Extrem-Wind: Sturm vor Australien blies mit Rekordstärke

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Er wütete mit 408 Kilometern pro Stunde: Vor der Nordküste Australiens wurde der Wind-Weltrekord außerhalb einer Windhose aufgestellt. 14 Jahre zögerten Forscher mit der Bekanntgabe, weil die Messung umstritten war. Eine neue Auswertung hat sie nun überzeugt.

Wirbelsturm über dem Pazifik: Die meisten Hurrikane blasen nicht mal halb so stark wie der neue Wind-Weltrekord Zur Großansicht
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Wirbelsturm über dem Pazifik: Die meisten Hurrikane blasen nicht mal halb so stark wie der neue Wind-Weltrekord

Anfang April 1996 gab es vor der Nordwestküste Australiens eine Sturmwarnung. Schiffe mussten abdrehen, als der Zyklon Olivia aufzog. Dass es so dramatisch werden würde, hatte freilich niemand erwartet. Olivia verursachte erhebliche Schäden. Auf Barrow-Island, 50 Kilometer nordwestlich Australiens, beschleunigte sich der Wind mit jeder Minute. Am frühen Abend des 10. April schossen mehrfach Böen mit mehr als 300 km/h über die Insel.

Wie die Weltorganisation für Meteorologie WMO erst jetzt bekanntgab, wurde am 10. April 1996 um 18.55 Uhr mit 408 Kilometern pro Stunde ein neuer Weltrekord festgestellt. Olivia übertraf damit den bisherigen Höchstwert von 372 Kilometer pro Stunde deutlich. Diese Windstärke hatte man im April 1934 auf dem Mount Washington in den USA gemessen.

Nur in Windhosen - die auch Tornados genannt werden - wurden höhere Geschwindigkeiten gemessen. Doch die schlauchartigen Wirbel treten nur lokal auf, sie bilden damit eine eigene Sturm-Kategorie. Flächendeckende Winde hingegen erreichen selbst in Hurrikanen, jenen Hunderte Kilometer breiten Wirbelstürmen, selten mehr als 200 Kilometer pro Stunde.

Grashalme stecken wie Igelstacheln in Holzwänden

Die Kraft eines Sturms von mehr als 400 Kilometern pro Stunde liegt jenseits menschlicher Erfahrung. Wer nie in einen Tornado geraten ist, wird sich die Energie kaum vorstellen können. Solch ein Wind kann Eisenbahnen von den Schienen heben, Hallen wie Gießkannen umherschleudern und Häuser zu Schutt raspeln, bis ihre Fundamente blank gefegt sind. Nach Extremstürmen wurden Grashalme gefunden, die wie Igelstacheln in Holzwänden steckten.

Gleichwohl ist der neue Weltrekord nicht unumstritten - was vermutlich der Grund dafür ist, warum die WMO die Messung erst nach fast 14 Jahren veröffentlicht hat. Der alte Höchstwert vom Mount Washington jedenfalls wurde eindeutig von einem weitflächigen Wind aufgestellt: Zwischen Bergketten beschleunigte der Sturm dort wie in einer Düse. Auf Barrow-Island hingegen gab es am frühen Abend des 10. April 1996 mehrere Extrem-Böen, die fast doppelt so stark waren wie der übrige Sturm, ohne dass die Form der Erdoberfläche als Beschleuniger in Frage gekommen wäre.

Meteorologen fragten sich deshalb, ob nicht doch eine Windhose im Spiel und ob die Messung korrekt abgelaufen war. Nach ausführlicher Analyse der Daten und Messgeräte habe man aber nun festgestellt, dass der Rekord einwandfrei sei, berichtet der Meteorologe Pierre Bessemoulin von Meteo France, der an der Auswertung beteiligt war.

Die WMO macht einen sogenannten Meso-Vortex verantwortlich: Zyklone wie Olivia haben in ihrer Mitte ein wolkenfreies Auge wie Hurrikane. Um das windstille Auge herum herrscht extreme Turbulenz, Luft bricht nach oben durch und saugt weitere Luft an - ähnlich wie eine Windhose. Im Gegensatz zur Windhose wird die Luft im Meso-Vortex jedoch nicht nur nach oben gesogen, sondern strömt auch in die Umgebung. So werden auf weiter Fläche Extrem-Winde erreicht.

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