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Expertenwarnung: Meeresspiegelanstieg wird sich beschleunigen

Land unter: Auf einem Vorbereitungstreffen für den Weltklimagipfel haben Experten vor einem deutlich schnelleren Anstieg der Meeresspiegel gewarnt als bisher vorhergesagt. Sie wollen den Politikern nun neue Erkenntnisse als Entscheidungshilfe zusammenstellen.

Kopenhagen - Zehn Prozent der Weltbevölkerung, etwa 600 Millionen Menschen, sind in Gebieten zu Hause, die nur wenig über dem Meeresspiegel liegen. Vor allem sie haben Forscher im Blick, wenn sie den weltweiten Anstieg der Meeresspiegel in Folge des Klimawandels berechnen. Das Abschmelzen des Grönländischen und Antarktischen Eises und die thermische Ausdehnung des Wassers sind die wichtigsten Gründe für zukünftig steigende Pegel.

Eisberg im Scoresby Sund von Grönland (Archivbild 2001): "Der Welt bleibt nur noch wenig Zeit"
DPA

Eisberg im Scoresby Sund von Grönland (Archivbild 2001): "Der Welt bleibt nur noch wenig Zeit"

Auf einem Vorbereitungstreffen zur Uno-Weltklimakonferenz haben Experten nun vor einem deutlich schnelleren Anstieg der Meeresspiegel gewarnt als vom Uno-Weltklimarat (IPCC) vorhergesagt. Auf Basis einer neuen Modellberechnung könnten die Weltmeere bis zum Ende des Jahrhunderts um 75 bis 190 Zentimeter ansteigen, erklärten sie. Der Bericht des Weltklimarates (IPCC) vom März 2007 war von einem Anstieg um 18 bis 59 Zentimeter ausgegangen.

In der neuen Studie sind die Annahmen über die Temperaturentwicklung unverändert, allerdings wird darin dem Abschmelzen des Eises an Land eine größere Bedeutung eingeräumt. Forscher debattieren hitzig darüber, wie schnell etwa der grönländische Eisschild abschmilzt, der bei vollständigem Abschmelzen für einen sieben Meter höheren Meeresspiegel sorgen würde. In Kopenhagen stellte der Brite Jonathan Bamber von der University of Bristol eine neue Prognose vor, wonach der sogenannte tipping point, der Punkt, an dem der grönländische Eisschild komplett und unwiderruflich kollabiert, doch weiter entfernt sein könnte als von manchen Kollegen befürchtet.

Im Schnitt, so Bamber, müsse die Temperatur um sechs Grad steigen, um das Eis vollständig zum Schmelzen zu bringen. Frühere Schätzungen waren eher von einer kritischen Marke bei drei Grad ausgegangen.

Doch die mahnenden Stimmen bleiben: Selbst wenn es gelingen könnte, den Ausstoß der Treibhausgase erheblich zu verringern, müsse selbst unter "günstigsten Annahmen" mit einem Anstieg der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um etwa einen Meter gerechnet werden, sagte Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Er geht davon aus, dass sich die Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs in den kommenden Jahren erhöhen wird. Derzeit liegt sie im Schnitt bei drei Millimetern pro Jahr, wenn man als Start des Betrachtungszeitraums das Jahr 1993 nimmt.

Vor einigen Jahren seien die Warnungen vor der großen Bedeutung der Eisschmelze noch als Ansicht von Schwarzsehern abgetan worden, sagte Eric Rignot von der Universität von Kalifornien. Heute sei dies anerkanntermaßen ein wichtiger Faktor in der Klimaforschung. "Der Welt bleibt nur noch wenig Zeit", sagte der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri nach der Vorstellung der neuesten Forschungsergebnisse.

Ein Anstieg der Meeresspiegel um mehr als einen Meter könnte katastrophale Folgen etwa für China haben, warnte der britische Klimaexperte John Ashton. Wegen der schieren Größe von Chinas Bevölkerung sei damit auch die ganze Welt betroffen, fügte er hinzu. Und auch weitere Leidtragende gibt es: Bangladesch zum Beispiel droht der Verlust von etwa 17 Prozent seiner Landmasse, 15 Millionen Menschen würden ihr Obdach verlieren. Auch in Ländern wie Ägypten, Burma, den Niederlanden oder Dänemark drohen große Probleme - ganz zu schweigen von Inselstaaten wie den Malediven.

Die Forscher wollen bis zum Sommer ein Diskussionspapier für den Uno-Weltklimagipfel im Dezember zusammenstellen. Man wolle dem IPCC keine Konkurrenz machen, erklären die Forscher. Doch eine Auffrischung der Erkenntnisse sei wichtig. Bei dem Treffen, das vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen stattfindet, soll ein Nachfolger für das Kyoto-Protokoll zur Verringerung der Treibhausgase beschlossen werden.

chs/AFP/AP

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