbeitet, um die Ergebnisse mit älteren Untersuchungen vergleichen zu können." Früher seien Medikamente fast ausschließlich mit Ratten getestet worden. Bei Ratten gebe es im Unterschied zu Mäusen kaum Probleme, wenn mehrere Männchen zusammen gehalten würden.

Hedrich beklagt allerdings wie seine US-Kollegen, dass Informationen zum Geschlechterverhältnis in vielen Studien fehlten. "Die Angaben in Fachjournalen sind oft mangelhaft." Das liege freilich auch an Herausgebern der Magazine, die Texte kürzen ließen.



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