Extremwetter: Das ist der Klimawandel! Oder?

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Die weltweite Erwärmung ist eine Tatsache, aber hat sich das Wetter in Deutschland schon verändert? Gibt es mehr Stürme, mehr Regen und weniger weiße Weihnachten als früher? Ein Realitätscheck zeigt, was Einbildung ist - und was Wirklichkeit.

Sommer, Sonne, Stürme: Deutschlands Klima im Realitätscheck Fotos
DPA/ Claudia Hinz

Hamburg - Alle Jahre wieder die Enttäuschung: kein Schnee zu Weihnachten. Früher, lamentieren die Mitteleuropäer gern, habe an Heiligabend meist eine dichte Schneedecke gelegen. Nun hingegen dominiere graue Tristesse. Schuld sei - der Klimawandel!

Der Uno-Klimarat veröffentlicht am Freitag seinen Bericht über Extremwetter; SPIEGEL ONLINE hatte die wesentlichen Ergebnisse bereits vorab veröffentlicht. Vorhergesagt werden unter anderem mehr Hitzewellen und Hochwasser. Aber welche Klimaänderungen sind jetzt schon spürbar in Mitteleuropa?

Meteorologen entzaubern die Geschichten von der weißen Weihnacht und andere Wetterlegenden. Es ist zwar in den vergangenen 100 Jahren um knapp ein Grad Celsius wärmer geworden in Deutschland. Doch welche Wetterphänome haben sich dabei tatsächlich verändert? SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick.

Gab es früher häufiger weiße Weihnachten?

Der Blick in die Wetterstatistik zeigt, dass Schnee zu Weihnachten in Deutschland seit jeher selten ist. München ist die Großstadt mit der größten Chance, berichtet der Deutsche Wetterdienst (DWD): In der bayerischen Hauptstadt liegt vom 24. bis 26. Dezember etwa alle drei Jahre eine geschlossene Schneedecke. Dresden feiert immerhin alle fünf Jahre weiße Weihnachten, Hamburg alle neun Jahre. Frankfurt am Main und das Rheinland bei Aachen können nur jedes zehnte Jahr mit Schnee rechnen. Laut DWD war 1981 das letzte Jahr mit weißer Weihnacht in ganz Deutschland.

Trotz der Klimaerwärmung war Schnee zu Weihnachten früher nicht häufiger, berichtet der Wetterdienst. Die Legende der weißen Weihnacht sei Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, hat Martine Rebetez von der Schweizerischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft herausgefunden: 1863 tauchten in Europa die ersten Weihnachtskarten mit Schneepanorama auf, berichtet die Klimaforscherin.

Inspiriert seien die Bilder vermutlich vom winterlichen Neuengland in den USA oder dem Schweizer Hochgebirge, meint Rebetez. Dort liegt an Weihnachten tatsächlich meist Schnee. Die romantischen Postkarten kamen in Mode. Selbst australische Weihnachtskarten zeigen üblicherweise verschneite Landschaften, obgleich dort zu der Jahreszeit Hochsommer herrscht.

Gibt es mehr Stürme als früher?

"Lothar", "Xynthia", "Kyrill" - in den letzten Jahren zogen einige schwere Stürme über Europa, die große Schäden angerichtet haben. Schnell wurde der Klimawandel als Ursache ins Spiel gebracht. Doch alle Statistiken zeigen, dass es in Nordeuropa in den letzten Jahren nicht mehr Stürme gab als vor 100 Jahren. Die Zahl der Tage mit Starkwind hat sogar eher abgenommen.

Noch rätseln Klimaforscher, wie es weitergeht: Erwärmen sich die Polarregionen, könnten sich Luftdruck-Gegensätze abmildern - und Stürme schwächen. Oder facht die zunehmende Wärmeenergie Winde an? Prognosen geben bislang keine eindeutige Antwort.

Kommt der Frühling früher?

Was war das für ein schöner Frühling 2011: Viele Pflanzen blühten drei Wochen eher als üblich. Auch in den zehn Jahren zuvor maßen Meteorologen ungewöhnlich viele trockene, warme Frühjahre. Ist das nur eine Phase, oder hat sich das Klima geändert?

Tatsächlich hat sich das Klima in Deutschland seit den achtziger Jahren deutlich verschoben: Aufzeichnungen von Botanikern zeigen, dass die Vegetation zuvor an recht konstanten Zeiten zu keimen begann. Aber seither kommt der Frühling ein bis zwei Wochen früher als die meiste Zeit im 20. Jahrhundert, die Wärme lässt Pflanzen eher sprießen. Ihre Blätter behalten sie inzwischen auch etwa eine Woche länger als im Laufe des 20. Jahrhunderts - der Herbst kommt später.

Regnet es mehr als früher?

Die Menge an Niederschlag schwankt sehr stark von Jahr zu Jahr und von Region zu Region. Gleichwohl konstatiert der Deutsche Wetterdienst eine leichte Zunahme der Niederschläge in den vergangenen 110 Jahren. Während es im Sommer aber keinen Trend gibt, regnet und schneit es im Winter deutlich mehr als früher. Im Winter bringen Westwinde vermehrt Regenwolken vom Atlantik nach Europa - die Ursache der Witterungsänderung ist allerdings unklar.

In manchen Regionen verzeichnen Meteorologen vermehrt Starkregen im Sommer: Vor allem in Sachsen, Südbrandenburg, Niedersachsen und im Voralpenraum. Dieser Trend entspricht den Klimavorhersagen des Uno-Klimarats: Wärmere Luft speichert mehr Feuchtigkeit - prallen Luftmassen aufeinander, regnet es.

Gibt es mehr Hitzewellen und Dürre?

Die Statistik des Deutschen Wetterdienstes ist eindeutig: Seit den fünfziger Jahren erlebte Deutschland von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr Hitzetage: Entlang des Oberrheingrabens sind es am meisten, dort ist es mittlerweile an 15 bis 18 Tagen im Jahr wärmer als 30 Grad im Schatten. Mitte des 20. Jahrhunderts waren es noch halb so viele. Im Großteil Deutschlands gibt es inzwischen etwa acht bis zwölf Hitzetage mit mehr als 30 Grad; an der Küste sind es allerdings selten mehr als fünf Tage pro Jahr.

Mit der Hitze kommt oft Dürre, sofern auch Gewitter ausbleiben. Trockenheit hat sich im Sommer vor allem im Osten ausgebreitet: Dort gibt es in manchen Regionen mittlerweile an rund 70 Tagen pro Jahr weniger als einen Millimeter Niederschlag - etwa die Hälfte mehr als noch vor 50 Jahren.

Ist es sonniger geworden?

Die gute Seite der Klimaänderung zeigt sich vor allem darin, dass die Winter heller geworden sind - obgleich es gleichzeitig auch mehr regnet (siehe oben): In weiten Teilen Deutschlands scheint in der kalten Jahreszeit etwa zehn Prozent mehr Sonne als früher. Auch im Frühling gibt es deutlich häufiger Sonnenschein. Sommer und Herbst hingegen haben sich bei der Sonnenscheindauer kaum verändert. Aktuelle Wetterdaten zeigen das neue Klima in Deutschland für alle Regionen.

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insgesamt 137 Beiträge
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1. Der Unterschied liegt ganz woanders ...
FoxhoundBM 17.11.2011
Ich erinnere an die letzten Hochwasser in Australien und Pakistan. Ein betroffener Australier hat im Fernsehen gesagt: "Solche Hochwasser haben wir hier alle 30 Jahre" Und ein Pakistani erzählte ebenfalles: "Ein solches Hochwasser hatten wir vor 90 Jahren auch". Nur damals gabs kein Internet, welches Katastrophenmeldungen in Minutenschnelle verbeitet hat und was in Pakistan oder Australien passiert ist, hat hierzulande kein Schwein interessiert. Und auch gab es noch keine Medien, die sofort alles sensationsgeil hinausposaunt haben ... Natürlich ensteht dann beim Leser/Zuschauer/Zuhörer der Eindurck, dass sich seit früher alles gehäuft hat.
2. .
quone 17.11.2011
Zitat von sysopDer weltweite Klimawandel ist eine Tatsache, aber hat sich das Wetter in Deutschland*schon*verändert? Gibt es mehr Stürme, mehr Regen und weniger weiße Weihnachten als früher? Ein Realitätscheck zeigt, was Einbildung ist - und was Wirklichkeit. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,798277,00.html
Der Weltweite Klimawandel ist eine Tatsache? Von mir aus, das Klima ändert sich seit Anbeginn der Erde ständig. Nur dass der Mensch irgendetwas damit zu tun hat ist alles andere als bewiesen. Es sei denn die gefälschten Hockeystick Diagramme gelten immer noch als Beweis
3. Nö.
mneisen 17.11.2011
Zitat von sysopDer weltweite Klimawandel ist eine Tatsache, aber hat sich das Wetter in Deutschland*schon*verändert? Gibt es mehr Stürme, mehr Regen und weniger weiße Weihnachten als früher? Ein Realitätscheck zeigt, was Einbildung ist - und was Wirklichkeit. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,798277,00.html
Eher nicht. Extremwetterereignisse ereignen sich auch nicht häufiger als früher - wir bekommen sie nur besser mit: Satelliten zeigen uns *jeden* Sturm, und durch die höhere Bevölkerungsdichte ist es unwahrscheinlich, dass ein Sturm/eine Flut/... irgendwo auftritt, ohne gleich viele, viele Menschen zu treffen. Nach der gleichen Logik (dass nämlich z.B. die Schadenshöhen durch Stürme steigen und es deshalb ja auch *bestimmt* viel mehr schwere Stürme gibt) kann man auch argumentieren, dass der vermutete Klimawandel Erdbeben, Vulkanausbrüche und sogar Flugzeugabstürze verursacht: Alle drei Katastrophentypen erzeugen immer mehr Schäden mit immer mehr betroffenen Menschen. Aber halt: Die ersten beiden sind darauf zurückzuführen, dass es immer mehr Menschen gibt, die Bevölkerungsdichte also steigt und bei jeder solchen Katastrophe mehr Menschen betroffen sind, und die letzte (Flugzeugabsturz) hat etwas mit der starken Zunahme des zugrunde liegenden Ereignisses zu tun: Wenn immer mehr Menschen fliegen, kann das Fliegen wegen des technischen Fortschritts zwar relativ betrachtet sicherer werden (weniger Abstürze pro 100000 Personenkilometer), absolut betrachtet die Zahl der Unfälle aber dennoch steigen. Das Problem der Klima"wissenschaft" ist nach wie vor, dass sich dort vor allem Leute tummeln, die eine politische Agenda verfolgen, gleichzeitig aber über grundlegende Mängel in Statistik und Physik verfügen. Damit helfen sie nicht dem Klima - denn sie machen die ganze Disziplin unglaubwürdig.
4. Beweise in der Wissenschaft
b_russel 17.11.2011
Zitat von quoneDer Weltweite Klimawandel ist eine Tatsache? Von mir aus, das Klima ändert sich seit Anbeginn der Erde ständig. Nur dass der Mensch irgendetwas damit zu tun hat ist alles andere als bewiesen.
Richtig. Die Evolutionstheorie und die Gravitationstheorie sind ja auch bewiesen. Es sind halt die Theorien, die am besten zu den Beobachtungen passen ;-)
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
FoxhoundBM 17.11.2011
Zitat von mneisenDas Problem der Klima"wissenschaft" ist nach wie vor, dass sich dort vor allem Leute tummeln, die eine politische Agenda verfolgen, gleichzeitig aber über grundlegende Mängel in Statistik und Physik verfügen. Damit helfen sie nicht dem Klima - denn sie machen die ganze Disziplin unglaubwürdig.
Wenn es früher irgednwo zu unwirtlich (zu heiß, zu kalt, zu trocken, zu feucht) wurden, haben unsere Vorfahren die Koffer gepackt, und sind weitergezogen. z.B. heißt Grönland so, weil die Wikinger auf "Grünland" Getreide anbauen konnten, bis klimatische Veränderungen einsetzten. Heute wird uns eingeredet, dass es ein "Normalklima" gäbe und jede Veränderung schlecht wäre . Die Fußnote daran ist, dass wir uns mittlerweile so auf der Erde breitgemacht haben, dass die Veränderungen tatsächlich für Teile der Menschheit schwer zu verkraften sind. Bei 7.000.000.000 Menschen gibt es nicht mehr so viele Möglichkeiten, die Menschheit "ein bisschen einzugrenzen", also die unwirtlich gewordenen Gebiete zu verlassen und die durch den Klimawandel neu zugänglichen Gebiete zu besiedeln. Mal abgesehen davon, dass es politisch vollkommen undenkbar scheint. Aber so war bis vor kurzem (in weltgeschichtlichen Maßstäben gesehen) der normale Lauf der Dinge. Anpassen oder Aussterben. So einfach ist das eigentlich. Die "Church of Global Warming" propagiert den dritten Weg: Wir verändern einfach die Welt, setzen ein Normalklima fest und versuchen, diesen Status Quo um jeden Preis zu erhalten. Na viel Spaß ...
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