Fehler im IPCC-Bericht: Gletscherpanne empört Umweltminister Röttgen

Bundesumweltminister Röttgen übt harsche Kritik am Weltklimarat: Die peinliche Fehlprognose über das Abschmelzen der Himalaja-Gletscher hätte nicht passieren dürfen, sagte der CDU-Politiker dem SPIEGEL. Wissenschaftler drängen IPCC-Chef Rajendra Pachauri jetzt sogar zum Rücktritt.

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Himalaja: Streit über Gletscherschmelze

Der Bericht des Weltklimarats IPCC nannte das rapide Abschmelzen der Himalaja-Gletscher als eine der bedrohlichsten Folgen der globalen Erwärmung. Die Prognose lautete: Schon bis zum Jahr 2035 könnten die Gletscher verschwunden sein. Doch wie der kanadische Geograf Graham Cogley entdeckt hatte, sind die Vorhersagen wissenschaftlich gar nicht fundiert.

Vergangene Woche wurde die Schlamperei publik, jetzt zeigt sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) verärgert, weil der IPCC die nicht haltbare Vorhersage über das Abschmelzen der Himalaja-Gletscher bis 2035 zurückgenommen hat.

"Der Fehler im IPCC-Bericht ist gravierend und hätte nicht vorkommen dürfen", sagte Röttgen dem SPIEGEL. "Wissenschaftliche Genauigkeit ist unabdingbare Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der politischen Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen." Zwar glaubt der Minister weiter an die generelle Beweiskraft des IPCC-Berichts. Dennoch fordert Röttgen Konsequenzen: "Die Entstehung und die Kommunikation des Fehlers müssen grundlegend aufgearbeitet werden."

Während der Experte Hans Joachim Schellnhuber eine Reform der Institution verlangt, fordern andere Wissenschaftler gar den Rücktritt des Weltklimaratschefs Rajendra Pachauri. Der deutsche Klimastatistiker Hans von Storch ist der Meinung, Pachauri solle den Posten zur Verfügung stellen, "um weiteren Schaden vom IPCC abzuwenden." Kritisiert wird insbesondere, dass der IPCC-Chef so lange wartete, bevor er die falschen Prognosen zurückziehen ließ. "So wollte Pachauri möglicherweise mit seiner zögerlichen Aufklärung die Forschungsprojekte seines eigenen Instituts schützen", sagt Storch.

Zwar hatte Pachauri vergangene Woche noch versprochen, man werde sich "die Sache mit den Himalaja-Gletschern anschauen und eine Position dazu in den nächsten Tagen einnehmen", doch bisher tritt der IPCC-Chef nur die Flucht nach vorne an und verteidigt sich mit Zeitmangel: "Alle im IPCC waren damals mit den Vorbereitungen für den Klimagipfel in Kopenhagen beschäftigt", sagt Pachauri.

Dennoch hält der Leiter des Weltklimarats an der generellen Feststellung fest, dass die Gletscher wegen der globalen Erwärmung zurückgingen. Sie sei "richtig, unbestreitbar und wissenschaftlich fundiert". Die Möglichkeit weiterer Fehler in dem Klimabericht sei "minimal oder gleich null", ließ Pachauri am Samstag in einer Pressemitteilung verlauten.

Glaubwürdigkeit bröckelt

Der Schaden, den die wissenschaftliche Fehlprognose über das Abschmelzen der Himalaja-Gletscher für den IPCC angerichtet hat, dürfte aber kaum noch abzuwenden sein. Der Kanadier Cogley ist vor allem erzürnt, weil unter dieser Fehlleistung die Glaubwürdigkeit des Gesamtwerkes leidet. "Dummerweise ist die Himalaja-Passage von der Öffentlichkeit so schnell aufgegriffen worden", klagte Cogley.

Sowohl Klimaschützer als auch Politiker maßen dieser Passage eine hohe Bedeutung zu, denn wenn die Gletscher schmelzen, sei die Versorgung mit Wasser für Milliarden Menschen in Asien und vor allem in Indien und China gefährdet. In dem Bericht stand unter anderem, die Gesamtfläche der Gletscher werde "wahrscheinlich bis ins Jahr 2035 von derzeit 500.000 Quadratkilometer auf 100.000 Quadratkilometer schrumpfen." Es sei "sehr wahrscheinlich", dass die Gletscher des höchsten Gebirges der Welt schon bis 2035 verschwunden seien.

Cogley hatte jedoch herausgefunden, dass diese Schätzung im IPCC-Report lediglich auf einer groben Berechnung aus dem Jahr 1996 des russischen Gletscherforschers Vladimir Kotlyakov fußte. Dieser ging aber davon aus, dass im Jahr 2350 nur noch ein Fünftel des Himalaja-Eises vorhanden sein könnte - und nicht im Jahr 2035.

Für die Klimaforschung ist das bereits die zweite große Panne. Vergangenen Herbst hatten Hacker Hunderte E-Mails vom Server der Climate Research Unit der Universität von East Anglia gestohlen und im Internet publiziert.

cib/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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1. Forschungsgelder
jgb 23.01.2010
Da geht wie überall um Geld für die Forschung. Die bekommt man leichter wenn man ein Horrorszenario entwirft, welches Laien nicht nachvollziehen können.
2. Rücktritte?
nocheinbuerger 23.01.2010
Zitat von sysopBundesumweltminister Röttgen übt harsche Kritik am Weltklimarat: Die peinliche Fehlprognose über das Abschmelzen der Himalaja-Gletscher hätte nicht passieren dürfen, sagte der CDU-Politiker dem SPIEGEL. Wissenschaftler drängen IPCC-Chef Rajendra Pachauri jetzt sogar zum Rücktritt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,673568,00.html
Da werden noch einige Leute zurücktreten müssen, wenn erst das ganze Ausmaß des Klimaschwindels ans Licht kommt.
3. Selbstverantwortung groß schreiben
anbue 23.01.2010
Viel schlimmer fand ich, das die Prognosen über den Anstieg des Meeresspiegels beim Erscheinen des letzten IPCC-Berichtes schon überholt waren und deutlich zu gering ausgefallen sind, weil neuere Forschungsergebnisse nicht mehr einbezogen wurden oder werden konnten. Da entstand doch eher der Verdacht, dass das Szenario weichgespült werden sollte. Ganz allgemein bleibt festzuhalten, dass weder Finanz-, Umwelt- noch Verteidigungsminister sich hinter "Experten" und deren Berichten und Prognosen verstecken können. Für die Auswahl der Experten und der Berichte, die sie lesen, sind sie selbst verantwortlich.
4. Klimaschwindel?
robdan, 23.01.2010
Ok. Wenn hier falsche Prognosen getroffen ist das wohl ägerlich, ist mir aber immer noch lieber, dass in diesem sensiblen Bereich übertrieben, statt untertrieben wird. Scheinbar kann man nur über das Thema Kimawandel die Politik/Konzerne erreichen, da dieses Thema ja immer mit sehr hohen Kosten verbunden ist. Wenn aber jemand "nur" über Umweltschutz redet dann interessiert sich doch keine Sau dafür. Das Problem ist man muss übertreiben um wenigstens ein bisschen zu erreichen. Die Tropenwälder werden doch immer noch abgeholzt...bio sprit und bio energie (aus palmöl gewonnen ->Regenwald weg). ich würde mal sagen, dass die Umweltzerstörung 1000 mal gefährlicher ist als irgendein Terrorist und wieviel Geld wird für den Kampf gegen den Terror ausgegeben. Mittlerweile ist es doch sogar so, dass Umweltschützer die radikaler werden und sich nicht mehr mit leeren Versprechungen abspeisen lassen als Terrorist hingestellt werden. Mittlerweile ist doch jeder der sich gegen die Lobby der Konzerne und Politikerinteressen stellt ein Terrorist. Und Umwelt- oder Tierschützer ein Schimpfwort. Naja dann noch viel Spaß beim aufregen über falsche Berichte die irgendwann Realität werden. Umweltminister bei Schwarz/Geld? Ist wohl ein Widerspruch in sich. Motto des Menschen: Nach mir die Sintflut.
5. "Umwelt"-Ministers Röttgen (CDU) dankbar für Ablenkung
Axel123456789, 23.01.2010
"Umwelt"-Minister Röttgen (CDU) ist derzeit sicher für jede Ablenkung von seiner Atomindustrie-Politik dankbar. >Aus für Atomausstieg< http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,673585,00.html Danke, Herr "Umwelt"-Minister!
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IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.