Extremes Wetter Robbenfänger sitzen im Eis fest - Schiffe drohen zu sinken

Fast 200.000 Robben wurden in dieser Saison vor der Küste Kanadas getötet - den restlichen kommt jetzt das Wetter zu Hilfe. Mehr als 100 Jagdschiffe sitzen im Packeis fest, den Besatzungen gehen Essenvorräte und Treibstoff aus, manche Schiffe drohen unterzugehen.


Ottawa - Das blutige Schlachtfest unter den Robben der Arktis stößt Jahr für Jahr auf scharfen internationalen Widerspruch. Dennoch hat die kanadische Regierung in dieser Saison 270.000 Robben zur Tötung freigegeben - obwohl das rapide schmelzende Eis der Arktis allein in diesem Jahr rund 100.000 Jungtiere ertrinken ließ, wie selbst Experten der kanadischen Regierung schätzten.

Doch jetzt scheint das Eis den Robben ironischerweise zu Hilfe kommen: Die Fangflotte steckt im Packeis fest, und das bereits seit Tagen. Wie die kanadische Küstenwache mitteilte, mussten bereits mehrere Seeleute von ihren Schiffen gerettet werden. Das Eis drohe mindestens 15 der mehr als 100 festsitzenden Boote zu zermalmen. Eisbrecher der kanadischen Küstenwache bahnten sich ihren Weg zu den Robbenfängern vor der Nordostküste Neufundlands.

Extreme Eisverhältnisse trotz globaler Erwärmung

Die derzeitigen Eisverhältnisse sind ein gutes Beispiel dafür, dass Klimawandel nicht gleich Wetterwandel ist: Während das Eis in den hohen nördlichen Breiten im Jahresmittel seit Jahrzehnten immer schneller zurückgeht, kann es dennoch zu lokalen Wetterextremen kommen, die zu starken Eiskonzentrationen führen. Derzeit ist es vor allem der starke Nordostwind, der das Packeis in den Sankt-Lorenz-Golf treibt, wo die Robben ihre Jungen gebären. In der Gegend ansässige Fischer sprechen von den schlimmsten Eisverhältnissen der vergangenen 20 Jahre.

Brian Penney von der Küstenwache sagte, dass eingeschlossene Robbenfänger möglicherweise mit Hubschraubern gerettet werden müssten, wenn der Nordostwind die Packeis-Schollen noch weiter zusammentreibe. "Manche Schiffe sind manövrierunfähig, andere beschädigt", sagte Penney. "Einige Besatzungen sind auf das Eis gegangen, weil es gut möglich ist, dass ihre Schiffe sinken." Eine Schiffsbesatzung sei bereits per Helikopter ausgeflogen worden.

Zugleich versucht die Küstenwache, andere eingeschlossene Schiffe mit Lebensmitteln zu versorgen. "Neben dem Treibstoff werden auch die Vorräte auf manchen Schiffen knapp", erklärte Penney. Allerdings habe schlechtes Wetter bereits den Start von Rettungsflugzeugen verhindert. Den Wetterberichten zufolge soll sich die Lage in den nächsten Tagen noch verschärfen.

Rund 180.000 Robben bereits erlegt

Rund 180.000 Robben hilft das allerdings nicht mehr: Nach Angaben des kanadischen Department of Fisheries and Oceans (DFO), das Anfang April die Jagdsaison eröffnet hat, ist die diesjährige Fangquote von 270.000 Robben bereits zu zwei Dritteln erfüllt.

In den vergangenen drei Jahren wurden in Kanada fast eine Million Robben getötet; 2006 waren es rund 335.000. In diesem Jahr hat Kanada die Fangquote auf 270.000 gesenkt, was Tierschützer noch immer für zu viel halten. Die Jäger verkaufen die Felle an die Modeindustrie in Norwegen, Russland und China. Für ein Robbenfell bekommen sie umgerechnet etwa 57 Euro. Nach Behördenangaben halten sich rund 5,5 Millionen Grönlandrobben in kanadischen Gewässern auf.

International wird Kanada wegen der Jagd scharf kritisiert, und das nicht nur von Tierschützern. Die USA haben die Einfuhr von kanadischen Robben-Produkten bereits 1972 verboten. Die Europäische Union hat 1983 die Einfuhr der weißen Robbenbaby-Felle untersagt.

mbe/AFP/rtr



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