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Falsche Temperaturrekorde: Nasa muss Klimastatistik korrigieren

Ein Fehler in der US-Temperaturstatistik hat das Jahr 1998 zum wärmsten Jahr seit 1880 gemacht. In Wahrheit war es jedoch das Jahr 1934. Der Rechenfehler ändert zwar nichts am globalen Temperaturtrend - Klimaschutz-Gegner nutzen ihn jedoch als Steilvorlage.

Wenn Wissenschaftler Rechenfehler eingestehen müssen, dann ist das immer ein bisschen peinlich. Für James Hansen, einen der Gurus des Klimaforschung, geht es jedoch nicht nur um unangenehme Korrekturen von Temperaturstatistiken für die USA - es geht auch ein bisschen um die Glaubwürdigkeit der von ihm und vielen anderen Klimaexperten vertretenen Auffassung, dass sich die Welt bereits mitten im Klimawandel befindet.

Dazu passte auch perfekt die bislang von Hansen und seinen Nasa-Kollegen vertretene Behauptung, dass die USA 1998 das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen (also seit 1880) erlebt hat. 1,24 Grad Celsius habe die Temperatur 1998 über dem langjährigen Durchschnitt gelegen - Rekord - so stand es in Statistiken des Goddard Institute for Space Studies der Nasa.

Doch in Wahrheit war 1934 das wärmste Jahr in den USA im Zeitraum von 1880 bis heute, wie sich nun herausstellt. Denn in der Kalkulation, mit der die Forscher aus den Messwerten Hunderter Stationen landesweit einen Jahresdurchschnittswert ermittelten, steckten einige kleinere Fehler.

Städte wärmten Messstationen

So wurden Werte von einst ländlichen Messstationen, die längst urbanisiert sind, ohne Anpassung übernommen. Mancherorts gab es auch Messungen zu falschen Tageszeiten. Ergebnis: Die Temperaturen - vor allem aus dem Jahr 2000 - waren laut Statistik höher als in Wirklichkeit. Wissenschaftler der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) hatten dies bereits vor einigen Jahren bemerkt - in den Kalkulationen der Nasa blieb es jedoch unberücksichtigt.

Aufgedeckt hatte die Rechenfehler der Kanadier Stephen McIntyre, der das Blog Climateaudit.org betreibt. McIntyre hatte die Nasa-Forscher auf die Ungenauigkeiten hingewiesen, die Fehler wurden daraufhin korrigiert. Ausdrücklich bedankten sich die US-Wissenschaftler bei dem Kanadier für seinen Hinweis, die einen "künstlichen Sprung" in den Temperaturdaten im Jahr 2000 verhindern würden, wie es nun auf der Webseite des Goddard Institute heißt.

Die Korrektur der Temperaturstatistik fällt eigentlich nur in den Jahren 2000 bis 2005 größer als ein Hundertstel Grad aus - siehe Tabelle unten. Hansen erklärte, die vergangenen sechs Jahre seien um 0,15 Grad Celsius kälter gewesen als bislang behauptet. Zumindest an einem Punkt hatte die Neukalkulation aber größere Auswirkungen: bei der Frage, welches Jahr das wärmste aller bisher gemessenen war. Nach der Neuberechung lagen die Temperaturen 1998 nur um 1,23 und nicht um 1,24 Grad Celsius über dem Durchschnitt. Konsequenz: Nun gilt 1934 mit einem Plus von 1,24 als das wärmste Jahr Amerikas seit 1880.

Hockeyschläger, Korrekturen und Politik

McIntyre, ein ehemaliger Bergbau-Manager, ist in Sachen Klimawandel kein unbeschriebenes Blatt. Aufsehen erregte seine gemeinsam mit Ross McKitrick vorgetragene Kritik an dem Hockeyschläger-Diagramm des Klimaforschers Michael Mann. Mann hatte 1999 zusammen mit Kollegen ein Temperaturdiagramm der vergangenen 1000 Jahre veröffentlicht, das aussah wie ein Hockeyschläger. McIntyre äußerte Zweifel an den Berechnungsmethoden, die - wie sich später herausstellte - durchaus berechtigt waren. Umweltschützer warfen ihm jedoch vor, den Klimawandel in Frage zu stellen und damit Öl- und Kohle-Konzernen in die Hände zu spielen.

Temperaturen in den USA
Jahr alte Abweichung korrigierte Abweichung
1990 0,88 0,87
1991 0,69 0,69
1992 0,31 0,30
1993 -0,43 -0,44
1994 0,47 0,46
1995 0,35 0,34
1996 -0,18 -0,17
1997 0,05 0,03
1998 1,24 1,23
1999 0,94 0,93
2000 0,65 0,52
2001 0,89 0,76
2002 0,67 0,53
2003 0,65 0,50
2004 0,54 0,54
2005 0,99 0,69
Abweichungen vom Jahresdurchschnitt in Grad Celsius
"Die haben einfach schlecht gearbeitet", kommentierte der Blogger die Statistikfehler der Nasa. "Wo ich herkomme, da muss man auch negative Dinge publizieren", sagte er gegenüber der britischen Zeitung "The Guardian". Die Nasa habe es abgelehnt, ihm die komplexe Rechenmethodik zugänglich zu machen, mit der sie ihre Statistiken berechne.

Skeptiker des Klimawandels beziehungsweise von Klimaschutzmaßnahmen nutzen die fehlerhafte Temperaturstatistik indessen als Steilvorlage. "Die von Menschenhand gemachte Erderwärmung kommt in Wahrheit aus der Nasa", sagte der konservative Radiomoderator Rush Limbaugh. Der Klimawandel gehe auf fehlerhafte Daten in der Wissenschaftlergemeinde zurück.

"Korrektur ändert nichts am Verständnis vom Klimawandel"

Sterling Burnett vom National Center for Policy Analysis (NCPA), einem konservativen Think-Tank, bezichtigte Hansen indirekt der Lüge. Der Klimaforscher James habe früher fälschlicherweise behauptet, dass die meisten Hitze-Rekordjahre seit 1990 registriert worden seien. "Während die falschen Angaben für Schlagzeilen gesorgt haben, wurden die Korrekturen weitgehend ignoriert", meinte Burnett. Viele der aktuellen Ängste wegen der globalen Erwärmung basierten auf falschen Aussagen der Nasa-Wissenschaftler.

Hansen wies die Vorwürfe umgehend zurück. Seine Kritiker machten aus einer Mücke einen Elefanten. "Die Korrektur ändert nichts an unserem Verständnis vom Klimawandel", sagte er der "Washington Post". Am Langzeit-Trend habe sich nichts geändert. In der Tat betreffen die nun vorgenommenen Korrekturen hauptsächlich die vergangenen sechs Jahre - und nicht etwa die letzten hundert oder tausend Jahre.

hda

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Klimaforschung: Rechenfehler in Temperaturstatistik

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