Extreme Bedingungen Mehrzelliges Tier lebt ohne Sauerstoff

Forscher haben im Mittelmeer das erste mehrzellige Tier entdeckt, das völlig ohne Sauerstoff lebt - und zwar dauerhaft. In mehr als 3000 Metern Tiefe krallen sich die Winzlinge an Sandkörnern fest.

Mittelmeer (mit Windjammer "Alexander von Humboldt"): Leben in unwirtlicher Tiefe
dpa

Mittelmeer (mit Windjammer "Alexander von Humboldt"): Leben in unwirtlicher Tiefe


London - Fast alle Tiere gewinnen ihre chemische Energie mit Hilfe von Sauerstoff. Nur ein paar Exoten in besonders extremen Lebensräumen haben andere Wege gefunden, zum Beispiel Bakterien, die ihre Energie aus Schwefelverbindungen ziehen. Andere Winzlinge wiederum reduzieren Elemente wie Mangan, Eisen oder Cobalt.

Meist sind es denkbar simple Kreaturen, die derartige Atemtricks beherrschen. Vor Griechenland, am Grund des östlichen Mittelmeers, haben Forscher jetzt aber zum ersten Mal auch einen Mehrzeller gefunden, der sein ganzes Leben ohne Sauerstoff auskommt.

Eine italienisch-dänische Wissenschaftlergruppe um Roberto Danovaro von der Università Politecnica delle Marche in Ancona berichtet im Fachjournal "BMC Biology" über ihre Resultate. Die Forscher hatten im Rahmen des Mammutprojekts Census of Marine Life (siehe Fotostrecken links) 0,2 bis 0,3 Millimeter kleine Meerestiere aus der Gruppe der Loricifera (Brustpanzer- oder Korsett-Tierchen) untersucht. Deren Lebensraum ist das Wasser zwischen den Sandkörnern, an denen sie sich extrem fest anheften.

Auf drei Expeditionen nahmen die Meeresbiologen Proben, und zwar in sehr sauerstoffarmen und salzhaltigen Regionen am Grunde des Mittelmeers - in 3000 Metern Wassertiefe. Dabei machten die Forscher gleich drei neue noch namenlose Loricifera-Arten aus. Diese Organismen, das berichten die Wissenschaftler, scheinen dauerhafte Bewohner der unwirtlichen Tiefen zu sein. Somit verbringen sie ihr gesamtes Leben ohne Sauerstoff.

"Dies ist der erste Nachweis eines Lebenszyklus bei Mehrzellern, der ohne Sauerstoff auskommt", schreiben die Meeresbiologen. Die Anatomie der winzigen Wassertierchen sei an die besonderen Bedingungen angepasst: Statt Mitochondrien verfügen die Zellen der Tiere über Strukturen, die sogenannten Hydrogenosomen ähneln. Das sind Zellbestandteile, die manchen Einzellern ein Leben ohne Sauerstoff ermöglichen.

In diesen Zellorganellen laufen biochemische Stoffwechselvorgänge ab, für die Sauerstoff nicht benötigt wird. Wie in den Mitochondrien dienen diese zur Erzeugung von Energie.

chs/dpa

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